In Ruinen gespielt. Auf dem Eis getanzt: das Nachkriegskind

Shownotes

Wie wird man, wer man ist? Florian Holsboer – ein Leben in vier Folgen. Teil 1: In Ruinen gespielt. Auf dem Eis getanzt: das Nachkriegskind

Florian Holsboer ist einer der weltweit renommiertesten Neurowissenschaftler und Deutschlands bekanntester Psychiater. In dieser und den nächsten drei Folgen blickt er auf seine persönliche Lebensgeschichte zurück. Was bedeutet es, nur 19 Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Luftschutzkeller geboren zu werden?

Wie fühlt sich eine Kindheit an zwischen Trümmern, Ruinen, Schwarzmarktgeschäften auf dem Kinderroller und dem Geschmack der allerersten Orange?

Was heißt es, in einer Schauspielerfamilie aufzuwachsen – zwischen Theaterbühnen, Filmstudios und einer ungewöhnlichen Familienkonstellation mit zwei Vätern?

Wie sehr prägen der frühe Verlust des leiblichen Vaters und die Erziehung durch einen Stiefvater, der als Marineoffizier zur Entourage Kaiser Wilhelms II. gehörte und später zu einem der bedeutendsten Filmproduzenten seiner Zeit wurde?

Und welche Rolle spielen das Eis, die Steiner-Schule und die Chemie?

Eine sehr persönliche Folge über Liebe und Verlust, Freiheit und Disziplin, das Aufwachsen in der Nachkriegszeit – und über die ersten entscheidenden Abzweigungen eines außergewöhnlichen Lebens.

Moderation: Daniela Holsboer Zu Gast: Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Florian Holsboer

KAPITEL

00:00 Intro 02:31 Wie fühlt es sich an, 80 zu werden? 03:44 Länger leben, aber auch länger krank 04:32 Das Geheimnis eines langen Lebens 07:03 Vegan essen, kein Alkohol – wirklich gesünder? 07:46 Geboren 19 Tage nach Kriegsende 12:18 Honigbrote in einem Schweizer Kinderheim 14:41 Die Dachwohnung in Bogenhausen 15:42 »Der Kindergarten war die Straße, der Spielplatz waren die Ruinen« 17:22 »Kriegstüchtig«: eine Warnung vor Geschichtsvergessenheit 18:56 Roller, Schwarzmarkt und Zigaretten als Währung 21:45 Zwischen Mehlwürmern, Orangen und Erdnussbutter 25:53 Eine Schauspielerfamilie: der Vater und Otto Falkenberg 28:53 Der Vater im Theater der NS-Zeit 35:08 Der Vater auf der Bühne – und der Braten im Eisschrank 39:36 Die Mutter: Schauspielerin, kokett, lebenshungrig 43:43 Deutscher Jugendmeister mit 15 im Eiskunstlauf 49:21 110 Schüler in einer Klasse, militärischer Gehorsam 52:40 »Ich konnte mich nicht konzentrieren« – wäre das heute ADHS? 56:41 Eurythmie und magisches Denken: Rudolf Steiners Anthroposophie 57:57 »Ein kleiner Teufel«: über Rainer Werner Fassbinder 1:02:26 Der kranke Vater – und die Frage nach der Depression 1:05:29 Die Mutter, der Vater und Günther Stapenhorst 1:12:02 »Ich hatte zwei Väter« 1:20:03 Pferde, Riem und die Liebe zum Galopprennsport 1:23:43 Der Tod des Vaters 1:27:04 Vom Marineoffizier zum UFA-Produzenten 1:31:37 Als Florian Holsboers Stiefvater Hitler begegnete 1:33:54 Hollywood in Tirol: Oscarpreisträger Emeric Pressburger 1:36:38 »Das doppelte Lottchen«: Stapenhorsts Nachkriegsfilme 1:41:29 Ausblick auf Folge 2

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Florian Holsboer: Zum Beispiel krachte mal ein riesen Dachbalken herunter und

Florian Holsboer: hat ein Kind begraben.

Florian Holsboer: Wir wurden dann sofort rausgeholt.

Florian Holsboer: Ich habe nie erfahren, was mit dem Kind wurde.

Florian Holsboer: Daran denke ich immer, wenn ich

Florian Holsboer: heute diese schreckliche

Florian Holsboer: Kriegsrhetorik höre, manchmal

Florian Holsboer: sogar in Kriegsgeheul von von

Florian Holsboer: Politikern.

Florian Holsboer: Ein Bundeskanzler, der die Silbe

Florian Holsboer: Fried im Vornamen trägt,

Florian Holsboer: behauptet im heiligen Ernst,

Florian Holsboer: Frieden gäbe es nur auf dem

Florian Holsboer: Friedhof.

Florian Holsboer: Ich war ganz eng mit Rainer

Florian Holsboer: Werner Fassbinder befreundet,

Florian Holsboer: der in der gleichen Schule in

Florian Holsboer: der gleichen Klasse war, und es

Florian Holsboer: war wirklich ein echter Freund

Florian Holsboer: und Verbündeter.

Florian Holsboer: Aber er war auch ein kleiner Teufel.

Moderator: Alles nur im Kopf. Ein Podcast der Florian Holsboer Foundation.

Moderator: Dedicated to mental health.

Daniela Holsboer: Hallo und herzlich willkommen!

Daniela Holsboer: Nicht nur zu einer neuen Folge von Alles nur im Kopf, sondern

Daniela Holsboer: zu einer neuen Staffel.

Daniela Holsboer: Mein Name ist Daniela Holsboer.

Daniela Holsboer: Ich bin Vorstand der Florian Holsboer Foundation und die

Daniela Holsboer: Ehefrau unseres Stifters, Florian Holsboer, der heute

Daniela Holsboer: natürlich auch mit dabei ist.

Daniela Holsboer: Hallo lieber Florian, hallo

Daniela Holsboer: vorweg ein paar Worte in eigener

Daniela Holsboer: Sache.

Daniela Holsboer: Wir haben eine fantastische erste Staffel hinter uns, mit

Daniela Holsboer: wissenschaftlichem Tiefgang, gesellschaftlicher Relevanz und

Daniela Holsboer: starken prominenten Stimmen.

Daniela Holsboer: Nach einer etwas längeren Pause sind wir nun wieder da und das

Daniela Holsboer: in einer neuen Konstellation.

Daniela Holsboer: Von nun an sind mein Mann und ich hier das feste Podcastduo

Daniela Holsboer: und wir freuen uns.

Daniela Holsboer: Unglaublich, dass ihr dabei seid.

Daniela Holsboer: Unser Setting ist also ein bisschen persönlicher als bisher

Daniela Holsboer: und besonders persönlich beginnt auch die zweite Staffel.

Daniela Holsboer: In den nächsten vier Folgen

Daniela Holsboer: wollen wir gemeinsam der Frage

Daniela Holsboer: nachgehen Wie wird man, wer man

Daniela Holsboer: ist?

Daniela Holsboer: Wir wollen anhand Florians ganz persönlicher Lebensgeschichte

Daniela Holsboer: nachzeichnen, Welche Erlebnisse, Menschen und Entscheidungen ihn

Daniela Holsboer: geprägt und schließlich zu dem gemacht haben, wer er heute ist.

Daniela Holsboer: Und wir beginnen ganz am Anfang bei dem kleinen Jungen, der gut

Daniela Holsboer: zwei Wochen nach Kriegsende geboren wurde, in Ruinen spielte

Daniela Holsboer: und auf dem Eis tanzte.

Daniela Holsboer: Du, lieber Florian, blickst

Daniela Holsboer: inzwischen auf acht Jahrzehnte

Daniela Holsboer: zurück, hast unglaublich viel

Daniela Holsboer: erlebt und ich kann es kaum

Daniela Holsboer: erwarten, mit dir darüber zu

Daniela Holsboer: sprechen.

Daniela Holsboer: Also noch einmal herzlich

Daniela Holsboer: willkommen von meiner Seite und

Daniela Holsboer: wir starten direkt mit der

Daniela Holsboer: ersten Frage.

Daniela Holsboer: Also ich habe schon gesagt Florian, du bist 80!

Daniela Holsboer: Letztes Jahr haben wir dich gefeiert.

Daniela Holsboer: Aber abgesehen vom Champagner.

Daniela Holsboer: Wie ist das denn, Wenn man

Daniela Holsboer: achtzig wird, ist das irgendwie

Daniela Holsboer: besonders.

Florian Holsboer: Ja, ein runder Geburtstag ist immer was Besonderes.

Florian Holsboer: Wenn man aber in solche

Florian Holsboer: Altersbereich vorrückt, dann

Florian Holsboer: muss man auch sagen, das ist

Florian Holsboer: nicht immer alles rundum ein

Florian Holsboer: Vergnügen.

Florian Holsboer: Immer zwickt irgendwo was.

Florian Holsboer: Man muss öfters zum Arzt gehen.

Florian Holsboer: Die Tabletten werden mehr, aber man muss auch zufrieden sein,

Florian Holsboer: denn man war die meiste Zeit im Leben nicht alt.

Florian Holsboer: Und die Alternativen?

Florian Holsboer: Die will man auch nicht.

Florian Holsboer: Natürlich hat man noch viel vor.

Florian Holsboer: Macht Pläne, will eigentlich

Florian Holsboer: alles ein bisschen festhalten

Florian Holsboer: und da wird man schon

Florian Holsboer: nachdenklich und fragt sich Na

Florian Holsboer: ja, wie viel Zeit bleibt mir

Florian Holsboer: noch?

Florian Holsboer: Auf der anderen Seite ist es auch ein entspanntes Gefühl.

Florian Holsboer: Man ist nicht mehr so rastlos,

Florian Holsboer: man hat sozusagen im Leben die

Florian Holsboer: Hausaufgaben gemacht, ist, wie

Florian Holsboer: man so jargonmäßig sagt, man ist

Florian Holsboer: durch.

Florian Holsboer: Und eines muss man natürlich auch bedenken, dass es ein

Florian Holsboer: Privileg war für mich und meine Generation, dass wir achtzig

Florian Holsboer: Jahre in Deutschland ein Leben leben konnten, ohne dass es

Florian Holsboer: einen Krieg gab.

Florian Holsboer: Das war in Deutschland noch nie

Florian Holsboer: so, und was auch wichtig ist,

Florian Holsboer: ist, dass man erkennt, dass man

Florian Holsboer: eine immer längere Lebensspanne

Florian Holsboer: hat.

Florian Holsboer: Aber die Gesundheitsspanne hält da nicht Schritt, mit dem

Florian Holsboer: Ergebnis, dass man halt einen relativ langen Zeitraum im Leben

Florian Holsboer: irgendwie etwas mit der Gesundheit zu tun hatte.

Florian Holsboer: Am schönsten hat das eigentlich

Florian Holsboer: der Jazzmusiker Eubie Blake

Florian Holsboer: zusammengefasst.

Florian Holsboer: Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag hat er gesagt Wenn

Florian Holsboer: ich gewusst hätte, dass ich so alt werde, dann hätte ich besser

Florian Holsboer: auf meine Gesundheit geachtet.

Daniela Holsboer: Okay, das merke ich mir.

Daniela Holsboer: Und ehrlich gesagt auch schon

Daniela Holsboer: ein ein Trendthema, was du da

Daniela Holsboer: gerade ansprichst, Stichwort

Daniela Holsboer: Longevity.

Daniela Holsboer: Also zu Deutsch Ja, Langlebigkeit könnten wir auch

Daniela Holsboer: Stunden drüber reden.

Daniela Holsboer: Machen wir natürlich nicht.

Daniela Holsboer: Aber vielleicht ganz kurz Was

Daniela Holsboer: ist das Geheimnis deines ganz

Daniela Holsboer: persönlichen Jungbrunnens?

Florian Holsboer: Ja. Also, ich lüfte das Geheimnis gerne.

Florian Holsboer: Das Wichtige ist die positive

Florian Holsboer: Einstellung im Leben, die ich

Florian Holsboer: immer hatte.

Florian Holsboer: Und der wunderbare damalige Präsident der Max Planck

Florian Holsboer: Gesellschaft, Hans Zacher, hat mir einmal geschrieben Also Ihre

Florian Holsboer: Positivität, Herr Holsboer.

Florian Holsboer: Die ist wirklich ansteckend.

Florian Holsboer: Und ich habe das auch mal so vollzogen.

Florian Holsboer: Als ich fünf und zwanzig Jahre Direktor des Max Planck

Florian Holsboer: Instituts für Psychiatrie war, habe ich mit neun und sechzig

Florian Holsboer: gekündigt, obwohl ich noch hätte länger bleiben können.

Florian Holsboer: Aber ich dachte mir, man geht lieber ein paar Jahre zu früh

Florian Holsboer: als ein halbes Jahr zu spät.

Florian Holsboer: Und wenn man das nicht macht und

Florian Holsboer: bis zum letzten Tag an seinem

Florian Holsboer: Sessel klebt und dann noch eine

Florian Holsboer: Verlängerung bittet.

Florian Holsboer: Das ist.

Florian Holsboer: Das ist falsch.

Florian Holsboer: Das wird nicht gut.

Florian Holsboer: Denn wenn man eine weitere

Florian Holsboer: Aufgabe dann beginnen will, dann

Florian Holsboer: muss man auch genügend Zeit

Florian Holsboer: dafür haben.

Florian Holsboer: Die sollte man nicht am Ende der Vorphase verloren gehen lassen.

Florian Holsboer: Wichtig ist natürlich, dass die Aufgaben, die man hat, dass die

Florian Holsboer: auch immer passen.

Florian Holsboer: Ich habe zum Beispiel nachdem

Florian Holsboer: ich bei Max Planck aufgehört

Florian Holsboer: habe, habe ich ja ein Ganztags

Florian Holsboer: Ganztagsjob gehabt als

Florian Holsboer: Geschäftsführer einer kleinen

Florian Holsboer: Pharmafirma, die ich gemeinsam

Florian Holsboer: mit Carsten Maschmeyer gegründet

Florian Holsboer: hatte.

Florian Holsboer: Und das habe ich dann mit fünf und siebzig Jahren beendet.

Florian Holsboer: Ich bin also ziemlich genau

Florian Holsboer: fünfzig Jahre als Angestellter

Florian Holsboer: irgendwo mit der Lohnsteuerkarte

Florian Holsboer: unterwegs gewesen.

Florian Holsboer: Und das ist das Wichtige, dass

Florian Holsboer: man immer was macht, was einem

Florian Holsboer: Spaß macht.

Florian Holsboer: Und das Wichtigste heute ist natürlich meine kleine Familie.

Florian Holsboer: Das ist der größte Lebenslohn.

Florian Holsboer: Nun zum Thema zum Thema Longevity vielleicht.

Florian Holsboer: Das ist ja eine Sehnsucht der

Florian Holsboer: Menschen seit vielen tausend

Florian Holsboer: Jahren.

Florian Holsboer: Davon haben schon die Babylonier

Florian Holsboer: 4000 vor Christi

Florian Holsboer: geschwärmt.

Florian Holsboer: Und das ist natürlich eine

Florian Holsboer: Illusion, der wir heute noch

Florian Holsboer: nachhängen und künftige

Florian Holsboer: Generationen auch wieder

Florian Holsboer: nachhängen werden.

Florian Holsboer: Das hat wunderschön der Maler

Florian Holsboer: Lucas Cranach mal gezeichnet,

Florian Holsboer: indem er ein großes Wasser

Florian Holsboer: hatte, wo er also auf der einen

Florian Holsboer: Seite so gebückte ältere Frauen

Florian Holsboer: reingehen und auf der anderen

Florian Holsboer: Seite kommen sie dann aufrecht

Florian Holsboer: als galante junge Frauen wieder

Florian Holsboer: raus.

Florian Holsboer: Interessanterweise hat er das nur auf Frauen angewandt.

Florian Holsboer: Das wäre heute wahrscheinlich

Florian Holsboer: schon wieder zu kritisieren

Florian Holsboer: gewesen.

Florian Holsboer: Und ein anderer Punkt vielleicht

Florian Holsboer: noch dieses dieser

Florian Holsboer: Gesundheitsfimmel.

Florian Holsboer: Also ich sage einfach mal, womit ich sicherlich viele ärgere:

Florian Holsboer: Also vegan essen ist einfach

Florian Holsboer: ungesund und macht auch keinen

Florian Holsboer: Spaß.

Florian Holsboer: Und das ist auch wichtig im Leben, dass man an den Dingen,

Florian Holsboer: die man macht, Freude hat.

Florian Holsboer: Also kein Alkohol trinken, kein Stress, langer Urlaub, wenig

Florian Holsboer: Arbeit, viel schlafen.

Florian Holsboer: Das alles macht einen auch nicht

Florian Holsboer: jünger und glücklicher und

Florian Holsboer: längerlebig.

Daniela Holsboer: Ja, das ist sehr wohltuend, auch mal so Worte zu hören und man

Daniela Holsboer: merkt, Du bist kein Politiker und auch kein Bundestrainer.

Daniela Holsboer: Klebt also nicht unbedingt an deinem Amt.

Daniela Holsboer: Aber lass uns ganz von vorne anfangen.

Daniela Holsboer: Du bist am sieben und zwanzigste

Daniela Holsboer: Mai neunzehn hundert fünf und

Daniela Holsboer: vierzig zur Welt gekommen,

Daniela Holsboer: 19 Tage nach dem Ende des

Daniela Holsboer: Zweiten Weltkriegs, Am achte Mai

Daniela Holsboer: fünf und vierzig, hatte die

Daniela Holsboer: Wehrmacht kapituliert.

Daniela Holsboer: Das ist eine unglaubliche Zeit,

Daniela Holsboer: in die du da hineingeboren

Daniela Holsboer: wurdest.

Daniela Holsboer: An die ersten Jahre kannst du

Daniela Holsboer: dich natürlich oder vermutlich

Daniela Holsboer: nicht erinnern.

Daniela Holsboer: Da warst du natürlich noch zu klein.

Daniela Holsboer: Aber was haben dir deine Eltern darüber erzählt?

Daniela Holsboer: Oder vielleicht hast du was hast du ganz intuitiv mitbekommen?

Florian Holsboer: Nach Ende des Krieges war meine

Florian Holsboer: Mutter hochschwanger,

Florian Holsboer: abgemagert, so knapp über

Florian Holsboer: 40 Kilogramm als schwangere

Florian Holsboer: Frau.

Florian Holsboer: Das ist schon sehr wenig.

Florian Holsboer: Und München stand unter Bombenhagel.

Florian Holsboer: Es wurde.

Florian Holsboer: Etwa 50 Prozent aller Gebäude in München wurden schwer

Florian Holsboer: beschädigt und das Leben dieser schwangeren Frau war stand ganz

Florian Holsboer: unter dem Zeichen dieses dieser.

Florian Holsboer: Diese Bombeneinwirkung.

Florian Holsboer: Man musste dauernd vom Schlafzimmer in

Florian Holsboer: Luftschutzkeller, dann wieder zurück, wieder auf die Wohnung,

Florian Holsboer: wieder auf den Keller.

Florian Holsboer: Also das ist schon eine sehr, sehr schwierige Zeit, denn an

Florian Holsboer: Schlafen war da nicht zu denken.

Daniela Holsboer: Das wäre vermutlich auf dem Land sicherer gewesen.

Daniela Holsboer: Konnte deine Mutter nicht aus der Stadt?

Florian Holsboer: Ja. Meine Mutter war alleine in der Stadt.

Florian Holsboer: Der Vater war bei seiner Mutter in Krailling.

Florian Holsboer: Wollte man nachher nachschauen, wie es ihr geht und konnte dann

Florian Holsboer: nicht mehr zurück, weil die Stadt von außen abgeriegelt war.

Florian Holsboer: Sie war also allein, als die Wehen begonnen haben.

Florian Holsboer: Dann ging sie auf die Straße.

Florian Holsboer: Da kam ein amerikanischer Jeep

Florian Holsboer: vorbei, der ihr recht vehement

Florian Holsboer: auftrug Gefälligst wieder ins

Florian Holsboer: Haus zurück gehen, weil

Florian Holsboer: Ausgangssperre war.

Florian Holsboer: Nun, das ist natürlich für eine Frau in den Wehen.

Florian Holsboer: Ohne Hilfe keine gute Lösung.

Florian Holsboer: Dann ging sie wieder raus.

Florian Holsboer: Da kam netterweise ein französischer Soldat in einem

Florian Holsboer: Jeep vorbei, der sie dann in eine geeignete Einrichtung fuhr.

Florian Holsboer: In dem Jeep über diese holprigen, durch Bomben

Florian Holsboer: aufgewühlten Straßen landete sie dann in einer Noteinrichtung.

Daniela Holsboer: Zum Glück.

Daniela Holsboer: Und wo war die Noteinrichtung?

Florian Holsboer: Ja, diese Noteinrichtung war im

Florian Holsboer: tiefsten Schwabing, in der

Florian Holsboer: Werneckstraße.

Florian Holsboer: Das ist in der Nähe vom Wedekindbrunnen.

Florian Holsboer: Und die Pointe ist die, dass da heute unmittelbarer Nähe auf

Florian Holsboer: ebener Erde eines der besten Lokale in München ist.

Florian Holsboer: Der Werneckhof, ein Michelin-Restaurant.

Daniela Holsboer: Immerhin vornehm gewählt.

Daniela Holsboer: Schmeckt auch sehr gut.

Daniela Holsboer: Da waren wir auch schon mal essen.

Daniela Holsboer: Also dann bist du wirklich im tiefsten Schwabing geboren, wie

Daniela Holsboer: du gesagt hast.

Daniela Holsboer: Also ein Münchner Kindl par excellence.

Daniela Holsboer: Und Also ich traue mich kaum zu

Daniela Holsboer: fragen war da ein Arzt oder wie

Daniela Holsboer: muss man sich deine Geburt

Daniela Holsboer: vorstellen?

Florian Holsboer: Nein, ein Arzt war da natürlich nicht.

Florian Holsboer: Die Ärzte hatten sich die Verwundeten zu kümmern, aber es

Florian Holsboer: war immerhin eine Hebamme da.

Florian Holsboer: Die, die das verstand.

Florian Holsboer: Und als ich dann also sozusagen

Florian Holsboer: auf das Licht der Welt erblickt

Florian Holsboer: hatte, hatte ich eine schwere

Florian Holsboer: Atemnot.

Florian Holsboer: Da war irgendwas an der Lunge und die Mutter hat mir dann

Florian Holsboer: später erzählt, Der schrecklichste Moment war, als

Florian Holsboer: die Hebamme sagte Wenn jetzt, ich sage es mal auf bayerisch,

Florian Holsboer: wenn jetzt die Spritzen nicht finden, is er hin.

Florian Holsboer: Also auf Hochdeutsch heißt wenn

Florian Holsboer: ich jetzt die Spritze nicht

Florian Holsboer: finde, dann überlebt er das

Florian Holsboer: nicht.

Florian Holsboer: Offenbar habe ich es dann doch überlebt.

Florian Holsboer: Und die.

Florian Holsboer: Aber ein bisschen eine

Florian Holsboer: empfindliche Lunge ist mir

Florian Holsboer: geblieben.

Daniela Holsboer: Wahnsinn!

Daniela Holsboer: Und wir vergessen das auch viel

Daniela Holsboer: zu schnell, dass so eine gute

Daniela Holsboer: medizinische Versorgung bei

Daniela Holsboer: Mutter und Kind gar nicht mehr,

Daniela Holsboer: also gar nicht

Daniela Holsboer: selbstverständlich ist oder

Daniela Holsboer: nicht immer selbstverständlich

Daniela Holsboer: war.

Daniela Holsboer: Und welches Gefühl verbindest du mit deiner Kindheit?

Florian Holsboer: Ja, ich verbinde damit, dass ich sehr viel Liebe von meinen

Florian Holsboer: Eltern empfangen habe.

Florian Holsboer: Von Anfang an, also natürlich

Florian Holsboer: erinnert sich ein Kind in diesen

Florian Holsboer: ganz jungen Jahren nicht an

Florian Holsboer: einzelne Ereignisse, an

Florian Holsboer: irgendwelche Episoden.

Florian Holsboer: Aber es wird.

Florian Holsboer: Alles, was an Liebe empfangen

Florian Holsboer: wird, wird unbewusst im

Florian Holsboer: Gedächtnisspeicher unseres

Florian Holsboer: Gehirns abgelegt.

Florian Holsboer: Das wird immer mehr und das bleibt auch für immer.

Florian Holsboer: Das kann man nicht ausradieren, auch wenn man sich noch so sehr

Florian Holsboer: manipulativ darum bemüht.

Florian Holsboer: Die einzelnen Erfahrungen, die

Florian Holsboer: an die erinnert man sich dann

Florian Holsboer: aber eigentlich erst so ähm, ja,

Florian Holsboer: so mit Ende zwei, Anfang

Florian Holsboer: drei, Mitte drei Jahren, dann

Florian Holsboer: erinnert man sich an irgendetwas

Florian Holsboer: später und auch noch so ganz

Florian Holsboer: vage.

Daniela Holsboer: Und so was wie deine erste Erinnerung, die gibt es dann ja.

Florian Holsboer: Ja, da muss ich dazu sagen, mein Vater war ja Schweizer.

Florian Holsboer: Durch die Heirat mit meiner Mutter wurde sie auch Schweizer.

Florian Holsboer: Und ich war natürlich dann auch ein Schweizer Kind.

Florian Holsboer: Und es gab in der Schweiz eine Einrichtung, die hiess Pro

Florian Holsboer: Juventute, also für die Jungen.

Florian Holsboer: Und die hatten dann versucht, auch Kinder von Schweizern im

Florian Holsboer: Ausland, denen irgendwie was Gutes zu tun.

Florian Holsboer: Und in dem Fall war es so, dass

Florian Holsboer: ich dann vier Wochen in ein

Florian Holsboer: Kinderheim in Oberägeri

Florian Holsboer: einquartiert wurde.

Florian Holsboer: Und Oberägeri ist ein zauberhaftes Dorf an einem See,

Florian Holsboer: ungefähr eine gute Stunde von Zürich entfernt und dort wurde

Florian Holsboer: ich dann abgegeben.

Florian Holsboer: Und als mich meine Eltern

Florian Holsboer: ungefähr vier Wochen später

Florian Holsboer: abholten, da fanden sie mich

Florian Holsboer: nicht.

Florian Holsboer: Sie gingen immer da herum und

Florian Holsboer: haben mich nicht entdeckt und

Florian Holsboer: fragten dann eine Schwester dort,

Florian Holsboer: die, wo dann der kleine Florian

Florian Holsboer: sein.

Florian Holsboer: Dann brachten sie mich zu ihnen

Florian Holsboer: und dann hatten sie mich

Florian Holsboer: erkannt.

Florian Holsboer: Aber ich war sehr verändert,

Florian Holsboer: denn ich hatte diese vier Wochen

Florian Holsboer: vorwiegend in der Küche des

Florian Holsboer: Kinderheims verbracht und

Florian Holsboer: erinnert mich noch an den

Florian Holsboer: wunderbaren süßen Duft von

Florian Holsboer: Honigbroten.

Florian Holsboer: Und die hatte ich dann praktisch

Florian Holsboer: nonstop gegessen und war

Florian Holsboer: entsprechend kugelrund.

Florian Holsboer: Und deswegen konnten die Eltern

Florian Holsboer: auf dem ersten Blick mich nicht

Florian Holsboer: identifizieren.

Florian Holsboer: Und als die Eltern dann mich

Florian Holsboer: mitnahmen und den Koffer zu

Florian Holsboer: Hause auspackten, da war meine

Florian Holsboer: Mutter zu Tränen gerührt, denn

Florian Holsboer: es waren lauter neue Sachen da

Florian Holsboer: drin.

Florian Holsboer: Also zum Beispiel, und das war vielleicht das Wichtigste, das

Florian Holsboer: war das erste Paar Kinderschuhe.

Florian Holsboer: Wir Kinder hatten ja keine Schuhe, denn die Schuhindustrie

Florian Holsboer: in Deutschland zu dieser Zeit, die existierte nicht mehr.

Florian Holsboer: Und man trug als Kind diese sogenannten Fußlappen.

Florian Holsboer: Da wurden also kleine

Florian Holsboer: Textilstücke zusammengefügt und

Florian Holsboer: dann mit einem Band am Fuß

Florian Holsboer: festgebunden waren die ersten

Florian Holsboer: Schuhe.

Florian Holsboer: Aber leider ist es ja so bei Kindern.

Florian Holsboer: Die halten nicht lange, weil der Fuß immer größer wird.

Florian Holsboer: Aber immerhin hat meine Mutter die die dann aufbewahrt.

Florian Holsboer: Und ich glaube, einer von beiden ist immer noch vorhanden.

Daniela Holsboer: Wie habt ihr denn damals gewohnt?

Florian Holsboer: Nun, die an die erste Wohnung erinnere ich mich nicht.

Florian Holsboer: Das war auch nur die ersten

Florian Holsboer: Jahre, aber an die zweite sehr

Florian Holsboer: wohl.

Florian Holsboer: Das war eine Dachgeschosswohnung

Florian Holsboer: in Bogenhausen in der

Florian Holsboer: Cuvillestraße.

Florian Holsboer: Ähm, das ist eine sehr schöne Gegend an der Poststraße, und

Florian Holsboer: die Wohnung hatte viereinhalb Zimmer, war also relativ groß.

Florian Holsboer: Da wohnte allerdings auch außer meiner Mutter, meinem Vater und

Florian Holsboer: mir auch meine Großmutter.

Florian Holsboer: Und eines Tages klingelte es und meine Mutter machte auf.

Florian Holsboer: Und dann holte sie die Großmutter dazu.

Florian Holsboer: Und da stand ein großer,

Florian Holsboer: abgemagerter Mann mit tief

Florian Holsboer: eingefallenen Augen,

Florian Holsboer: ausgemergelt in einer

Florian Holsboer: zerrissenen Uniform, und nach

Florian Holsboer: einigem Hinsehen erkannte meine

Florian Holsboer: Großmutter, dass das ihr

Florian Holsboer: ehemalige Liebhaber Karl war,

Florian Holsboer: und der zog dann auch bei uns

Florian Holsboer: ein.

Florian Holsboer: Und dann wurde es allmählich immer voller.

Daniela Holsboer: Nimm mich mit auf einen ganz normalen Tag für dich als Kind

Daniela Holsboer: auf den Straßen Münchens.

Daniela Holsboer: Wie war das also?

Daniela Holsboer: Die Stadt war halb zerstört.

Daniela Holsboer: Heute gibt es ja alles Mögliche an Betreuungsangeboten.

Daniela Holsboer: Aber wie habt ihr damals den Tag verbracht und gespielt?

Daniela Holsboer: Also ein Adjektiv, was man ja

Daniela Holsboer: oft mit Kindheit assoziiert, ist

Daniela Holsboer: unbeschwert.

Daniela Holsboer: Aber ich nehme mal an, unbeschwert war das damals nicht

Daniela Holsboer: bei dir, oder?

Florian Holsboer: Ja, also es ist ja so, ob das

Florian Holsboer: jetzt belastend oder beschwert

Florian Holsboer: war, das kann ich so nicht

Florian Holsboer: sagen, denn wir kannten es ja

Florian Holsboer: nicht anders.

Florian Holsboer: Es war schon grundlegend anders, als es heute ist, mit Kita und

Florian Holsboer: Kindergarten und Malgruppe und Ballettunterricht und

Florian Holsboer: Schwimmkurs und was es da alles so Organisation gibt.

Florian Holsboer: Wir haben unbeaufsichtigt gespielt, der Kindergarten war

Florian Holsboer: die Straße und der Spielplatz waren die Ruinen.

Florian Holsboer: Und das war natürlich nicht unproblematisch, denn die Ruinen

Florian Holsboer: waren ja nicht geschützt.

Florian Holsboer: Wir spielten da drin und da ist

Florian Holsboer: dann natürlich auch manchmal was

Florian Holsboer: passiert.

Florian Holsboer: Zum Beispiel krachte mal ein riesen Dachbalken herunter und

Florian Holsboer: hat ein Kind begraben.

Florian Holsboer: Wir wurden dann sofort rausgeholt.

Florian Holsboer: Ich habe nie erfahren, was mit dem Kind wurde.

Florian Holsboer: Also in dieser Zeit hat man zwar

Florian Holsboer: durch diese, durch diese

Florian Holsboer: Umgebung schon war man kreativ,

Florian Holsboer: aber man hat ein gutes Gefühl

Florian Holsboer: für Gefahren entwickelt und von

Florian Holsboer: Risiko und letztendlich auch ein

Florian Holsboer: Stück Selbstverantwortung.

Florian Holsboer: Eine Konfrontation in dieser

Florian Holsboer: Zeit allerdings, die war, kurz

Florian Holsboer: gesagt, schrecklich.

Florian Holsboer: Und zwar Das Schockierende war Wenn wir einen Soldaten

Florian Holsboer: antrafen, dessen Gesicht durch Flammenwerfer entstellt war.

Florian Holsboer: Und man muss sich das

Florian Holsboer: vorstellen, also ein Soldat und

Florian Holsboer: auch waren da viele Soldaten auf

Florian Holsboer: der Straße, auch mit schweren

Florian Holsboer: Verwundungen.

Florian Holsboer: Wenn da ein Bein fehlt oder zwei Beine fehlten oder ein Arm

Florian Holsboer: fehlte, dann hatte man mit dem Soldaten großes Mitleid.

Florian Holsboer: Wenn aber einem Soldaten das

Florian Holsboer: Gesicht durch einen

Florian Holsboer: Flammenwerfer entstellt war,

Florian Holsboer: dann war man einfach nur

Florian Holsboer: schockiert und verschreckt und

Florian Holsboer: konnte da gar keine positiven

Florian Holsboer: Gefühle entwickeln.

Florian Holsboer: Denn wenn jemand sein Gesicht

Florian Holsboer: verliert, dann verliert er auch

Florian Holsboer: seine Identität.

Florian Holsboer: Und daran denke ich immer, wenn

Florian Holsboer: ich heute diese schreckliche

Florian Holsboer: Kriegsrhetorik höre, manchmal

Florian Holsboer: sogar in Kriegsgeheul von von

Florian Holsboer: Politikern.

Florian Holsboer: Wo, wenn ein Verteidigungsminister das von

Florian Holsboer: Goebbels sehr geläufige Wort kriegstüchtig dauernd verwendet?

Florian Holsboer: Oder wenn ein Bundeskanzler, der die Silbe Fried im Vornamen

Florian Holsboer: trägt, behauptet, im heiligen Ernst Frieden gäbe es nur auf

Florian Holsboer: dem Friedhof oder wenn ein Experte für

Florian Holsboer: Militärangelegenheiten aus der CDU behauptet, man müsse jetzt

Florian Holsboer: den Krieg nach Russland tragen.

Florian Holsboer: Wir, die deutsche Wehrmacht, die deutsche Wehrmacht, im Zweiten

Florian Holsboer: Weltkrieg 27 Millionen Russen getötet.

Florian Holsboer: Was sollen denn die denken, wenn

Florian Holsboer: wir sagen, wir sollen jetzt

Florian Holsboer: wieder den Krieg nach Russland

Florian Holsboer: tragen?

Florian Holsboer: Eine solche verantwortungslose

Florian Holsboer: Geschichtsvergessenheit, die

Florian Holsboer: bringt mich manchmal schon sehr

Florian Holsboer: in Rage und lässt mich auch

Florian Holsboer: verzweifeln.

Daniela Holsboer: Und was war trotz allem schön?

Florian Holsboer: Ja, es gab natürlich schöne Erlebnisse auch.

Florian Holsboer: Zum Beispiel hat mir eine Rollergruppe, also ein Roller,

Florian Holsboer: das war ein Brett, da waren zwei Räder dran, oben war eine

Florian Holsboer: Lenkstange und das Ding ging auch dauernd kaputt.

Florian Holsboer: Aber es war immer jemand da, der da das wieder flicken konnte.

Florian Holsboer: Und diese Rollergruppe, also der

Florian Holsboer: Roller war eigentlich so die die

Florian Holsboer: Grundversion des heutigen High

Florian Holsboer: Tech Scooters.

Florian Holsboer: Das ist aber ganz was anderes gewesen.

Florian Holsboer: Aber es war genauso schön.

Florian Holsboer: Nun gab es in einem Quartier in Bogenhausen eine Straße.

Florian Holsboer: Da waren lauter so kleine

Florian Holsboer: Hütten, so Hilfsbauten, und da

Florian Holsboer: wurde aus wann wurden Waren

Florian Holsboer: angeboten.

Florian Holsboer: Man muss sich das mal so vorstellen.

Florian Holsboer: Also so in der Zeit, sagen wir mal, zwischen neunzehn hundert

Florian Holsboer: fünf und vierzig neunzehn hundert fünf und fünfzig, da war

Florian Holsboer: so der Schwarzmarkt, war eigentlich der Supermarkt, aber

Florian Holsboer: da waren eben auch Waren, die illegal dort gehandelt wurden.

Florian Holsboer: Und zwar waren das Zigaretten und andere Sachen aus der PX.

Florian Holsboer: Und dazu muss ich sagen, die PX, das waren die Läden, wo die

Florian Holsboer: amerikanischen Besatzungssoldaten ihre Sachen

Florian Holsboer: aus der Heimat kriegen konnten.

Florian Holsboer: Aber die waren natürlich nicht für den Schwarzmarkt gedacht und

Florian Holsboer: deswegen kam gelegentlich die Militärpolizei erst am Jeep und

Florian Holsboer: später dann in dem, was wir da Amischlitten genannt haben,

Florian Holsboer: diesen großen Autos.

Florian Holsboer: Und wenn die da vorbeikamen,

Florian Holsboer: dann flogen hinten aus diesen

Florian Holsboer: Hütten alle möglichen Sachen

Florian Holsboer: raus, vor allem eben

Florian Holsboer: Zigarettenschachteln.

Florian Holsboer: Und wir Jüngeren.

Florian Holsboer: Wir haben oben Schmiere

Florian Holsboer: gestanden und gesagt Jetzt kommt

Florian Holsboer: wieder einer.

Florian Holsboer: Und dann sind die Älteren von

Florian Holsboer: uns hinter den Hütten

Florian Holsboer: vorbeigefahren und haben sich

Florian Holsboer: diese Zigarettenschachteln

Florian Holsboer: aufgenommen.

Florian Holsboer: Und die wurden dann untereinander verteilt und das

Florian Holsboer: war die damalige Währung.

Florian Holsboer: So, ich war dann ungefähr fünf

Florian Holsboer: Jahre alt, also neunzehn hundert

Florian Holsboer: fünfzig herum.

Florian Holsboer: Und diese Währung, mit der konnte man dann auch was kaufen.

Florian Holsboer: Also auch mal was besonderes,

Florian Holsboer: sowohl besonders auch sowohl was

Florian Holsboer: es was die Qualität betrifft,

Florian Holsboer: aber auch was die Menge

Florian Holsboer: betrifft.

Daniela Holsboer: Und nur ganz kurz zum

Daniela Holsboer: Verständnis also das wurde dann

Daniela Holsboer: rausgeschmissen, damit die nicht

Daniela Holsboer: erwischt werden mit dieser Ware,

Daniela Holsboer: oder?

Florian Holsboer: Ja genau so!

Florian Holsboer: Also das war natürlich nicht

Florian Holsboer: erlaubt, dass die das die G.I.s,

Florian Holsboer: wie wir sie nannten, also die

Florian Holsboer: Soldaten die amerikanischen, da

Florian Holsboer: ihre Sachen aus der PX holen und

Florian Holsboer: sie dann da auf dem Schwarzmarkt

Florian Holsboer: anbieten lassen.

Florian Holsboer: Und deswegen haben die Händler dann das schnell

Florian Holsboer: rausgeschmissen, damit die die Militärpolizei das nicht findet.

Florian Holsboer: Die haben sicherlich auch ein Auge zugedrückt, aber immerhin

Florian Holsboer: war das eine schöne Gelegenheit, sich das Zeug zu schnappen.

Daniela Holsboer: Und jetzt hast du besondere Lebensmittel erwähnt.

Daniela Holsboer: Was meinst du?

Daniela Holsboer: Oder was gab es in der Zeit oder was gab es nicht?

Florian Holsboer: Also, äh, nicht Gab es natürlich.

Florian Holsboer: Also eher so, wie man so sagt, Obst und Südfrüchte.

Florian Holsboer: Also was?

Florian Holsboer: Das, was es an Obst gab.

Florian Holsboer: Das ist meiner Erinnerung auf Äpfel beschränkt.

Florian Holsboer: Aber das war auch schon eine feine Sache.

Florian Holsboer: Aber es hatte das, was man man

Florian Holsboer: nennt, das, was man halt gerade

Florian Holsboer: erwischte.

Florian Holsboer: Also da war zum Beispiel eines

Florian Holsboer: Tages oben auf dem Speicher eine

Florian Holsboer: große blau angestrichene

Florian Holsboer: Holzkiste, und die war voller

Florian Holsboer: Mehl.

Florian Holsboer: Das war natürlich toll.

Florian Holsboer: Plötzlich hatte die Familie Mehl.

Florian Holsboer: Man hat es dann auch geteilt mit

Florian Holsboer: Freunden, Bekannten und

Florian Holsboer: Verwandten.

Florian Holsboer: Aber da gab es ein Manko.

Florian Holsboer: Und zwar in diesem, diesem

Florian Holsboer: Haufen Mehl waren Mehlwürmer und

Florian Holsboer: das war jetzt die Aufgabe von

Florian Holsboer: einem Jungen aus dem Haus und

Florian Holsboer: mir.

Florian Holsboer: Wir bekamen dann ein Sieb und

Florian Holsboer: mussten dieses ganze Haufen Mehl

Florian Holsboer: sieben und um die Mehlwürmer

Florian Holsboer: rauszuholen.

Florian Holsboer: Und das ist natürlich langweilig.

Florian Holsboer: Und deswegen haben wir einen Sport daraus gemacht.

Florian Holsboer: Wer in welcher Zeit mehr Mehlwürmer rausholt.

Florian Holsboer: Und so hatte man dann also auch

Florian Holsboer: noch aus dieser, aus dieser

Florian Holsboer: Situation auch was Positives

Florian Holsboer: gemacht.

Florian Holsboer: Was anderes war, da kam auch wo

Florian Holsboer: das herkommt, weiß ich gar nicht

Florian Holsboer: genau.

Florian Holsboer: Wahrscheinlich auch vom

Florian Holsboer: Schwarzmarkt waren die Waren so

Florian Holsboer: mit Militär angemalte Blechdosen

Florian Holsboer: und wenn man die oben aufmachte

Florian Holsboer: und dann war das nur Öl zu

Florian Holsboer: sehen.

Florian Holsboer: Aber wenn man mit dem Löffel

Florian Holsboer: rein ging, mit einem langen

Florian Holsboer: Löffel, dann ist man auf etwas

Florian Holsboer: Festes gestoßen.

Florian Holsboer: Das war ganz festgebackenes Erdnussmehl.

Florian Holsboer: Und wenn man.

Florian Holsboer: Man musste dann rühren und rühren.

Florian Holsboer: Das haben wir ganz lang.

Florian Holsboer: Geduldig das immer abkratzen,

Florian Holsboer: bis das dann sich diese feste

Florian Holsboer: Masse, eine Emulsion mit dem Öl

Florian Holsboer: bildete.

Florian Holsboer: Und das war dann am Ende Erdnussbutter.

Florian Holsboer: Ja, die ich übrigens heute noch liebe, wie du weißt.

Daniela Holsboer: Machst du auch immer selber.

Florian Holsboer: Ein Erlebnis war, dass wir von

Florian Holsboer: der aus der Schweiz so kleine

Florian Holsboer: Lebensmittelpakete bekamen.

Florian Holsboer: Da war so ein kleines Stückchen Schokolade drin.

Florian Holsboer: Dann die so was wie Ovomaltine.

Florian Holsboer: Das ist eine sehr süße Mischung, die nach Kakao schmeckt, und das

Florian Holsboer: war für uns das Interessanteste.

Florian Holsboer: Es waren so, so Käse,

Florian Holsboer: Schmelzkäse, Ecken und die

Florian Holsboer: hatten unterschiedliche

Florian Holsboer: Geschmäcker.

Florian Holsboer: Und das Interessante war für uns Eine hatte Schinkengeschmack.

Florian Holsboer: Nun, Schinken gab es damals nicht.

Florian Holsboer: Und haben wir dann davon gehört?

Florian Holsboer: Und haben den Käse aufs Brot geschmiert.

Florian Holsboer: Dann angeblich nach Schinken

Florian Holsboer: schmeckt und dachten Ja, so

Florian Holsboer: schmeckt Schinken.

Florian Holsboer: Wie wir später gemerkt haben,

Florian Holsboer: schmeckt er dann schon etwas

Florian Holsboer: anders.

Florian Holsboer: Aber das war natürlich sehr

Florian Holsboer: aufregend und eine eine

Florian Holsboer: Bewandtnis mit der Roller Gruppe

Florian Holsboer: in dem Zusammenhang ist noch

Florian Holsboer: interessant.

Florian Holsboer: Wir sind dann mal in ein in die Schumannstraße gefahren.

Florian Holsboer: Da war ein Geschäft, dort so

Florian Holsboer: zwei Schaufenster und in einem

Florian Holsboer: dieser Schaufenster war eine

Florian Holsboer: Schale, da war so eine runde,

Florian Holsboer: orangefarbene Kugel und wir

Florian Holsboer: haben dann gedacht Ja, was ist

Florian Holsboer: denn das?

Florian Holsboer: Und einer der Älteren hat dann ganz weltläufig gesagt Das ist

Florian Holsboer: eine Orange und haben gesagt Aha, was ist denn das?

Florian Holsboer: Kann man das essen?

Florian Holsboer: Und äh, ja, so habe ich die erste Orange meines Lebens

Florian Holsboer: gesehen, in einem Geschäft, das der Ausgangspunkt war für die

Florian Holsboer: für das bedeutendste deutsche Gastronomieunternehmen, nämlich

Florian Holsboer: die Familie Käfer.

Florian Holsboer: Und wir sind heute noch mit Familie, Käfer befreundet und

Florian Holsboer: und freuen uns jedes Jahr auf den Besuch einer Käferschänke

Florian Holsboer: auf dem Oktoberfest.

Daniela Holsboer: Ja, also das kann ich bestätigen, dass du gerne auf

Daniela Holsboer: der Wiesn feierst.

Daniela Holsboer: Es gibt auch ein ikonisches Foto.

Daniela Holsboer: Das zeigen wir jetzt nicht.

Daniela Holsboer: Wunderbar.

Daniela Holsboer: Ja, das ist auch so, man muss

Daniela Holsboer: immer so schmunzeln, wenn man

Daniela Holsboer: das hört.

Daniela Holsboer: Aber gleichzeitig war es auch bitterer Ernst.

Daniela Holsboer: Also diese, diese Kargheit auch

Daniela Holsboer: und dieses Entbehren von Dingen,

Daniela Holsboer: die wir eben heute für

Daniela Holsboer: selbstverständlich erachten.

Daniela Holsboer: Jetzt entstammst du ja einer Schauspielerfamilie.

Daniela Holsboer: Deine Eltern waren im Krieg im

Daniela Holsboer: Theater tätig und später auch in

Daniela Holsboer: der Nachkriegszeit.

Daniela Holsboer: Was hast du aus der Zeit mitgenommen?

Daniela Holsboer: Also war das auch daheim immer großes Theater.

Daniela Holsboer: Weil es ist jetzt nicht.

Daniela Holsboer: Es ist auch nicht die die geläufigste Berufswahl.

Florian Holsboer: Nein. Also zu Hause gab es kein großes Theater, im Gegenteil,

Florian Holsboer: das war ja die Nachkriegszeit.

Florian Holsboer: Und die wir?

Florian Holsboer: Die war für meine Eltern wie für viele, viele andere Menschen

Florian Holsboer: auch eine sehr schwere Zeit.

Florian Holsboer: Auch wirtschaftlich.

Florian Holsboer: Man kann sich das heute gar

Florian Holsboer: nicht mehr so richtig

Florian Holsboer: vorstellen.

Florian Holsboer: Was ich weiß, ist, dass mein

Florian Holsboer: Vater ein Schüler des großen

Florian Holsboer: Münchner Theatermanns Otto

Florian Holsboer: Falkenberg war.

Florian Holsboer: Otto Falkenberg war nicht nur

Florian Holsboer: sein Lehrer, war auch sein

Florian Holsboer: Förderer und prägte das Münchner

Florian Holsboer: Theaterleben.

Florian Holsboer: Übrigens wird der Name

Florian Holsboer: Falkenberg heute noch gewürdigt

Florian Holsboer: durch die Falkenberg

Florian Holsboer: Schauspielschule.

Florian Holsboer: Und es gibt eine Seitenstraße von der Maximilianstraße, das

Florian Holsboer: ist die Falkenbergstraße.

Florian Holsboer: Ihm zu Ehren, neben meinem Vater entdeckte Falkenberg noch viele

Florian Holsboer: andere große Schauspieler.

Florian Holsboer: Zuvorderst möchte ich,

Florian Holsboer: vielleicht weil ich sie selber

Florian Holsboer: kannte, auch die Therese Giehse

Florian Holsboer: nennen.

Florian Holsboer: Das war eine Frau, total unscheinbar, wenn man sie auf

Florian Holsboer: der Straße sah.

Florian Holsboer: Aber wenn sie auf der Bühne

Florian Holsboer: stand, da hatte sie eine Aura,

Florian Holsboer: eine Ausstrahlung wie zum

Florian Holsboer: Anfassen.

Florian Holsboer: Es war unfassbar.

Florian Holsboer: Und der große Schriftsteller und

Florian Holsboer: Dramatiker Dürrenmatt hat für

Florian Holsboer: sie ein Theaterstück

Florian Holsboer: geschrieben.

Florian Holsboer: Die Physiker, das heute noch als

Florian Holsboer: eines der bedeutendsten

Florian Holsboer: Theaterstücke der jüngeren Zeit

Florian Holsboer: gilt.

Florian Holsboer: Ein anderer Name ist die

Florian Holsboer: Elisabeth Flickenschildt, eine

Florian Holsboer: der ganz großen

Florian Holsboer: Schauspielerinnen im deutschen

Florian Holsboer: Theaterraum des zwanzigste

Florian Holsboer: Jahrhunderts.

Florian Holsboer: Der eine oder andere kennt sie

Florian Holsboer: vielleicht aus der Inszenierung

Florian Holsboer: von Gustaf Gründgens, der Faust

Florian Holsboer: Inszenierung von Gustaf

Florian Holsboer: Gründgens.

Florian Holsboer: Da spielt sie die Nachbarin des

Florian Holsboer: Gretchens in der Domszene, und

Florian Holsboer: andere Namen, die mit Otto

Florian Holsboer: Falkenberg verbunden sind, ist

Florian Holsboer: Heinz Rühmann.

Florian Holsboer: Da muss man nichts dazu sagen.

Florian Holsboer: Oh hasse!

Florian Holsboer: Und die älteren Münchner können

Florian Holsboer: sie sicher auch noch an Calvary

Florian Holsboer: erinnern.

Daniela Holsboer: Und wo kam das Interesse deines Vaters für die Bühne her?

Florian Holsboer: Das weiß ich nicht genau.

Florian Holsboer: Seine Mutter war eine geborene Häberle, und die Häberles waren

Florian Holsboer: eine bekannte weitverzweigte Familie in Württemberg.

Florian Holsboer: Und ein Mitglied dieser Familie war die Elsa Häberle.

Florian Holsboer: Das war eine ganz berühmte Schauspielerin.

Florian Holsboer: Die spielte erst am Stuttgarter

Florian Holsboer: Hoftheater, später dann in Wien

Florian Holsboer: am Raimundtheater und war bis

Florian Holsboer: zum Ende ihrer Karriere dann

Florian Holsboer: fest angestellt am Wiener

Florian Holsboer: Burgtheater.

Florian Holsboer: Vielleicht kam es daher nicht schlecht.

Daniela Holsboer: München war ja jetzt die

Daniela Holsboer: Hauptstadt der Bewegung, also

Daniela Holsboer: ganz auf den Kurs des

Daniela Holsboer: Nationalsozialismus

Daniela Holsboer: ausgerichtet.

Daniela Holsboer: Wie hat sich das auf das

Daniela Holsboer: Berufsleben deines Vaters

Daniela Holsboer: ausgewirkt?

Daniela Holsboer: Ich stelle es mir jetzt nicht leicht vor.

Daniela Holsboer: Er war ja Schweizer und hätte theoretisch auch gehen können.

Florian Holsboer: Also Die kulturhistorische

Florian Holsboer: Bewertung des der Theaterarbeit

Florian Holsboer: meines Vaters kann ich nicht

Florian Holsboer: bewerten, aber ich habe

Florian Holsboer: natürlich viele persönliche

Florian Holsboer: Eindrücke.

Florian Holsboer: Auch das, was ich von Eltern und

Florian Holsboer: Bekannten und Freunden gehört

Florian Holsboer: habe, hat sich in seiner

Florian Holsboer: Theaterzeit nicht den dann den

Florian Holsboer: Ideen des Nationalsozialismus

Florian Holsboer: beugen müssen.

Florian Holsboer: Und das war so eine, ja so eine unterschiedliche Ebene.

Florian Holsboer: Nach vorne war natürlich

Florian Holsboer: München, die Hauptstadt der

Florian Holsboer: Bewegung.

Florian Holsboer: Aber nicht jeder blieb da auf dem Radar.

Florian Holsboer: Und mein Vater hatte, das hat er

Florian Holsboer: mir später erzählt, viele

Florian Holsboer: Freunde im Stadtrat, die ihn

Florian Holsboer: auch, wie man heute sagt,

Florian Holsboer: gecovert haben.

Florian Holsboer: Also sie haben ihm einen

Florian Holsboer: angemessenen Flankenschutz

Florian Holsboer: geboten.

Florian Holsboer: Und außerdem war der Spielplan

Florian Holsboer: meines Vaters überhaupt nicht

Florian Holsboer: geeignet, irgendwelche national

Florian Holsboer: patriotischen Themen

Florian Holsboer: aufzuwerfen.

Florian Holsboer: Und die Frage, warum man nicht in die Schweiz gegangen ist, Ja,

Florian Holsboer: die habe ich natürlich auch mir immer mal wieder gestellt.

Florian Holsboer: Da gibt es zwei Argumente.

Florian Holsboer: Eines ist Mein Vater wurde allein von seiner Mutter

Florian Holsboer: aufgezogen und das kam so Mein Großvater Florian Holsboer war

Florian Holsboer: der Sohn des berühmten Willem Jan Holsboer, der aus dem

Florian Holsboer: einfachen Dorf Davos dann ein mondänen Kurort gemacht hat.

Florian Holsboer: Die Lungensanatorien baute das Hotel Schatzalp, konzipierte und

Florian Holsboer: gestaltete, wo der berühmte Roman Thomas Mann spielt.

Florian Holsboer: Den Roman dazu hast du geschrieben.

Florian Holsboer: Der Zauber des Berges.

Florian Holsboer: Und wie es ja oft so ist, wenn

Florian Holsboer: große Väter Söhne haben, denen

Florian Holsboer: dann doch alles so zufliegt,

Florian Holsboer: dann haben sie einen anderen

Florian Holsboer: Lebensstil.

Florian Holsboer: Und mein Großvater Florian, der

Florian Holsboer: war wohl so ein richtiger

Florian Holsboer: Playboy, der mit dem Bugatti in

Florian Holsboer: der Gegend rumfuhr und eben auch

Florian Holsboer: haben.

Florian Holsboer: Baden Württemberg baden württembergischen Hof zu Gast,

Florian Holsboer: war dort gefallen an der Tochter des Kochs, fand diese Gefallen,

Florian Holsboer: führte dann dazu, dass mein Vater gezeugt wurde und zur Welt

Florian Holsboer: kam und für diesen jungen Florian Holsboer da waren erst

Florian Holsboer: Anfang, Mitte zwanzig, war das natürlich keine Perspektive.

Florian Holsboer: Er verließ sie und die Familie Holsboer.

Florian Holsboer: Der Schweizer Familie Holsboer

Florian Holsboer: hat dann meine Großmutter das,

Florian Holsboer: damit sie dort ihren Buben

Florian Holsboer: aufziehen kann, ein Haus

Florian Holsboer: überlassen.

Florian Holsboer: Dazu da, dass der Sohn von Wilhelm Holsboer, Florian

Florian Holsboer: Holsboer, starb, dann bei einem Autorennen in Paris.

Florian Holsboer: So habe ich das gehört.

Florian Holsboer: Und dann war meine Großmutter

Florian Holsboer: war so verwurzelt mit diesem

Florian Holsboer: Haus, und sie wollte auf gar

Florian Holsboer: keinen Fall dieses Haus

Florian Holsboer: verlassen.

Florian Holsboer: Und mein Vater wollte sie nicht schutzlos den Wirren der

Florian Holsboer: damaligen Zeit überlassen.

Florian Holsboer: Und das andere Argument war, dass natürlich die Menschen in

Florian Holsboer: dieser Zeit vom Nationalsozialismus später den

Florian Holsboer: Krieg schon sehr unterdrückt waren, und er wollte ihnen durch

Florian Holsboer: einen freudigen Theaterabend eben auch mal die Chance geben,

Florian Holsboer: eine Auszeit zu nehmen, mal andere Gedanken zu kommen.

Florian Holsboer: Und wenn man den Spielplan

Florian Holsboer: anschaut, das waren ja vor allem

Florian Holsboer: beschwingte Stücke.

Florian Holsboer: Und da war der von Nestroy, von

Florian Holsboer: Goldoni, von Lope de Vega und

Florian Holsboer: auch aber auch von Ludwig Thoma

Florian Holsboer: mit seinen beißenden Humor

Florian Holsboer: getränkten Einaktern aus dem

Florian Holsboer: bayerischen Milieu.

Florian Holsboer: Und und das natürlich auch.

Florian Holsboer: Karl Valentin war ein Freund meines Vaters, war ständiger

Florian Holsboer: Gast auf der Bühne.

Florian Holsboer: Also die Verantwortung gegenüber

Florian Holsboer: der geliebten Mutter und die

Florian Holsboer: Begeisterung eigenständig als

Florian Holsboer: Intendant eines wunderschönen

Florian Holsboer: Theaters an der Sonnenstraße

Florian Holsboer: diese dies den Mitbürgern zu

Florian Holsboer: bieten.

Florian Holsboer: Das hat dann dazu geführt, dass er in München geblieben ist.

Florian Holsboer: Übrigens ist sein Theater an der

Florian Holsboer: Sonnenstraße den Bomben zum

Florian Holsboer: Opfer gefallen.

Florian Holsboer: Er konnte dann in der

Florian Holsboer: Reitmorstraße weiter Theater

Florian Holsboer: spielen und zog dann, weil er

Florian Holsboer: die Familie mit der Familie

Florian Holsboer: Volkhardt befreundet war, in den

Florian Holsboer: Theatersaal des Bayerischen

Florian Holsboer: Hofs.

Florian Holsboer: Und dort wurde dann noch einige

Florian Holsboer: Zeit auch nach dem Krieg das

Florian Holsboer: Volkstheater gespielt, und

Florian Holsboer: später wurde es dann eine

Florian Holsboer: richtige Boulevardbühne.

Florian Holsboer: Und dort wird heute noch

Florian Holsboer: hervorragendes Boulevardtheater

Florian Holsboer: angeboten.

Daniela Holsboer: Und wie ging es nach dem Krieg

Daniela Holsboer: beruflich für deinen Vater

Daniela Holsboer: weiter?

Florian Holsboer: In der Nazizeit haben viele brillante Schauspieler

Florian Holsboer: Deutschland verlassen, und die kamen zum großen Teil auch

Florian Holsboer: wieder zurück, vor allem aus der Schweiz und aus Amerika.

Florian Holsboer: Die haben natürlich die Theaterszene sehr belebt.

Florian Holsboer: Aber für die, die da geblieben

Florian Holsboer: waren, wurde es dann ein

Florian Holsboer: bisschen schwieriger.

Florian Holsboer: Mein Vater hat dann zunächst

Florian Holsboer: nach dem Kriegsende noch das

Florian Holsboer: Volkstheater in den Gemäuern des

Florian Holsboer: Bayerischen Hofs weitergeführt,

Florian Holsboer: ging dann aber nach kurz nach

Florian Holsboer: Hamburg und dann zurück nach

Florian Holsboer: Zürich und das Züricher

Florian Holsboer: Schauspielhaus.

Florian Holsboer: Das muss man wissen.

Florian Holsboer: Das war damals das zentrale

Florian Holsboer: deutschsprachige Theater, das es

Florian Holsboer: gab.

Florian Holsboer: Dort hatten die wunderbaren

Florian Holsboer: Welterfolge von Max Frisch und

Florian Holsboer: Dürrenmatt.

Florian Holsboer: Das war deren Wiege dort, und es

Florian Holsboer: gab eine unglaublich gute Zahl,

Florian Holsboer: große Zahl hervorragender

Florian Holsboer: Schauspieler.

Florian Holsboer: Einer davon war Mario Adorf.

Florian Holsboer: Und als ich Jahrzehnte später

Florian Holsboer: mal Mario Adorf vorgestellt

Florian Holsboer: wurde, da sagt der Holsboer

Florian Holsboer: Sind Sie da Sohn von Wilhelm

Florian Holsboer: Holsboer?

Florian Holsboer: Ja, das war ein großartiger Kollege.

Florian Holsboer: Und es war natürlich für mich

Florian Holsboer: auch schön, dass er sich so eine

Florian Holsboer: große Persönlichkeit wie Mario

Florian Holsboer: Adorf so nach so langer Zeit

Florian Holsboer: sich noch an meinen Vater

Florian Holsboer: erinnern konnte.

Daniela Holsboer: Du hast deinen Vater sicher auch auf der Bühne erlebt.

Daniela Holsboer: Wie war das also?

Daniela Holsboer: Warst du stolz auf ihn?

Daniela Holsboer: Oder Manchmal sind einem die

Daniela Holsboer: Eltern ja sogar ein bisschen

Daniela Holsboer: peinlich.

Daniela Holsboer: Fandest du manche Rollen doof oder komisch?

Florian Holsboer: Ja, sicher habe ich meinen Vater auf der Bühne erlebt.

Florian Holsboer: Und er war ja auch ein Publikumsliebling.

Florian Holsboer: Ich war immer sehr stolz, wenn

Florian Holsboer: er dann Szenenapplaus hatte

Florian Holsboer: oder?

Florian Holsboer: Oder hinterher beim Verbeugen,

Florian Holsboer: dann der, der das Klatschen

Florian Holsboer: anschwoll.

Florian Holsboer: Das hat mir gut gefallen.

Florian Holsboer: Aber es gibt eine lustige Geschichte, die ich in dem

Florian Holsboer: Zusammenhang gerne erzähle.

Florian Holsboer: Und zwar spielte man im Residenztheater ein Ludwig Thoma

Florian Holsboer: Stück Die Medaille.

Florian Holsboer: Das ist eine Geschichte, wo ein

Florian Holsboer: verdienstvoller Beamter geehrt

Florian Holsboer: werden sollte mit einer

Florian Holsboer: Medaille.

Florian Holsboer: Und da sitzt man an einem großen

Florian Holsboer: langen Tisch und es gibt einen

Florian Holsboer: Haufen Essen drauf und natürlich

Florian Holsboer: Bier usw.

Florian Holsboer: Und in dieser Mischung aus

Florian Holsboer: Alkohol, Völlerei und

Florian Holsboer: Standesdünkel entsteht dann im

Florian Holsboer: fortschrittlichen,

Florian Holsboer: fortgeschrittenen Abend auch

Florian Holsboer: eine handfeste

Florian Holsboer: Wirtshausrauferei.

Florian Holsboer: Und mittendrin war mein Vater, der spielte den Dorfpfarrer und

Florian Holsboer: der versucht dann irgendwie das noch irgendwie da aufzupassen,

Florian Holsboer: dass das nicht zu schlimm wird.

Florian Holsboer: Auf alle Fälle hatte ich ein

Florian Holsboer: großes Interesse an diesem, an

Florian Holsboer: diesem Stück.

Florian Holsboer: Und frug mein Vater immer Wann

Florian Holsboer: spielt er denn wieder die

Florian Holsboer: Medaille?

Florian Holsboer: Mein Vater freute sich und wunderte sich über das Interesse

Florian Holsboer: des Sohnes am Theaterspielplan.

Florian Holsboer: Es hat aber eine ganz besondere Bewandtnis.

Florian Holsboer: Und zwar hatte ich

Florian Holsboer: herausgefunden, dass mein Vater

Florian Holsboer: oftmals nach dem Stück Medaille

Florian Holsboer: da ein Stück Braten im

Florian Holsboer: Eisschrank hatte.

Florian Holsboer: Das war übrig geblieben und das hatte mit nach Hause gebracht.

Florian Holsboer: Und wenn ich wusste, dass die Medaille gespielt wurde, dann

Florian Holsboer: bin ich in der Früh schnell an den Eisschrank, hat mir ein

Florian Holsboer: Stück von dem Braten stibitzt.

Florian Holsboer: Und das, als ich das dann als

Florian Holsboer: mein Vater das rausfand, hatte

Florian Holsboer: sich furchtbar gefreut und hat

Florian Holsboer: es dann auch dem Ensemble

Florian Holsboer: erzählt.

Florian Holsboer: Und fortan haben dann die dann

Florian Holsboer: die Ensemblemitglieder, immer

Florian Holsboer: sehr darauf geachtet, dass immer

Florian Holsboer: ein Stück Braten für den Buben

Florian Holsboer: übrig bleibt.

Daniela Holsboer: Das ist aber nett.

Daniela Holsboer: Siehst du, mein Vater wollte nur Ministrant werden, weil's am

Daniela Holsboer: Sonntag auf dem Wallberg oben immer Weißwurst gab.

Daniela Holsboer: Nach der Messe.

Florian Holsboer: Ja, das sind.

Florian Holsboer: Das sind natürlich jetzt schöne Nebeneffekte.

Daniela Holsboer: Also abgesehen von der Aussicht

Daniela Holsboer: auf gutes Essen hätte dein Vater

Daniela Holsboer: gewollt, dass du Schauspieler

Daniela Holsboer: wirst.

Florian Holsboer: Bei keinem anderen Thema hatte

Florian Holsboer: mein Vater eine so dezidierte,

Florian Holsboer: unverrückbare Meinung.

Florian Holsboer: Mein Sohn geht nicht ans Theater.

Florian Holsboer: Mein Sohn geht nicht zur Theater und Film.

Florian Holsboer: Aber es waren doch viele, auch Enttäuschungen.

Florian Holsboer: Nach dem rapiden Aufstieg als

Florian Holsboer: Intendant eines großen Theaters

Florian Holsboer: Anfang der dreißiger Jahre

Florian Holsboer: seiner dreißiger Jahre gab es

Florian Holsboer: doch dann noch viele Rückfälle

Florian Holsboer: und die große Filmrollen gingen

Florian Holsboer: nicht, weil er ja am Theater

Florian Holsboer: engagiert war.

Florian Holsboer: Die Bühne war sein geliebtes Metier, ohne Frage.

Florian Holsboer: Aber es war in dieser Zeit schon ein sehr schwieriges Pflaster,

Florian Holsboer: und das wollte er nicht, dass sein Sohn auch betritt.

Florian Holsboer: Nein, Schauspieler hätte ich nicht werden dürfen.

Daniela Holsboer: Also den Wunsch hast du deinem Vater definitiv erfüllt.

Daniela Holsboer: Du hast erzählt, dass er in seinen letzten Jahren als

Daniela Holsboer: Bühnenschauspieler nicht nur am Schauspielhaus Zürich tätig war,

Daniela Holsboer: sondern auch in Basel.

Daniela Holsboer: Warum jetzt Basel?

Florian Holsboer: Also die genauen Gründe weiss ich nicht.

Florian Holsboer: Er hatte sicher ein attraktives Angebot nach Basel, und es

Florian Holsboer: gefiel ihm auch dort sehr gut.

Florian Holsboer: Die Basler Wesensart, dieser

Florian Holsboer: ausgeprägte, ironisch spöttische

Florian Holsboer: Humor, ohne Weh zu tun, hat ihm

Florian Holsboer: sehr gefallen.

Florian Holsboer: Und die Basen sind auch sehr

Florian Holsboer: kunstsinnig und vor allem sehr

Florian Holsboer: lebenslustig.

Florian Holsboer: Stichwort Basler Fasnacht.

Florian Holsboer: Und dann sind sie auch Leute, die eher das Understatement

Florian Holsboer: pflegen, also Prunk und Protz.

Florian Holsboer: Das ist in Basel ganz unfein.

Florian Holsboer: Man zeigt nicht, was man hat.

Florian Holsboer: Das alles passte zu ihm.

Florian Holsboer: Und man muss auch sehen Er ist

Florian Holsboer: ja im alemannischen Kulturraum

Florian Holsboer: aufgewachsen, nämlich in einem

Florian Holsboer: württembergischen.

Florian Holsboer: Das gehört zum alemannischen

Florian Holsboer: Kulturkreis, genauso wie auch

Florian Holsboer: Basel zum alemannischen

Florian Holsboer: Kulturkreis gehört.

Florian Holsboer: Also da war schon eher so ein Mitschwingen.

Florian Holsboer: Zürich war da immer eher ein bisschen schroffer.

Daniela Holsboer: Und wie haben sich deine Eltern kennengelernt?

Florian Holsboer: Nun, es gab ja viele Fotoalben,

Florian Holsboer: die mir meine Mutter

Florian Holsboer: hinterlassen hat.

Florian Holsboer: Und dem kann ich entnehmen, dass sie schon auch gemeinsam Theater

Florian Holsboer: spielten Und das ist sehr wahrscheinlich, dass sich auch

Florian Holsboer: auf der Bühne kennengelernt hat.

Florian Holsboer: Nicht?

Florian Holsboer: Meine Mutter war ja früher in der Schauspielschule, ging dann

Florian Holsboer: an eine Bühne.

Florian Holsboer: Also da war sicher der Hauptgrund.

Florian Holsboer: Und die Stücke, die Sie spielten, waren auch typische

Florian Holsboer: Mann Frau Stücke, so der Mustergatte zum Beispiel.

Florian Holsboer: Den spielte sie viel mit meinem

Florian Holsboer: Vater, allerdings auch

Florian Holsboer: gelegentlich mit Heinz Rühmann,

Florian Holsboer: was meinem Vater nicht so gut

Florian Holsboer: gefallen hatte.

Florian Holsboer: Dann spielten Sie zusammen mit

Florian Holsboer: Hans Moser in dem Film Einmal

Florian Holsboer: der Herrgott sein, und einmal

Florian Holsboer: spielten sie in einem, in einem

Florian Holsboer: Farbfilm, damals einem der

Florian Holsboer: ersten Farbfilme, das weiße

Florian Holsboer: Abenteuer.

Florian Holsboer: Spielen Sie auch ein Ehepaar?

Florian Holsboer: Ich hatte übrigens auch mal einen kleinen Filmauftritt, wo

Florian Holsboer: meine Eltern spielten.

Florian Holsboer: Der Film hieß Auf Wiedersehen am Bodensee.

Florian Holsboer: Das war ein so großer wirtschaftlicher Misserfolg,

Florian Holsboer: dass man ihn dann auf Wiedersehen am Seeboden nannte.

Daniela Holsboer: Aber muss ich mal sehen, wenn du

Daniela Holsboer: da mitgespielt hast, Wusste ich

Daniela Holsboer: gar nicht.

Daniela Holsboer: Jetzt haben wir viel über deinen Vater gesprochen.

Daniela Holsboer: Aber was für eine Schauspielerin!

Daniela Holsboer: Also, was für ein Typ war deine Mutter?

Florian Holsboer: Meine Mutter war eine bildschöne, attraktive Frau.

Florian Holsboer: Heute würde man sagen sehr sexy.

Florian Holsboer: Also typisch so.

Florian Holsboer: Busen, Taille.

Florian Holsboer: Po. Also, dem Marilyn Monroe ideal nahe kommend.

Florian Holsboer: Sie war kokett, konnte so schön

Florian Holsboer: mit den Augen klimpern und auf

Florian Holsboer: unschuldig machen und damit den

Florian Holsboer: Männern verdrehen.

Florian Holsboer: Und gerade die Rolle der Margret in der im Mustergatten,

Florian Holsboer: die war ja auf den Leib geschrieben, wie auch die Rolle

Florian Holsboer: im weißen Abenteuer.

Daniela Holsboer: Kannst du näher beschreiben, um was es da geht?

Florian Holsboer: Also im Mustergatten geht es darum, dass ein sehr penibler,

Florian Holsboer: pedantischer, aber liebevoller Ehemann seiner Frau alles.

Florian Holsboer: Die Frau spielte meine Mutter, seine Frau, Alles.

Florian Holsboer: Jeden Wunsch von den Lippen abliest Und das langweilt sie,

Florian Holsboer: Aber sie flirtet lieber in der Gegend rum und und geht mit

Florian Holsboer: anderen Männern aus.

Florian Holsboer: Und das und erwähnt auch mal, dass sie sich trennen wollte.

Florian Holsboer: Und da der Mustergatte ist da ganz entsetzt und spricht mit

Florian Holsboer: seinem Freund darüber.

Florian Holsboer: Und der rät ihm nun, dass er

Florian Holsboer: auch mal jetzt mal mit anderen

Florian Holsboer: Frauen flirten sollte und auch

Florian Holsboer: mal mit anderen Frauen ausgehen

Florian Holsboer: sollte.

Florian Holsboer: Und das ist natürlich typisches Boulevardtheater.

Florian Holsboer: Dann kommt es zu

Florian Holsboer: Verdächtigungen, zu

Florian Holsboer: Verwechslungen.

Florian Holsboer: Ich fand, die Bühne hatte lauter zu.

Florian Holsboer: Türen gehen auf und zu, der Falsche kommt rein und raus.

Florian Holsboer: Also am Ende ist natürlich alles wieder gut.

Florian Holsboer: Typisches Pulver und weißen Abenteuer.

Florian Holsboer: Da spielt sie wieder, eine sehr

Florian Holsboer: lebenslustige Frau, die mit

Florian Holsboer: einem Handwerker verheiratet

Florian Holsboer: ist, der in der in der Winter

Florian Holsboer: Skisaison vor allem Skier

Florian Holsboer: repariert.

Florian Holsboer: Und weil sie jetzt durch die Touristen eben auch einen

Florian Holsboer: anderen Lebensstil kennenlernt und auch haben will und er nicht

Florian Holsboer: das Geld dafür hatte.

Florian Holsboer: Verwickelt er sich in den Drogenhandel.

Florian Holsboer: Das ist aber sehr naiv dargestellt.

Florian Holsboer: Da wird das weiße Pulver wird

Florian Holsboer: unter die Skibindungen gestopft

Florian Holsboer: und das.

Florian Holsboer: Das Ganze spielt an der Grenze

Florian Holsboer: und der Ski mitsamt dem weißen

Florian Holsboer: Pulver den Berg runtergeschoben

Florian Holsboer: und landet auf der anderen Seite

Florian Holsboer: der Grenze.

Florian Holsboer: Und am Ende wird dann auch wieder alles gut.

Florian Holsboer: Aber man muss auch sagen, das ist ein ernstes Thema.

Florian Holsboer: Aber das war schon sehr beschwingt.

Florian Holsboer: Und eben auch diese beschwingten

Florian Holsboer: Filme, die wollten die Menschen

Florian Holsboer: sehen, die wollten nicht dieses

Florian Holsboer: erzieherische, dauernd

Florian Holsboer: sozialkritische Themen

Florian Holsboer: einpflanzen.

Florian Holsboer: Der Filme, wie man sie heute im Tatort hat, immer so

Florian Holsboer: moralisierend erhobenen Zeigefinger, das hätte man

Florian Holsboer: damals nicht ertragen können.

Daniela Holsboer: Ja, schade, dass ich deine Mama nie kennenlernen konnte.

Daniela Holsboer: Aber jetzt gibt es noch was in

Daniela Holsboer: deiner Jugend, was man gar nicht

Daniela Holsboer: so vermutet.

Daniela Holsboer: Du warst Eiskunstläufer.

Daniela Holsboer: Da steht man ja auch auf einer Art Bühne.

Daniela Holsboer: Wie kam es jetzt dazu?

Florian Holsboer: Ja, meine Mutter bekam eine Rolle angeboten in einem

Florian Holsboer: sogenannten Eisrevue Film.

Florian Holsboer: Sie musste dazu auch ihre

Florian Holsboer: Eiskunstlauf Kenntnisse, die sie

Florian Holsboer: schon hatte, noch mal ordentlich

Florian Holsboer: aufpolieren und wusste nicht so

Florian Holsboer: recht wohin mit mir und kaufte

Florian Holsboer: mir daraus auch so einfache

Florian Holsboer: Schlittschuhe.

Florian Holsboer: Und da hing ich so mehr oder weniger wie so ein Kleiderbügel

Florian Holsboer: an der Bande und wusste nicht, wie das geht.

Florian Holsboer: Aber dann habe ich dann doch

Florian Holsboer: angefangen, ein bisschen das

Florian Holsboer: auszuprobieren.

Florian Holsboer: Und offenbar hatte ich so ein kleines Talent dafür.

Florian Holsboer: Und die Buben waren auch Mangelware.

Florian Holsboer: Man förderte das auch.

Florian Holsboer: Und da wurde dann, ganz

Florian Holsboer: allmählich wurde dann das

Florian Holsboer: Prinzregentenstadion.

Florian Holsboer: Ähm, das ist ja heute noch gibt.

Florian Holsboer: Und das Stadion in der Galerie

Florian Holsboer: Straße, die Unsölds Eisbahn

Florian Holsboer: wurde man so ein zweites

Florian Holsboer: Zuhause.

Florian Holsboer: Das ist übrigens eine ganz interessante Sache mit dem mit

Florian Holsboer: der unsäglichen Eisbahn.

Florian Holsboer: Unseld war der hatte eine

Florian Holsboer: Technik, wie man, wie man

Florian Holsboer: Kunsteis herstellt, weil es gab

Florian Holsboer: ja damals noch nicht einen

Florian Holsboer: Eisschrank, den man in die

Florian Holsboer: Steckdose steckt, sondern das

Florian Holsboer: war so ein Möbelstück mit zwei

Florian Holsboer: Fächern.

Florian Holsboer: Und in der Mitte war auch noch ein Schacht.

Florian Holsboer: In diesen Schacht steckte man dieses gefrorene Eis rein und

Florian Holsboer: das strahlte dann die Kälte auf beiden Seiten aus.

Florian Holsboer: Unten war ein Hahn, dann kam das

Florian Holsboer: geschmolzene Eis, also das

Florian Holsboer: Wasser raus.

Florian Holsboer: Und wenn dann nichts mehr kam das Eis weg und dann hat man

Florian Holsboer: wieder ein neues bestellt.

Florian Holsboer: Das wurde dann doch wieder reingeschmissen.

Florian Holsboer: Diese, diese Eisstangen, die

Florian Holsboer: mussten ja hergestellt werden

Florian Holsboer: und die brauchte man im Winter

Florian Holsboer: nicht.

Florian Holsboer: Da war es auch kalt.

Florian Holsboer: Also hat sich der Unseld

Florian Holsboer: gedacht, dann nutze ich doch

Florian Holsboer: diese Eismaschinen, um kleine

Florian Holsboer: Eisfläche herzustellen.

Florian Holsboer: Und diese Eisfläche war dann war

Florian Holsboer: viel kleiner als normale Als

Florian Holsboer: Plätze und hieß deswegen auch

Florian Holsboer: Schachteleis in der Galerie

Florian Holsboer: Straße.

Florian Holsboer: Das gibt es jetzt nicht mehr.

Daniela Holsboer: Und wie ging es dann weiter mit dem Eiskunstlauf?

Florian Holsboer: Ich kam dann in den Münchner Eislaufverein.

Florian Holsboer: Alles wurde strukturierter.

Florian Holsboer: Ich hatte einen festen Trainer.

Florian Holsboer: Das war der Vater von dem berühmten Manfred Schnelldorfer.

Florian Holsboer: Später kam ich zum Bundestrainer

Florian Holsboer: Erich Zeller in Garmisch

Florian Holsboer: Partenkirchen.

Florian Holsboer: Da mussten wir dann öfters am Wochenende hinfahren.

Florian Holsboer: Auch vom Ernst Baier bekam ich Eislaufunterricht.

Florian Holsboer: Der war gemeinsam mit seiner

Florian Holsboer: Ehefrau Maxi Herber neunzehn

Florian Holsboer: hundert sechs und dreißig am

Florian Holsboer: Partenkirchen Olympiasieger,

Florian Holsboer: Eiskunstlauf, Paarlaufen.

Florian Holsboer: Und später war ich dann bei

Florian Holsboer: einer Eislauflehrerin der Frau

Florian Holsboer: Brüning.

Florian Holsboer: Die nahm uns dann mit nach Davos zum Sommertraining während der

Florian Holsboer: Sommerferien und oder nach Bad Tölz zum Sommertraining.

Florian Holsboer: Mir wurde dann auch mit aller Bitterkeit klar.

Florian Holsboer: Ein großer Eiskunstläufer wirst du nicht.

Florian Holsboer: Ich war zwar neunzehn hundert ein und sechzig war ich

Florian Holsboer: Deutscher Jugendmeister geworden, in Oberstdorf, gerade

Florian Holsboer: mal mit fünfzehn Jahren.

Florian Holsboer: Aber es gab den Manfred

Florian Holsboer: Schnelldorfer, das war ein

Florian Holsboer: Riesentalent.

Florian Holsboer: Manfred Schnelldorfer hat alles

Florian Holsboer: gewonnen, war Deutscher Meister,

Florian Holsboer: Europameister, Weltmeister,

Florian Holsboer: Olympiasieger.

Florian Holsboer: Da, das war eine, eine Dimension, an die kam ich

Florian Holsboer: überhaupt nicht hin.

Florian Holsboer: Und immer nur in der zweiten, dritten Reihe stehen, das wollte

Florian Holsboer: ich auch nicht.

Florian Holsboer: Ich nahm dann noch einen Ausflug zum Paarlaufen, konnte übrigens

Florian Holsboer: ganz gut diese Hebefiguren.

Florian Holsboer: Und da muss man sich vorstellen, es ist gar nicht so einfach.

Florian Holsboer: Denn wenn man dann sein eigenes Gewicht zu irgendwie ein

Florian Holsboer: bisschen was über siebzig Kilo, dann die als Laufpartnerin hat,

Florian Holsboer: auch so mit allem drum und Dran, ein bisschen über fünfzig Kilo.

Florian Holsboer: Und unten steht man auf diesen Eislaufkufen, die die Fläche,

Florian Holsboer: die da auf dem Eis drauf ist, das sind ja Stiefel, immer nur

Florian Holsboer: ein paar Quadratzentimeter und da dann Drehungen machen und

Florian Holsboer: oben diese Frau zu halten.

Florian Holsboer: Also das war nicht einfach.

Florian Holsboer: Konnte man was passieren, wenn

Florian Holsboer: man da Fehler machte und die

Florian Holsboer: segelte darunter.

Florian Holsboer: Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Florian Holsboer: Aber ich habe dann mit vier Jahren begonnen und mit zwei und

Florian Holsboer: zwanzig Jahren aufgehört.

Florian Holsboer: Es war eine großartige Zeit, aber dann war Schluss.

Florian Holsboer: Dann gab es andere Prioritäten.

Daniela Holsboer: Aber Jugendmeister mit 15 und insgesamt ja dann 18

Daniela Holsboer: Jahre auf dem Eis, ist trotzdem eine lange Zeit und sehr prägend

Daniela Holsboer: stelle ich mir das vor.

Florian Holsboer: Ja, das war ganz genau so, denn das ist ja auch wenn ich wusste,

Florian Holsboer: dass ich im Eis auf dem Eis Parkett nicht werde reüssieren

Florian Holsboer: können, war das doch für mich eine gute Zeit.

Florian Holsboer: Es war prägend.

Florian Holsboer: Man lernt Disziplin und man muss auch sehen, dass es eben auch

Florian Holsboer: für den Einzelläufer ein sehr schwieriger Sport ist.

Florian Holsboer: Einmal musste man ja diese, bis

Florian Holsboer: man dann bei so einem Sprung

Florian Holsboer: kommt.

Florian Holsboer: Also so ein so einen

Florian Holsboer: Doppelsprung, einen doppelten

Florian Holsboer: Rittberger irgendwo.

Florian Holsboer: Das war ewige Zeiten, dass man

Florian Holsboer: da, bis man, wie oft man dahin

Florian Holsboer: geflogen ist, bis man einmal

Florian Holsboer: auch so einen Sprung stehen

Florian Holsboer: konnte.

Florian Holsboer: Dann muss man musikalisch sein.

Florian Holsboer: Und dann muss man eine Riesenkondition haben.

Florian Holsboer: Denn seine Kür, die dauert ja so

Florian Holsboer: bei Männern in der oberen Klasse

Florian Holsboer: fünf Minuten.

Florian Holsboer: Und man kann sich das ja nicht einteilen wie ein Leichtathlet,

Florian Holsboer: sondern man muss dann immer mal sehr schnell laufen, dann wieder

Florian Holsboer: langsamer, eine Pirouette, da geht, bleibt die Luft weg, dann

Florian Holsboer: kommt wieder ein Sprung.

Florian Holsboer: Also das war auch von der Kondition her sehr

Florian Holsboer: herausfordernd, brauchte viel Fleiß und Geduld.

Florian Holsboer: Aber dann habe ich eben dann auch Schluss gemacht.

Florian Holsboer: Da war das Studium vorrangig.

Daniela Holsboer: Lass uns doch mal auf deine Schulzeit kommen.

Daniela Holsboer: Heute spricht man ja permanent

Daniela Holsboer: von Bildungsmisere, also

Daniela Holsboer: Stichwort Pisa.

Daniela Holsboer: Aber ich kann mir vorstellen,

Daniela Holsboer: dass es in der Nachkriegszeit

Daniela Holsboer: schon auch sehr viele Probleme

Daniela Holsboer: gab, oder?

Florian Holsboer: Das waren natürlich ganz andere Zeiten.

Florian Holsboer: Also ich wurde neunzehn hundert

Florian Holsboer: ein und fünfzig in die

Florian Holsboer: Bibelschule eingeschult.

Florian Holsboer: Das war in der Klasse waren das ein hundert zehn Schüler und nur

Florian Holsboer: ein hundert Bänke.

Florian Holsboer: Weil man davon ausging, dass nicht immer alle da sind.

Florian Holsboer: Das habe ich dann auch

Florian Holsboer: rausgefunden und auch davon

Florian Holsboer: Gebrauch gemacht.

Florian Holsboer: Ich wollte nämlich Maurer

Florian Holsboer: werden, denn die Bauintensität,

Florian Holsboer: gerade da auf dem Schulweg, die

Florian Holsboer: war enorm.

Florian Holsboer: Und diese Gerüste und die

Florian Holsboer: Maurer, das hat für mich eine

Florian Holsboer: enorme Anziehungskraft.

Florian Holsboer: Und die Interessen an der Schule, die waren sehr gering.

Florian Holsboer: Das ärgerte natürlich die damalige Klassenlehrerin.

Florian Holsboer: Ich weiß heute noch ihr Name, nämlich Fräulein, sagte man

Florian Holsboer: damals Fräulein Pfitzner und Fräulein Pfitzner bestellte also

Florian Holsboer: mein Vater ein und fing also dann doch, machte doch ihrem

Florian Holsboer: Ärger da etwas Luft und endete ihre Ihre Anschuldigung mit dem

Florian Holsboer: Satz Ich erwarte von meinen Kindern militärischen Gehorsam,

Florian Holsboer: da es meinem Vater sechs Jahre nach Kriegsende mein Vater der,

Florian Holsboer: dem es gelungen war, die ganze Nazizeit einen Krieg quasi unter

Florian Holsboer: dem Radar zu bleiben.

Florian Holsboer: Da habe ich sofort rausgenommen

Florian Holsboer: und in die Rudolf Steiner Schule

Florian Holsboer: gebracht damals.

Florian Holsboer: Vorher sagte man noch dazu die Waldorfschule.

Daniela Holsboer: Also ich kenne dich ja ein

Daniela Holsboer: bisschen und das mit der

Daniela Holsboer: Waldorfschule ist dann doch ein

Daniela Holsboer: bisschen ironisch, weil du ja

Daniela Holsboer: von derartigen alternativen

Daniela Holsboer: Ansätzen, also ich formuliere es

Daniela Holsboer: jetzt mal vorsichtig, nicht ganz

Daniela Holsboer: überzeugt ist.

Daniela Holsboer: Wie kam dein Vater auf die Idee, dich jetzt gerade auf die

Daniela Holsboer: Steinerschule zu schicken?

Daniela Holsboer: Oder hatte er vielleicht so

Daniela Holsboer: einen Hang zum

Daniela Holsboer: anthroposophischen Gedankengut?

Florian Holsboer: Also das weiß ich nicht genau,

Florian Holsboer: aber ich glaube nicht, dass er

Florian Holsboer: einen Hang zur Anthroposophie

Florian Holsboer: hatte.

Florian Holsboer: Also diese Spirituell nicht

Florian Holsboer: materiellen Dimension, die ja so

Florian Holsboer: ein höheres Wissen vermitteln

Florian Holsboer: will.

Florian Holsboer: Ich glaube, davon hielt er gar nichts.

Florian Holsboer: Aber er war in der Bar in Stuttgart, auch in der

Florian Holsboer: Waldorfschule und hatte auch gar keine andere Wahl.

Florian Holsboer: Es gab keine Alternativen in

Florian Holsboer: München und und er brachte mich

Florian Holsboer: dorthin und die nahmen mich auch

Florian Holsboer: auf.

Florian Holsboer: Und dann muss man sich vorstellen, das Ganze.

Florian Holsboer: Diese ganze Schule, das waren so Holzbauten auf einer Fläche,

Florian Holsboer: die, wo früher ein Haus stand.

Florian Holsboer: Das war so planiert.

Florian Holsboer: Und da standen also diese, diese

Florian Holsboer: Holzbauten, Fußboden, Holzwände,

Florian Holsboer: Holzdach, Holz.

Florian Holsboer: Und im Winter hatte man dort Eisenöfen.

Florian Holsboer: Nun muss man wissen, zu dieser

Florian Holsboer: Zeit gab es also bei Eisen sehr

Florian Holsboer: rar.

Florian Holsboer: Also die Wände von diesen Öfen waren sehr dünn, so dass wenn

Florian Holsboer: dann eine Zeit lang geheizt wurde, fingen die an zu glühen.

Florian Holsboer: Jetzt stelle man sich vor, was

Florian Holsboer: heute die Feuerwehr und das

Florian Holsboer: Kreisverwaltungsreferat sagen

Florian Holsboer: würde dass man in einem Holzhaus

Florian Holsboer: eine Schule betreibt, in dem im

Florian Holsboer: Winter ein glühender Eisenofen

Florian Holsboer: steht.

Florian Holsboer: Nicht vorstellbar.

Daniela Holsboer: Nein, absolut nicht.

Daniela Holsboer: Und war der kleine Florian als Schüler schon ein Überflieger?

Florian Holsboer: Nein, gar nicht.

Florian Holsboer: Es ging so leidlich.

Florian Holsboer: Ich hatte eben das Handicap,

Florian Holsboer: dass ich mich nicht gut

Florian Holsboer: konzentrieren konnte.

Florian Holsboer: Leicht ablenkbar war zum Beispiel.

Florian Holsboer: Später dann im Englischunterricht.

Florian Holsboer: Wenn man also erst ein Diktat

Florian Holsboer: bekam, das konnte ich prima,

Florian Holsboer: aber meistens fehlerfrei bei der

Florian Holsboer: Übersetzung, die war auch noch

Florian Holsboer: sehr gut.

Florian Holsboer: Die Nacherzählung war ein

Florian Holsboer: Fiasko, weil ich mir einfach

Florian Holsboer: nicht merken konnte, was der da

Florian Holsboer: erzählt hat und was man dann aus

Florian Holsboer: dem Gedächtnis niederschreiben

Florian Holsboer: musste.

Daniela Holsboer: Und und das wäre heute schon ADHS.

Florian Holsboer: Ja, also diese Aufmerksamkeitsdefizite in

Florian Holsboer: Verbindung mit Hyperaktivität, dafür steht ADHS ist natürlich

Florian Holsboer: eine Diagnose, die also aus meiner Sicht sehr häufig zu

Florian Holsboer: häufig gestellt wird.

Florian Holsboer: Meistens kommt die Diagnosen

Florian Holsboer: Vorschlag von Lehrern und die

Florian Holsboer: sind ja da auch nicht so die

Florian Holsboer: Experten.

Florian Holsboer: Und wenn ich lese, dass acht

Florian Holsboer: Prozent aller Buben eine ADHS

Florian Holsboer: haben sollten, dann habe ich

Florian Holsboer: meine Zweifel.

Florian Holsboer: Es wird ja schon inflationär

Florian Holsboer: gebraucht und sicher hat dabei

Florian Holsboer: eine Rolle gespielt, dass ich

Florian Holsboer: vom ersten Moment an im Leben

Florian Holsboer: immer sehr schlecht geschlafen

Florian Holsboer: habe.

Florian Holsboer: Vielleicht hat das auch etwas

Florian Holsboer: damit zu tun, dass meine Mutter,

Florian Holsboer: als sie mich trug, schon nicht

Florian Holsboer: schlafen konnte durch die

Florian Holsboer: Kriegseinwirkung.

Florian Holsboer: Und es ging bei mir ja auch nicht viel besser weiter.

Florian Holsboer: Und das habe ich heute noch.

Daniela Holsboer: Jetzt war die Steinerschule in

Daniela Holsboer: Schwabing, die Wohnung in

Daniela Holsboer: Bogenhausen, der Eisplatz im

Daniela Holsboer: Lehel.

Daniela Holsboer: Das ist jetzt nicht alles ganz um die Ecke.

Daniela Holsboer: Wie bist du dahin gekommen?

Daniela Holsboer: Also, wie warst du mobil?

Daniela Holsboer: Ich meine, du warst doch ein kleiner Junge.

Florian Holsboer: Ja, das war noch nicht so schlimm in den fünfziger Jahren.

Florian Holsboer: Die Straßen waren noch sicher.

Florian Holsboer: Man war gewohnt, zu Fuß zur Schule zu gehen.

Florian Holsboer: Und da, wo es ging, gab es auch

Florian Holsboer: schon ganz gut funktionierende

Florian Holsboer: Busverbindungen.

Florian Holsboer: Die Eltern waren allerdings viel auf Tournee und ich wurde dann.

Florian Holsboer: Ich sollte nicht immer bei der

Florian Holsboer: Oma untergebracht sein, sondern

Florian Holsboer: wurde dann auch zu Gastfamilien

Florian Holsboer: in Pension gegeben und das war

Florian Holsboer: dann familientig.

Florian Holsboer: Platz hatten.

Florian Holsboer: Und ich habe dann eine Matratze auf dem Boden gekriegt, meine

Florian Holsboer: Sachen drum herum und wurde dort versorgt und wurde dann auch,

Florian Holsboer: war auch behütet und das war natürlich nur immer woanders.

Florian Holsboer: Und das war eben einmal.

Florian Holsboer: Da war ich bei einer Gastfamilie in der Conradstraße.

Florian Holsboer: Das ist gar nicht weit weg von

Florian Holsboer: der Müllerstraße, wo die Schule

Florian Holsboer: ist.

Florian Holsboer: Aber ich hatte mich irgendwie verlaufen.

Florian Holsboer: Ich kam zu spät in die Schule.

Florian Holsboer: Und da war die Lehrerin also ganz überrascht und sagt Warum

Florian Holsboer: kommst du so spät?

Florian Holsboer: Da habe ich gesagt, Ich habe

Florian Holsboer: mich verlaufen, ich habe den Weg

Florian Holsboer: nicht gefunden.

Florian Holsboer: Da haben natürlich alle schallend gelacht, weil sie sagt

Florian Holsboer: Ihr kam ja immer von zu Hause.

Florian Holsboer: Da kann man dann plötzlich den Weg nicht mehr finden.

Florian Holsboer: Das hat dann schon ein bisschen wehgetan, aber.

Florian Holsboer: Aber so schlimm war es dann auch wieder nicht.

Daniela Holsboer: Ja, man spürt auch deinen Schmerz, wenn du das erzählst.

Daniela Holsboer: Und ist das auch ein Gefühl,

Daniela Holsboer: dass du mit deiner Kindheit

Daniela Holsboer: verbindest?

Daniela Holsboer: Also diese mangelnde

Daniela Holsboer: Geborgenheit oder in dem Fall

Daniela Holsboer: jetzt wirklich

Daniela Holsboer: Orientierungslosigkeit?

Florian Holsboer: Ja, das Geborgenheitsgefühl ist

Florian Holsboer: dann natürlich schon, wenn man

Florian Holsboer: da immer woanders ist und immer

Florian Holsboer: jemand anders auf einen

Florian Holsboer: aufpasst.

Florian Holsboer: Ist natürlich schon ein anderes Thema.

Florian Holsboer: Das war ja dann immer noch

Florian Holsboer: einige Wochen, manchmal auch

Florian Holsboer: einen Monat.

Florian Holsboer: Aber die Eltern waren halt nicht

Florian Holsboer: da und die habe ich dann oft

Florian Holsboer: schon auch vermisst, wenn ich

Florian Holsboer: von der Schule heimkam zum

Florian Holsboer: Beispiel und nach Hause in die

Florian Holsboer: Cuvilliésstraße kam.

Florian Holsboer: Dann zögerte ich oft am Klingelbrett, weil ich Angst

Florian Holsboer: hatte, dass ich, dass mir niemand aufmacht, weil niemand

Florian Holsboer: zu Hause ist.

Florian Holsboer: Und dann bin ich aber halt auch dann noch mal um den ganzen

Florian Holsboer: Block und habe mir immer Mut gefasst und geklingelt.

Florian Holsboer: Meistens war dann auch jemand da.

Daniela Holsboer: Und noch mal zurück zur Steinerschule.

Daniela Holsboer: Also das war dann wirklich ganz

Daniela Holsboer: anders als auf der normalen

Daniela Holsboer: Schule.

Florian Holsboer: Den Unterschied haben wir

Florian Holsboer: eigentlich nicht so

Florian Holsboer: wahrgenommen.

Florian Holsboer: Also die von Steiner vertretene

Florian Holsboer: Anthroposophie ist ja eine

Florian Holsboer: primär esoterische

Florian Holsboer: Weltanschauung.

Florian Holsboer: Da werden so naturwissenschaftliche Ansätze

Florian Holsboer: ganz raffiniert mit so raffiniert spirituellen

Florian Holsboer: magischen Ideen verknüpft.

Florian Holsboer: Für uns Kinder war das überhaupt kein Thema.

Florian Holsboer: Wir Buben fanden Eurythmie zum Beispiel.

Florian Holsboer: Das ist so eine Bewegungsform,

Florian Holsboer: die einem da mit Musik

Florian Holsboer: untermalt.

Florian Holsboer: So irgendwelche Zugang zu höheren Welten eröffnen sollten.

Florian Holsboer: Also wir wollten Fußball

Florian Holsboer: spielen, Das hat uns nicht

Florian Holsboer: interessiert.

Florian Holsboer: Heute ist Eurythmie übrigens als

Florian Holsboer: Therapieform weiterentwickelt

Florian Holsboer: worden.

Florian Holsboer: Für welche Indikation?

Florian Holsboer: Weiß ich nicht.

Florian Holsboer: Und ich will mir deswegen auch

Florian Holsboer: kein Urteil über die über die

Florian Holsboer: Qualität dieser Therapieformen

Florian Holsboer: erlauben.

Daniela Holsboer: Das ist das, wo man seinen Namen tanzt, oder?

Florian Holsboer: Daher ja auch.

Florian Holsboer: Ja, das ist alles so, ja.

Florian Holsboer: Also für so Buben in dem Alter

Florian Holsboer: ist das überhaupt nichts

Florian Holsboer: Interessantes.

Daniela Holsboer: Hast dir aber dann auch einen komplizierten Nachnamen

Daniela Holsboer: ausgesucht zum Tanzen.

Daniela Holsboer: Da geht wahrscheinlich Meier oder Müller leichter.

Daniela Holsboer: Gab es denn in der Schulzeit auch Freunde, die dich irgendwie

Daniela Holsboer: begleitet haben, geprägt haben?

Florian Holsboer: Beflügelt ja.

Daniela Holsboer: Auch.

Florian Holsboer: Ich war.

Florian Holsboer: Ich war ganz eng mit Rainer Werner Fassbinder befreundet,

Florian Holsboer: der in der gleichen Schule in der gleichen Klasse war.

Florian Holsboer: Und das war wirklich ein echter Freund und Verbündeter.

Florian Holsboer: Aber er war auch ein kleiner Teufel.

Florian Holsboer: Also es war ja so, dass mittags

Florian Holsboer: oft bei mir niemand zu Hause war

Florian Holsboer: und ich durfte dann zu Eltern

Florian Holsboer: anderer Mitschüler nach Hause

Florian Holsboer: zum Essen.

Florian Holsboer: Und wir fuhren da oft zu Rainers

Florian Holsboer: Mutter, die wohnte in der

Florian Holsboer: Zenettistraße.

Florian Holsboer: Das ist ziemlich weit weg, da muss man mit der Trambahn die

Florian Holsboer: ganze Lindwurmstraße hochfahren.

Florian Holsboer: Und da war das noch so, dass ich in jedem Trambahnwaggon war, ein

Florian Holsboer: Schaffner, bei dem man seine Fahrkarte gelöst hat.

Florian Holsboer: Und er legte sich immer mit dem Schaffner an, und das hat dann

Florian Holsboer: manchmal schon so die Dimension, dass die einen einfach im Zorn

Florian Holsboer: gesagt Du steigst jetzt aus.

Florian Holsboer: Und dann stand ich da in dem Bus

Florian Holsboer: oder in dem Trambahnwaggon und

Florian Holsboer: fuhr dann allein zur

Florian Holsboer: Zenettistraße.

Florian Holsboer: Und mittlerweile wusste ich, wo ich da aussteigen muss und

Florian Holsboer: wartete auf ihn.

Florian Holsboer: Er kam entweder dann angelaufen

Florian Holsboer: oder wenn er relativ früh

Florian Holsboer: rausgeschmissen wurde, mit der

Florian Holsboer: nächsten Bahn.

Florian Holsboer: Das war so, ich hatte immer.

Florian Holsboer: Später habe ich mir gedacht, vielleicht war das auch

Florian Holsboer: irgendwie schon in ihm drin.

Florian Holsboer: Solche Sozialexperimente auszuprobieren, was schlimm war.

Florian Holsboer: Plötzlich war der Rainer wie vom Erdboden verschwunden.

Florian Holsboer: Später habe ich erfahren, dass

Florian Holsboer: das damit zusammenhängt, dass

Florian Holsboer: seine Mutter an Tuberkulose

Florian Holsboer: erkrankt war und in eine Klinik

Florian Holsboer: musste.

Florian Holsboer: Und ein Sanatorium.

Florian Holsboer: Und sie wollte natürlich, dass

Florian Holsboer: ihr Sohn da nicht dann weiter in

Florian Holsboer: München bleibt.

Florian Holsboer: Wie soll denn das gehen?

Florian Holsboer: Ich habe nichts mehr von ihm gehört.

Florian Holsboer: Dann weiß man ja, dass er mit sieben und dreißig Jahren

Florian Holsboer: höchstwahrscheinlich an Drogen oder sonstigen Einwirkungen

Florian Holsboer: ungesunden gestorben war.

Florian Holsboer: Und wenn man bedenkt, dass er von Mitte zwanzig bis Anfang

Florian Holsboer: Mitte zwanzig bis sieben und dreißig, vierzig Filme gedreht

Florian Holsboer: hat, dann kommt einem vielleicht in den Sinn der van Gogh, der in

Florian Holsboer: zehn Jahren von sieben und zwanzig bis sieben und dreißig

Florian Holsboer: sein gesamtes malerisches, grandioses Werk geschaffen hat.

Florian Holsboer: Und vielleicht hatte auch diese Trennung was Gutes.

Florian Holsboer: Denn die Lebensweise, in die er

Florian Holsboer: dann hineingerutscht ist, in die

Florian Holsboer: hätte ich nicht auch

Florian Holsboer: hereinrutschen wollen.

Florian Holsboer: Es wäre für mich unpassend gewesen.

Florian Holsboer: Also ich musste gar nicht richtig abbiegen.

Florian Holsboer: Es hat sich irgendwie von selbst ergeben.

Daniela Holsboer: Du hast vorhin gesagt, dass du

Daniela Holsboer: deinen Fokus vom Eiskunstlauf

Daniela Holsboer: weg auf die Bildung richten

Daniela Holsboer: wolltest.

Daniela Holsboer: Aber du warst als Schüler ja

Daniela Holsboer: schon noch aktiv beim Sport und

Daniela Holsboer: hat sich das irgendwie

Daniela Holsboer: vertragen.

Daniela Holsboer: Ich stelle mir das also auch so dominant vor.

Daniela Holsboer: Man kennt es ja von jungen

Daniela Holsboer: Sportlern, dass sie eigentlich

Daniela Holsboer: kaum mehr Zeit haben zum Lernen

Daniela Holsboer: oder?

Daniela Holsboer: Und und.

Daniela Holsboer: Vor allem auch hast du dann deinen Abschluss gemacht auf der

Daniela Holsboer: Steinerschule oder wie war es?

Florian Holsboer: Ja, also zunächst mal ging der Eislaufsport weiter.

Florian Holsboer: Aber da muss man schon auch sagen, das war ein anderer Sport

Florian Holsboer: und eine andere Intensität.

Florian Holsboer: Eiskunstlauf war ein

Florian Holsboer: Wintersport, also dem betrieb

Florian Holsboer: man zwischen Ende Oktober bis

Florian Holsboer: Mitte März.

Florian Holsboer: Weil es da sonst nicht so kalt gewesen ist.

Florian Holsboer: Es ist nicht wie heute, wo man zwölf Monate eislaufen kann, und

Florian Holsboer: in dieser Zeit machte man das.

Florian Holsboer: Und das vertrug sich schon auch

Florian Holsboer: sowohl mit der Steinerschule als

Florian Holsboer: auch dann später mit der

Florian Holsboer: Oberschule.

Florian Holsboer: Und es war dann auch so, als ich dann zum Beispiel Deutscher

Florian Holsboer: Jugendmeister war, dann stand es auch in der Zeitung und man

Florian Holsboer: hatte sich irgendwie krank gemeldet, weil man war ja die

Florian Holsboer: Schule geschwänzt letztendlich.

Florian Holsboer: Aber da hat man schon auch ein Auge zugedrückt.

Florian Holsboer: Außerdem war die Oberschule auch

Florian Holsboer: die gleiche, in dem auch Manfred

Florian Holsboer: Schnelldorfer war.

Florian Holsboer: Und da hat man sich da schon besser arrangiert.

Florian Holsboer: In der Steinerschule von der Steinerschule hatte ich dann

Florian Holsboer: allerdings schon auch genug.

Florian Holsboer: Ich wollte.

Florian Holsboer: Mit zwölf Jahren wollte ich unbedingt da raus.

Florian Holsboer: Ich wollte in die, ins Gymnasium.

Florian Holsboer: Also diese anthroposophische Aura, das habe ich dann schon so

Florian Holsboer: mit zwölf, da merkt man das.

Florian Holsboer: Also das passt nicht zu mir.

Florian Holsboer: Ich hatte da andere

Florian Holsboer: Vorstellungen, das war mir zu

Florian Holsboer: verschwommen.

Florian Holsboer: Diese höheren Sphären und dieses ganze pseudoreligiöse Getue.

Florian Holsboer: Das war so gar nichts für mich.

Florian Holsboer: Da kam vielleicht auch schon die Neigung zum zur exakten

Florian Holsboer: Wissenschaft nach vorne.

Florian Holsboer: Es gab auch Veränderungen in der häuslichen Situation.

Florian Holsboer: Das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt.

Daniela Holsboer: Und was hatte sich verändert?

Florian Holsboer: Ja, die Situation hatte sich

Florian Holsboer: neunzehn hundert fünfzig oder

Florian Holsboer: Anfang neunzehn hundert fünfzig

Florian Holsboer: ganz allmählich immer mehr

Florian Holsboer: verändert.

Florian Holsboer: Und zwar will ich hier nicht über jemanden richten, aber es

Florian Holsboer: war schon sehr speziell.

Florian Holsboer: Also die Eltern hatten ja nun

Florian Holsboer: ganz unterschiedliche

Florian Holsboer: Biografien.

Florian Holsboer: Mein humorvoller, warmherziger Vater, den die Kollegen nannten

Florian Holsboer: ihn die wandelnde Inspiration.

Florian Holsboer: Er war hochgebildet, kreativ und auch sehr intelligent.

Florian Holsboer: Er kam neunzehn hundert fünf zur Welt.

Florian Holsboer: Und als er neun Jahre alt war, begann der Erste Weltkrieg.

Florian Holsboer: Nach dessen Ende blieben ihm

Florian Holsboer: gerade mal noch einundzwanzig

Florian Holsboer: Jahre, bis der Zweite Weltkrieg

Florian Holsboer: losbrach.

Florian Holsboer: Als es nach drei

Florian Holsboer: Nachkriegsjahren neunzehn

Florian Holsboer: hundert acht und vierzig wieder

Florian Holsboer: aufwärts ging, da blieben ihm

Florian Holsboer: gerade noch zehn Jahre, bis er

Florian Holsboer: nach langer, schwerer Krankheit

Florian Holsboer: starb.

Florian Holsboer: Das ist schon eine eine eine

Florian Holsboer: sehr belastete Lebenszeit

Florian Holsboer: gewesen, die er da verbracht

Florian Holsboer: hat.

Florian Holsboer: Und natürlich war er nicht der Einzige.

Florian Holsboer: Aber es hilft einem dann auch

Florian Holsboer: nichts, wenn es den anderen auch

Florian Holsboer: schlecht geht.

Florian Holsboer: Und ich erinnere mich, dass er in den Zeiten, in denen er in

Florian Holsboer: München spielte, schon oft auch geschwächt im Bett lag.

Florian Holsboer: Ich saß dann an seiner Bettkante und wir redeten über alles

Florian Holsboer: Mögliche, vor allem über Bücher.

Florian Holsboer: Das war seine Leidenschaft.

Florian Holsboer: Über Karl May, über Fußball, was

Florian Holsboer: halt ein Buch in dem Alter da

Florian Holsboer: interessiert.

Florian Holsboer: Und wenn man sich vorstellt, was er da alles durchgemacht hat.

Florian Holsboer: Dieser humorvolle Komödiant.

Florian Holsboer: Dann kann man sich schon auch

Florian Holsboer: vorstellen, dass er mit dem

Florian Holsboer: Schicksal haderte und immer

Florian Holsboer: wieder mal auch den Lebensmut

Florian Holsboer: verlor.

Daniela Holsboer: Und im Rückblick jetzt als

Daniela Holsboer: Experte, hatte er eine

Daniela Holsboer: Depression.

Florian Holsboer: Also ich hatte natürlich damals

Florian Holsboer: überhaupt keine Ahnung von

Florian Holsboer: Psychiatrie und Diagnosen, die

Florian Holsboer: man bei Menschen nach vielen

Florian Holsboer: Jahren stellt.

Florian Holsboer: Das ist natürlich schon spekulativ.

Florian Holsboer: Sicher war vieles situativ ausgelöst.

Florian Holsboer: Aber wenn man an die Phasen denkt, in denen er sich

Florian Holsboer: zurückgezogen hat, keinen Antrieb hatte und sogar ganz

Florian Holsboer: gegen seine Natur auch Kontakte mied, dann weist das schon auf

Florian Holsboer: eine Depression hin.

Florian Holsboer: Aber genau kann ich das nicht sagen.

Daniela Holsboer: Und was macht dich da unsicher?

Florian Holsboer: Ob das, woran ich mich erinnere,

Florian Holsboer: beobachtet zu haben, tatsächlich

Florian Holsboer: der damaligen Realität

Florian Holsboer: entsprochen hat?

Florian Holsboer: Das weiß ich ja nicht.

Florian Holsboer: Er hatte außerdem eine Nierenerkrankung.

Florian Holsboer: Die kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern diese sogenannte

Florian Holsboer: nephrotisches Syndrom, wo allmählich die Niere, so dass

Florian Holsboer: sich Gewebe so verändert, dass sie einfach ihre ihre Aufgabe

Florian Holsboer: nicht mehr erfüllen kann.

Florian Holsboer: Das hat sich ja über Jahre hingezogen und das schwächt sie.

Florian Holsboer: Ja, das macht auch, das drückt auch auf die Stimmung.

Florian Holsboer: Dann hat er eine Gallenerkrankung, dann war er

Florian Holsboer: einfach mit seiner Lebenssituation nicht glücklich.

Daniela Holsboer: Und die Liebe zu deiner Mutter hat dir geholfen.

Florian Holsboer: Mein Vater war die große Liebe ihres Lebens, aber sie hat eine

Florian Holsboer: ganz andere Lebensgeschichte.

Florian Holsboer: Es ist neunzehn hundert neunzehn

Florian Holsboer: zur Welt gekommen, also der

Florian Holsboer: Krieg war gerade vorbei, aber es

Florian Holsboer: wütete in Deutschland noch die

Florian Holsboer: Spanische Grippe.

Florian Holsboer: Nicht nur in Deutschland, ganz Europa.

Florian Holsboer: Allein in Deutschland starben

Florian Holsboer: vier hundert tausend Menschen an

Florian Holsboer: der Spanischen Grippe in dieser

Florian Holsboer: Zeit.

Florian Holsboer: Die Nazis kamen an die Macht, als sie vierzehn Jahre alt war.

Florian Holsboer: Und es gab damals schon auf die

Florian Holsboer: kleinen Kinder gerichtete

Florian Holsboer: Manipulationen.

Florian Holsboer: Man achtete auch darauf, dass sie, dass sie der

Florian Holsboer: Staatshörigkeit zugewandt sind.

Florian Holsboer: Und wenn, wenn jemand in

Florian Holsboer: Verdacht war, nicht linientreu

Florian Holsboer: zu sein, dann wurde er an

Florian Holsboer: Meldestellen gemeldet.

Florian Holsboer: Diese Meldestellen waren anonym.

Florian Holsboer: Also diese, diese, diese

Florian Holsboer: Infiltration mit dieser

Florian Holsboer: nationalsozialistischen

Florian Holsboer: Ideologie.

Florian Holsboer: Die begannen dann sehr früh und

Florian Holsboer: belastete die Jugend solche

Florian Holsboer: Mädel auch.

Florian Holsboer: Sie musste im Bund deutscher Mädels eintreten, also der

Florian Holsboer: weiblichen Abteilung der Hitlerjugend, ging auf die

Florian Holsboer: Schauspielschule, absolvierte dies und als sie zwanzig war,

Florian Holsboer: begann der Zweite Weltkrieg.

Florian Holsboer: Als sie fünf und zwanzig war,

Florian Holsboer: hat sie meinen Vater

Florian Holsboer: kennengelernt.

Florian Holsboer: Mit den fünf und zwanzig war sie

Florian Holsboer: schwanger und als der Krieg

Florian Holsboer: vorbei war, kam ich auf die

Florian Holsboer: Welt.

Florian Holsboer: Da war diese junge, schöne Frau voller Lebenslust.

Florian Holsboer: Neugierig.

Florian Holsboer: Sie wollte hinaus.

Florian Holsboer: Sie wollte die Welt

Florian Holsboer: kennenlernen, andere Sprachen

Florian Holsboer: kennenlernen.

Florian Holsboer: Vielleicht auch andere Männer kennen.

Florian Holsboer: Was weiß ich.

Florian Holsboer: Auf alle Fälle war das eine sehr schwere Zeit.

Florian Holsboer: Und dann traf sie bei einer Filmangelegenheit in Bad

Florian Holsboer: Reichenhall Filmleute und die zu einem gemeinsamen Essen.

Florian Holsboer: Und neben ihr saß der berühmte

Florian Holsboer: Filmproduzent Günter

Florian Holsboer: Stapenhorst.

Florian Holsboer: Nun sprach sie da mit ihm, und

Florian Holsboer: sie sprach immer auch mit den

Florian Holsboer: Händen, warf ein Weinglas um das

Florian Holsboer: Weinglas, ergoss sich über die

Florian Holsboer: Hosen von Günter Stapenhorst und

Florian Holsboer: dann das, natürlich mit seiner

Florian Holsboer: großartigen Nonchalance

Florian Holsboer: schmunzelnd entgegen.

Florian Holsboer: Dann sprachen sie weiter, und

Florian Holsboer: als sie fertig waren mit dem

Florian Holsboer: Essen, das gab eine Forelle

Florian Holsboer: blau.

Florian Holsboer: Dann fragte sie ihn, ob sie denn nicht seine Fischhaut haben

Florian Holsboer: könnte, und da hat er dann schon gestaunt, gab ihr die Fischhaut.

Florian Holsboer: Die aß sie dann auch zu seinem Erstaunen und fand Gefallen an

Florian Holsboer: ihr und hat sich dann mit ihr öfters mal verabredet.

Florian Holsboer: Und ja, aus diesen Verabredungen wurde dann eben auch mehr.

Florian Holsboer: Und eines Tages hat er dann zur großen Verwunderung sie gefragt,

Florian Holsboer: ob sie sich ein Leben an seiner Seite vorstellen könnte.

Florian Holsboer: Das würde er anbieten und.

Daniela Holsboer: Und dein Vater war geschockt.

Florian Holsboer: Ja, also ich glaube, meine Mutter hat das gegenüber meinem

Florian Holsboer: Vater ein bisschen heruntergespielt, denn so hat

Florian Holsboer: sie mir das erzählt.

Florian Holsboer: Der Vater dachte, das ist

Florian Holsboer: vielleicht auch gar nicht

Florian Holsboer: schlecht, wenn da so ein Kontakt

Florian Holsboer: zu dem berühmten Filmproduzenten

Florian Holsboer: besteht.

Florian Holsboer: Und es hat sich ja dann auch

Florian Holsboer: bewahrheitet, dass man da etwas

Florian Holsboer: etwas Günstiges daraus machen

Florian Holsboer: kann.

Florian Holsboer: So drehte er zum Beispiel einen

Florian Holsboer: Film neunzehn hundert drei und

Florian Holsboer: fünfzig, der hieß Das

Florian Holsboer: Lachkabinett.

Florian Holsboer: Das war eine Zusammenstellung von Einaktern von Karl Valentin.

Florian Holsboer: Mein Vater hat die Regie dazu

Florian Holsboer: geführt und die Rahmenhandlung

Florian Holsboer: geschrieben.

Florian Holsboer: Dass daraus mehr werden könnte,

Florian Holsboer: daran hat mein Vater nicht im

Florian Holsboer: Entferntesten gedacht.

Florian Holsboer: Günter Stapenhorsts war fast vierzig Jahre älter als Sie.

Florian Holsboer: Genauer gesagt sieben und dreißig Jahre älter.

Florian Holsboer: Hatte drei Kinder, die alle drei

Florian Holsboer: älter waren als meine Mutter und

Florian Holsboer: war mit einer adligen Frau

Florian Holsboer: verheiratet, einer Gräfin zu

Florian Holsboer: Brockdorff also.

Florian Holsboer: Dass daraus mehr werden könnte

Florian Holsboer: als gelegentliche gemeinsame

Florian Holsboer: Ausgänge, auf die Idee kam er

Florian Holsboer: nicht.

Florian Holsboer: Allerdings hat sich das dann

Florian Holsboer: dann doch etwas anders

Florian Holsboer: entwickelt, denn diese diese ja

Florian Holsboer: diese Beziehung zu dem Günter

Florian Holsboer: Stapenhorst.

Florian Holsboer: Die nahm dann schon mehr Gestalt

Florian Holsboer: an und so Die Harmonie zwischen

Florian Holsboer: meinem Vater und meiner Mutter

Florian Holsboer: war dahin.

Florian Holsboer: Man stritt sich oft.

Florian Holsboer: als es kriselte, wie man heute sagen würde.

Florian Holsboer: Und mein Vater war sehr viel

Florian Holsboer: unterwegs, war sehr wenig in

Florian Holsboer: München und meine Mutter zog

Florian Holsboer: dann in die Delpstraße in

Florian Holsboer: Bogenhausen zu dem Günther

Florian Holsboer: Stapenhorst, und mein Vater

Florian Holsboer: blieb in der Cuvilliésstraße

Florian Holsboer: wohnen.

Daniela Holsboer: Und wo hast du gewohnt?

Florian Holsboer: Ja, ich hatte weiter mein

Florian Holsboer: Kinderzimmer in der

Florian Holsboer: Cuvilliésstraße.

Florian Holsboer: Aber das war auch mein, sozusagen mein Hauptwohnsitz.

Florian Holsboer: Da kamen auch manchmal andere Frauen.

Florian Holsboer: Und die Großmutter wohnt ja auch immer noch mit ihrem Partner.

Florian Holsboer: Also ich pendelte sozusagen und benutzte in der Delpstraße ein

Florian Holsboer: Zimmer, das eigentlich der Ehefrau von Günther Stapst, also

Florian Holsboer: der Gräfin, zugedacht war.

Florian Holsboer: Die kam aber selten, höchstens so zwei, drei Mal im Jahr.

Florian Holsboer: Wenn sie von ihrem Sommerwohnsitz in ihren

Florian Holsboer: Winterwohnsitz pendelte, blieb es einige Tage in München.

Florian Holsboer: Und Den Rest der Zeit nutzte ich dieses Zimmer.

Florian Holsboer: Muss man sich vorstellen, dass

Florian Holsboer: bestand ein kleines Zimmer aus

Florian Holsboer: einem sehr schönen von dem

Florian Holsboer: berühmten deutschen Werkstätten,

Florian Holsboer: die es ja nicht mehr gibt

Florian Holsboer: gebauten Bett, einem dazu

Florian Holsboer: passenden Schrank und einem

Florian Holsboer: Schminktisch.

Florian Holsboer: Der Schminktisch bestand aus

Florian Holsboer: einem großen Spiegel, einer

Florian Holsboer: Glasfläche mit Schubladen, und

Florian Holsboer: am Spiegel waren seitlich an

Florian Holsboer: Scharnieren so kleinere Spiegel,

Florian Holsboer: die man so hin und her klappen

Florian Holsboer: konnte.

Florian Holsboer: Also nicht unbedingt der ideale

Florian Holsboer: Schreibtisch für einen jungen

Florian Holsboer: Buben, der ohnehin

Florian Holsboer: Konzentrationsprobleme hat.

Florian Holsboer: Und wenn die Gräfin nach München

Florian Holsboer: kam, um dieses Zimmer zu

Florian Holsboer: beziehen, dann kam Tage vorher

Florian Holsboer: die Dekorateure von den Bavaria

Florian Holsboer: Filmstudios und richteten das

Florian Holsboer: Zimmer wieder so her, wie die

Florian Holsboer: Gräfin es verlassen hatte, damit

Florian Holsboer: sie nicht merkt, dass eigentlich

Florian Holsboer: die meiste Zeit da ein kleiner

Florian Holsboer: Bub wohnt.

Florian Holsboer: Ich glaube, das hat sie schon

Florian Holsboer: gemerkt, aber das war eine

Florian Holsboer: vornehme adlige Dame, die da

Florian Holsboer: einfach kein Aufhebens davon

Florian Holsboer: machen wollte.

Daniela Holsboer: Also es klingt auf jeden Fall sehr speziell.

Daniela Holsboer: In Bayern könnte man auch sagen

Daniela Holsboer: ein bisserl nach gschlamperten

Daniela Holsboer: Verhältnissen.

Daniela Holsboer: Aber wie fanden die Männer, also die beiden Männer, den

Daniela Holsboer: Balanceakt deiner Mutter?

Florian Holsboer: Nun, das waren andere Zeiten.

Florian Holsboer: Alles war freizügiger und nach den Entbehrungen und Zwängen des

Florian Holsboer: Krieges arrangierte man sich.

Florian Holsboer: Für mich war das nicht belastend.

Florian Holsboer: Für mich war eines immer wichtig

Florian Holsboer: Ich spürte immer die Liebe

Florian Holsboer: meiner Eltern.

Florian Holsboer: Die spürte ich auch, wenn sie nicht um mich herum waren.

Florian Holsboer: Das ist auch etwas Wichtiges,

Florian Holsboer: dass diese, diese Kontinuität da

Florian Holsboer: ist.

Florian Holsboer: Da ist nicht immer an Präsenz gebunden.

Florian Holsboer: Unkonventionell war aber eines

Florian Holsboer: schon auch für die damalige

Florian Holsboer: Zeit.

Florian Holsboer: Aus der gegenseitigen Wertschätzung von Günther

Florian Holsboer: Stapenhorst an meinem Vater wurde allmählich eine echte,

Florian Holsboer: eine echte Männerfreundschaft.

Florian Holsboer: Also ich hatte zwei Väter, eine war vierzig und einer war drei

Florian Holsboer: und sechzig Jahre älter.

Florian Holsboer: Ich liebte beide, aber meinen leiblichen Vater war ich etwas

Florian Holsboer: mehr emotional verbunden.

Daniela Holsboer: Und waren sich die Männer

Daniela Holsboer: irgendwie ähnlich oder ganz

Daniela Holsboer: unterschiedlich?

Florian Holsboer: Also sie hätten

Florian Holsboer: unterschiedlicher nicht sein

Florian Holsboer: können.

Florian Holsboer: Mein Vater war klein, etwas

Florian Holsboer: untersetzt, ein Meter vier und

Florian Holsboer: sechzig, groß und ein Komödiant,

Florian Holsboer: hatte, wie oft Humoristen auch

Florian Holsboer: eine melancholische Seite,

Florian Holsboer: manchmal aufbrausen, aber sehr

Florian Holsboer: liebevoll.

Florian Holsboer: Der Stiefvater, ähm ich nannte ihn nicht so, für mich war er

Florian Holsboer: immer der Onkel Günther oder?

Florian Holsboer: Der Onkel starb.

Florian Holsboer: Ähm, das war ein Marine Office Soldat.

Florian Holsboer: Er war Admiralstabsoffizier aus dem engeren Kreise des Kreises.

Florian Holsboer: Er gehörte zur Entourage.

Florian Holsboer: Und er konnte so wunderbar

Florian Holsboer: diesen näselnden Kasernenhof

Florian Holsboer: nachmachen.

Florian Holsboer: Wenn man diesen näselnden Kasernenhofton beherrschte, Dann

Florian Holsboer: gehörte man auch sozusagen zur Oberschicht der Gesellschaft im

Florian Holsboer: Kaiserreich Wilhelm des Zweiten.

Florian Holsboer: Und was natürlich auch

Florian Holsboer: bewundernswert war, der sah toll

Florian Holsboer: aus.

Florian Holsboer: Also groß, blond, blauäugig.

Florian Holsboer: Also so, wie man sich so ein so

Florian Holsboer: ein Admiralstabsoffizier

Florian Holsboer: vorstellt.

Florian Holsboer: Wie aus dem Bilderbuch.

Florian Holsboer: Ja, er hatte auch etwas Tolles, was uns als Kinder sehr gefiel.

Florian Holsboer: Nämlich.

Florian Holsboer: Er hatte einen Seemannsgang.

Florian Holsboer: Nun muss man sich vorstellen, es

Florian Holsboer: ist ja nicht so ein so ein

Florian Holsboer: Marineschiff, das ist ja nicht

Florian Holsboer: wie ein wie so ein wie so großer

Florian Holsboer: Passagierkreuzer, sondern das

Florian Holsboer: schwankt enorm.

Florian Holsboer: Und damit man da ordentlich

Florian Holsboer: gehen kann, gewöhnt man sich an

Florian Holsboer: das immer.

Florian Holsboer: Damit das Schiff hochgeht, geht man mit dem Knie auf der Seite

Florian Holsboer: nach und streckt das andere durch und umgekehrt, so dass man

Florian Holsboer: dann, so sagt es mit den Knien, die Schiffsbewegung ausgleicht.

Florian Holsboer: Nun war natürlich in München

Florian Holsboer: kein schwankendes Schiff unter

Florian Holsboer: den Füßen.

Florian Holsboer: Er hat aber immer noch diesen

Florian Holsboer: Seemannsgang und es sah toll aus

Florian Holsboer: und wir haben es dann auch

Florian Holsboer: nachgemacht.

Florian Holsboer: Und so weiter.

Florian Holsboer: Also der Mann war total diszipliniert.

Florian Holsboer: Wenn eine Frau an den Tisch kam, dann stand er auf.

Florian Holsboer: Wenn sie den Tisch verlassen hat, stand er auf.

Florian Holsboer: Er hielt ihr einen Mantel.

Florian Holsboer: Dann machte er am Auto die Tür auf.

Florian Holsboer: Er wusste genau, wann man einer

Florian Holsboer: Frau den Vortritt lässt oder

Florian Holsboer: wann man selber vorausgehen

Florian Holsboer: muss.

Florian Holsboer: Das waren halt diese, diese diese hohe Bildungsniveau und

Florian Holsboer: verheiratet mit einer Gräfin.

Florian Holsboer: Die wird dann schon auch den

Florian Holsboer: Rest beigebracht haben und war

Florian Holsboer: sehr lebenserfahren, sprach

Florian Holsboer: fließend Englisch und

Florian Holsboer: Französisch.

Florian Holsboer: Er stammt ja aus dem Elsass, da war man zweisprachig und immer

Florian Holsboer: hat jemand zum Anlehnen vielleicht in dieser Zeit für

Florian Holsboer: meine Mutter genau das Richtige.

Daniela Holsboer: Also ich kenne ihn ja auch nur von Fotos.

Daniela Holsboer: Er sieht wirklich toll aus.

Daniela Holsboer: Also man kann da eine Mutter

Daniela Holsboer: durchaus verstehen und ich

Daniela Holsboer: bekomme das ja auch in unserem

Daniela Holsboer: Leben mit.

Daniela Holsboer: Also sehe das an deinem

Daniela Holsboer: Verhalten, dieser Habitus seines

Daniela Holsboer: Stiefvaters.

Daniela Holsboer: Also ein anderer Begriff wäre

Daniela Holsboer: wahrscheinlich auch Gentleman,

Daniela Holsboer: Den gibt es ja heute leider

Daniela Holsboer: nicht mehr und ich glaube, das

Daniela Holsboer: hatte ich schon sehr geprägt,

Daniela Holsboer: oder?

Florian Holsboer: Ja, man muss sich das vorstellen.

Florian Holsboer: Ich wuchs zunächst in einem recht unübersichtlichen

Florian Holsboer: bourgeoisen Künstlermilieu auf.

Florian Holsboer: So nach dem Motto Anything goes any time.

Florian Holsboer: Zumindest sah es von außen so aus.

Florian Holsboer: Erst später, durch den Stabi,

Florian Holsboer: bekam ich so ein

Florian Holsboer: Koordinatensystem.

Florian Holsboer: Und das gab mir einen großen

Florian Holsboer: Halt im Umgang mit Freunden, im

Florian Holsboer: Umgang mit, später dann auch mit

Florian Holsboer: den Kommilitonen.

Florian Holsboer: Er war ein großes Vorbild, stets ruhig, und wenn er sagte, das

Florian Holsboer: gehört sich nicht, dann war das für mich Alarmstufe Rot.

Florian Holsboer: Das reichte vollkommen.

Florian Holsboer: Sein Urteil war für mich eine Kompassnadel.

Florian Holsboer: Auch als er nicht mehr lebte,

Florian Holsboer: habe ich mir immer gedacht Was

Florian Holsboer: würde der Stab jetzt sagen und

Florian Holsboer: machen?

Florian Holsboer: Und hatte damit auch eine Orientierung.

Florian Holsboer: Das war ein großes Privileg, und für ihn war ich auch eine.

Florian Holsboer: Eine?

Florian Holsboer: Ein Sohn.

Florian Holsboer: Er hat sehr viel auf sich

Florian Holsboer: genommen, gerade auch durch den

Florian Holsboer: Eiskunstlaufsport.

Florian Holsboer: Das war.

Florian Holsboer: Man musste ja immer irgendwo hinfahren.

Florian Holsboer: Und da fuhr er auch immer mit und unterstützte mich dabei.

Florian Holsboer: Aber das Krasseste war ich hatte

Florian Holsboer: damals ein kleines Chemielabor

Florian Holsboer: im Keller, an einem Fenster in

Florian Holsboer: einem typischen Fensterschacht

Florian Holsboer: oberhalb von dem Fensterschacht

Florian Holsboer: war das Fenster seines

Florian Holsboer: Schlafzimmers.

Florian Holsboer: Nun weiß jeder, wenn man so Chemieversuche macht, da riecht

Florian Holsboer: es also nicht immer gut.

Florian Holsboer: Und das hat er einfach ertragen.

Florian Holsboer: Er hat ja.

Florian Holsboer: Ja, wenn der Florian das so machen will, das muss ich dann

Florian Holsboer: eben sagte mal auffrischen.

Florian Holsboer: Und das war schon.

Florian Holsboer: Also er war schon sehr, sehr, sehr toll.

Daniela Holsboer: Ich kann es mir vorstellen, aber es gab ja auch viele

Daniela Holsboer: Schattenseiten deiner Jugend.

Daniela Holsboer: Du hast vorhin ja schon erwähnt,

Daniela Holsboer: dein Vater war dann ziemlich

Daniela Holsboer: krank.

Daniela Holsboer: Wie war dann die Familiendynamik in der Zeit zwischen deinen

Daniela Holsboer: Eltern, zwischen deinen beiden Vätern und dir.

Florian Holsboer: Die gute Beziehung zwischen den

Florian Holsboer: beiden Männern wurde immer

Florian Holsboer: wichtiger.

Florian Holsboer: Er hat ja diese Nierenerkrankung.

Florian Holsboer: Da war es mit Eiweißverlust verbunden.

Florian Holsboer: Er musste salzarme Diät nehmen

Florian Holsboer: und war auch einfach sehr oft

Florian Holsboer: sehr müde.

Florian Holsboer: Und Günther Stappenhorst half ihm dann mit kleinen Rollen.

Florian Holsboer: Er hatte immer irgendwo irgendeinen Film am Drehen und

Florian Holsboer: hat dann so kleine Rollen für ihn einbauen lassen, damit er

Florian Holsboer: wieder in seinem Metier arbeiten konnte, damit er sich wieder

Florian Holsboer: fühlte wie früher.

Florian Holsboer: Eine kurze Zeit zumindest.

Florian Holsboer: Und dass er auch ein bisschen mehr Geld verdiente.

Florian Holsboer: Das war ja auch sehr wichtig.

Daniela Holsboer: Das zeugt aber wirklich von Größe.

Daniela Holsboer: Ich nehme mal an, beide Männer haben deine Mutter ja geliebt.

Daniela Holsboer: Und das alles war ja jetzt noch in Bogenhausen, oder?

Daniela Holsboer: Also für alle nicht Münchner, die uns zuhören.

Daniela Holsboer: Kurz zur Erklärung Das ist auch heute noch eines der schönsten

Daniela Holsboer: Viertel der Stadt.

Florian Holsboer: Ja, wir wohnten zunächst in Bogenhausen in der heutigen

Florian Holsboer: Delpstraße in einer Doppelhaushälfte zur Miete.

Florian Holsboer: Günther wollte aber ein eigenes Haus und baut dann auf einem

Florian Holsboer: Grundstück, das er in unmittelbarer Nähe von der

Florian Holsboer: Pferderennbahn Riem erworben hatte, baute er in aller Eile

Florian Holsboer: ein Fertighaus hin mit einer hübschen Terrasse, und auf

Florian Holsboer: dieser Terrasse saßen die beiden Männer bis tief in die Nacht.

Florian Holsboer: Wenn mein Vater das schaffte und diskutierten über die großen,

Florian Holsboer: die kleinen Dinge in der Welt und die menschliche Größe von

Florian Holsboer: meinem Onkel starb, war, als er merkte, dass es meinem Vater

Florian Holsboer: immer schlechter ging und dass es sich abzeichnete, dass er

Florian Holsboer: nicht mehr wieder gesund werde.

Florian Holsboer: Dann bot er ihm an, bei uns in Riem zu wohnen.

Florian Holsboer: Wir hatten dort ein Gästezimmer und das bezog dann mein Vater.

Daniela Holsboer: Ich spürte auch viel Heilsamkeit.

Daniela Holsboer: Also trotz dieser Tragik, und

Daniela Holsboer: ich glaube, das hatte ich auch

Daniela Holsboer: durch diese Zeit getragen, also

Daniela Holsboer: das Vertrauen, dass auch

Daniela Holsboer: schwierige oder ungewöhnliche

Daniela Holsboer: Konstellationen funktionieren.

Daniela Holsboer: Also ich denke jetzt zum Beispiel auch an dein gutes

Daniela Holsboer: Verhältnis mit deiner ersten Frau Edith, die ja auch wirklich

Daniela Holsboer: wie eine Freundin ist, auch mich gleich ins Herz geschlossen hat.

Daniela Holsboer: Auch das ist nicht

Daniela Holsboer: selbstverständlich, aber

Daniela Holsboer: wunderschön.

Daniela Holsboer: Und und und.

Daniela Holsboer: Ich glaube schon, dass einen das prägt.

Daniela Holsboer: Ja, dass man das dann eben auch

Daniela Holsboer: selber in seinem eigenen Leben

Daniela Holsboer: kultivieren kann.

Daniela Holsboer: Aber jetzt hast du ein wichtiges Stichwort gesagt Pferderennbahn.

Daniela Holsboer: Pferde.

Daniela Holsboer: Erzähl mal!

Daniela Holsboer: Also, du hast als Jugendlicher.

Daniela Holsboer: Wie alt warst du da jetzt?

Daniela Holsboer: Ungefähr.

Daniela Holsboer: Dann Stallluft geschnuppert und für uns ist es ja auch heute

Daniela Holsboer: noch ein Geheimnis.

Daniela Holsboer: Nicht ein geheimes, sondern ein

Daniela Holsboer: gemeinsames Hobby, der

Daniela Holsboer: Galopprennsport.

Daniela Holsboer: Was fasziniert dich am Pferd, am Vollblut ganz besonders?

Daniela Holsboer: Nimm uns da mal mit auf einen einen Tag im Stall.

Daniela Holsboer: Damals als Kind.

Florian Holsboer: Mein Onkel starb.

Florian Holsboer: Wir hatte drei Rennpferde.

Florian Holsboer: Ich weiß den Namen noch.

Florian Holsboer: Der eine hieß Lach mal, Der stammte aus dem Gestüt Ebbesloh,

Florian Holsboer: das es heute noch gibt.

Florian Holsboer: Ein anderes hieß Spitzbub und wo ich nicht mehr weiß, wo es

Florian Holsboer: herkam und eines hieß hatte diesen unsäglichen Namen Wespe.

Florian Holsboer: Und die stammte aus dem Gestüt Isarland.

Florian Holsboer: Das ist leider leider so nicht mehr gibt.

Florian Holsboer: Ich trieb mich viel im Rennstall rum.

Florian Holsboer: Ich durfte da Pferde putzen und den Mist aus dem Stall holen.

Florian Holsboer: Und das war alles.

Florian Holsboer: Bei einem ganz bekannten Trainer in München, dem Charly Seifert.

Florian Holsboer: Und ich durfte auch reiten auf die ruhigeren Pferde.

Florian Holsboer: Und ich hatte ja keine Reiterfahrung, aber ich hatte

Florian Holsboer: sehr starke Oberschenkel.

Florian Holsboer: Und wenn ich mich da auf ein

Florian Holsboer: Pferd setzte und die anzog, dann

Florian Holsboer: hatte ich zumindest das Gefühl,

Florian Holsboer: dass ich mit diesem, mit diesem

Florian Holsboer: Krafteinsatz mir irgendwie bei

Florian Holsboer: dem Pferd einen gewissen Respekt

Florian Holsboer: verschaffe.

Florian Holsboer: Also ich habe natürlich war nie ein guter Reiter, aber es hat

Florian Holsboer: mir riesig Spaß gemacht.

Florian Holsboer: Es ist ein grandioses Gefühl,

Florian Holsboer: wenn man zu einem hochsensiblen

Florian Holsboer: Vollblutpferd gegenübersteht.

Florian Holsboer: Einfach ganz ruhig begegnet und

Florian Holsboer: man spürt, dass dieses Pferd so

Florian Holsboer: viel wahrnimmt und so viel

Florian Holsboer: Emotionen hat.

Florian Holsboer: Auch wenn es nicht so diese

Florian Holsboer: Emotionen so zeigen kann, wie

Florian Holsboer: zum Beispiel ein Hund, der auf

Florian Holsboer: einem rumspringt und mit dem

Florian Holsboer: Schwanz wedelt.

Florian Holsboer: Das kann das Pferd ja sehr viel

Florian Holsboer: weniger, wenn nicht überhaupt

Florian Holsboer: gar nicht.

Florian Holsboer: Und damals war auch, muss ich

Florian Holsboer: sagen, in Riem sehr viel mehr

Florian Holsboer: los.

Florian Holsboer: Es waren viel mehr Pferde im Training.

Florian Holsboer: Die Rennpreise waren gemessen am

Florian Holsboer: Geldwert besser und es gab sehr

Florian Holsboer: viel mehr.

Florian Holsboer: Renntages war von Frühjahr bis Spätherbst, war jeden zweiten

Florian Holsboer: Samstag oder Sonntag Pferderennen in München Riem.

Florian Holsboer: Und das hat leider etwas abgenommen.

Florian Holsboer: Aber ich hoffe, dass ich aus dem, was es jetzt im

Florian Holsboer: Pferderennsport gibt, wieder eine Keimzelle entwickelt, dass

Florian Holsboer: das wieder besser wird, so wie es in anderen Ländern ja auch

Florian Holsboer: eine hohe Priorität hat.

Florian Holsboer: Denkt man in Frankreich, denkt man an England.

Florian Holsboer: In den Rennstall hineingehen konnte ich nach dem vierzehnte

Florian Holsboer: Lebensjahr nicht mehr, weil mein Asthma immer schlimmer wurde.

Florian Holsboer: Die die Medikamente, die es heute gibt, die gab es eben

Florian Holsboer: damals noch nicht.

Florian Holsboer: Heute nehme ich diese

Florian Holsboer: Medikamente und kann mich wieder

Florian Holsboer: frei und voll Freude im

Florian Holsboer: Rennstall bewegen.

Florian Holsboer: Heute haben wir selber ein

Florian Holsboer: Rennpferd und haben viel Freude

Florian Holsboer: am Erfolg.

Florian Holsboer: Man muss aber auch tapfer sein

Florian Holsboer: und leidensfähig sein, denn es

Florian Holsboer: gibt auch im Pferdesport eben

Florian Holsboer: auch viel Hoffnung, aber auch

Florian Holsboer: viel Enttäuschungen.

Daniela Holsboer: Ja, ich glaube, die Queen hat

Daniela Holsboer: mal gesagt Pferderennsport ist

Daniela Holsboer: neunzig Prozent Frustration und

Daniela Holsboer: zehn Prozent Freude, aber die

Daniela Holsboer: zehn Prozent machen es wieder

Daniela Holsboer: wett.

Daniela Holsboer: Und es ist natürlich ein Hobby,

Daniela Holsboer: das wir beide ganz besonders

Daniela Holsboer: lieben.

Daniela Holsboer: Also für mich ist es auch so eine weiche, warme

Daniela Holsboer: Pferdeschnauze, so eine ganz besondere Form von Glück.

Daniela Holsboer: Aber noch einmal kurz zurück zu der doch sehr speziellen

Daniela Holsboer: Situation bei dir zu Hause.

Daniela Holsboer: Also dein Vater wurde schwer

Daniela Holsboer: krank und zog dann ein bei

Daniela Holsboer: deiner Mutter und dem ihrem

Daniela Holsboer: Lebenspartner.

Daniela Holsboer: Und dann?

Daniela Holsboer: Wie ging das dann weiter?

Florian Holsboer: Ja, also ich werde den Tag nie

Florian Holsboer: vergessen, als mein Vater wegen

Florian Holsboer: schlechter Laborwerte und

Florian Holsboer: Erschöpfung in die Klinik

Florian Holsboer: musste.

Florian Holsboer: Meine Mutter fuhr ihren Wagen vor.

Florian Holsboer: Mein Vater ging aus dem Haus zu dem Wagen und drehte sich noch

Florian Holsboer: mal um und winkte dem Haus zu.

Florian Holsboer: Ich hatte das beobachtet und plötzlich hatte ich das schlimme

Florian Holsboer: Gefühl, ich würde meinen Vater nicht mehr wiedersehen.

Florian Holsboer: Das war dann auch so Er starb am vierzehnte Juni neunzehn hundert

Florian Holsboer: neun und fünfzig.

Florian Holsboer: Meine Mutter war gerade mal

Florian Holsboer: vierzig Jahre alt, und entgegen

Florian Holsboer: ihrer leichtlebigen Natur war

Florian Holsboer: sie dann doch mehr in sich

Florian Holsboer: gekehrt.

Florian Holsboer: Ähm, nicht mehr so, so spontan.

Florian Holsboer: Und dann bekam sie auch noch eine Krebserkrankung.

Florian Holsboer: Musste wegen der operiert werden.

Florian Holsboer: Es war für sie eine sehr, sehr schwere Zeit.

Florian Holsboer: In der Zwischenzeit war auch die Ehefrau von Günther Stapenhorst

Florian Holsboer: gestorben und ich dachte, nun heiraten die beiden.

Florian Holsboer: Das war aber nicht so, es war irgendwie eine eine Situation.

Florian Holsboer: Ich kann mir die gar nicht

Florian Holsboer: anders erklären, als dass meine

Florian Holsboer: Mutter in einer sehr speziellen

Florian Holsboer: Weise meinem Vater auch über den

Florian Holsboer: Tod hinaus die Treue halten

Florian Holsboer: wollte.

Florian Holsboer: Sie hatte natürlich immer was am Laufen.

Florian Holsboer: Da gibt es eine nette Anekdote

Florian Holsboer: Ich hatte, als sie siebzig Jahre

Florian Holsboer: werden sollte, am siebte März,

Florian Holsboer: da wollte ich für sie eine

Florian Holsboer: Geburtstagsfeier arrangieren und

Florian Holsboer: habe saß mit großen Zettel bei

Florian Holsboer: ihr und wollten alle Freunde

Florian Holsboer: aufschreiben.

Florian Holsboer: Da wurde sie immer wortkarger und sagte Ja, aber der darf da

Florian Holsboer: nicht kommen, weil der weiß noch nicht, dass ich schon siebzig

Florian Holsboer: werde und der darf den auf keinen Fall treffen.

Florian Holsboer: Wenn der das erfährt Usw.

Florian Holsboer: Also um es kurz zu machen, Ich hätte mit diesem.

Florian Holsboer: Mit dieser gemeinsamen

Florian Holsboer: Geburtstagseinladung Ihr

Florian Holsboer: Netzwerk sehr gestört und sodass

Florian Holsboer: wir dann Ihren Geburtstag in

Florian Holsboer: mehreren kleinen Gruppen

Florian Holsboer: feierten.

Florian Holsboer: Und ja, so war sie halt.

Daniela Holsboer: Und wie war das so mit einer koketten Mama?

Florian Holsboer: Naja, ich.

Florian Holsboer: Ich fand das gut.

Florian Holsboer: Ich dachte mir, wenn sich so viele Männer um sie bemühen,

Florian Holsboer: dann ist es auch für ihr Ego gut und konnte auch nicht anders.

Florian Holsboer: Sie musste flirten.

Florian Holsboer: Aber so so, diese Flirtbereitschaft hat mich

Florian Holsboer: erinnert an ein.

Florian Holsboer: An eine.

Florian Holsboer: An ein Zitat von der wunderbaren Schauspielerin der Französin

Florian Holsboer: Catherine Deneuve, die über ihren Filmpartner Marcello

Florian Holsboer: Mastroianni sagte Der Marcello muss immer flirten, und wenn

Florian Holsboer: niemand da ist, dann flirtet er eben im Türpfosten.

Florian Holsboer: Und ich glaube, so, in dieser Weise kann man das auch auf

Florian Holsboer: meine Mutter anwenden.

Florian Holsboer: Also die Turbulenzen bekam ich schon auch am Rande mit.

Florian Holsboer: Also zum Beispiel hatte ich mein mein Zimmer im Obergeschoss und

Florian Holsboer: drunter war das Schlafzimmer meiner Mutter und da hat es mal

Florian Holsboer: geklingelt und plötzlich rumpelt es da unten.

Florian Holsboer: Da stieg ein Mann bei ihr aus dem Zimmer raus.

Florian Holsboer: Also das waren schon.

Florian Holsboer: Das waren schon Situationen.

Daniela Holsboer: Weil der nächste schon.

Florian Holsboer: Ja, das weiß ich nicht genau.

Florian Holsboer: Aber auf alle Fälle war das schon.

Florian Holsboer: Also schon eigenartig.

Daniela Holsboer: Jetzt war dein Stiefvater.

Daniela Holsboer: Ja, und das ist eine erstaunliche Parallele zu uns.

Daniela Holsboer: Deutlich älter als deine Mutter.

Daniela Holsboer: Wann ist Günther Stappen Horst gestorben?

Daniela Holsboer: Er hat ja auch ein beachtliches Lebenswerk hinterlassen.

Florian Holsboer: Also, Günter Stapenhorsts starb am zweiten februar neunzehn

Florian Holsboer: hundert sechs und siebzig.

Florian Holsboer: Er wäre also jetzt fünfzig Jahre

Florian Holsboer: tot, im Alter von drei und

Florian Holsboer: neunzig Jahren bei bester

Florian Holsboer: geistiger Verfassung.

Florian Holsboer: Allerdings hatte er doch einige körperliche Beschwerden, aber

Florian Holsboer: die trug er mit Fassung und war halt da, also recht robust.

Florian Holsboer: Nun zum Lebenswerk.

Florian Holsboer: Er hatte ja eigentlich drei Leben.

Florian Holsboer: Da muss ich etwas ausholen.

Florian Holsboer: Zunächst war er ja Fähnrich und

Florian Holsboer: ging dann in die Kadettenschule,

Florian Holsboer: die quasi die Vorbereitung für

Florian Holsboer: die Offizierslaufbahn zur See

Florian Holsboer: ist.

Florian Holsboer: Er wurde dann Korvettenkapitän

Florian Holsboer: und war bei der legendären

Florian Holsboer: größten Seeschlacht des Ersten

Florian Holsboer: Weltkriegs das Kagera Gschlacht,

Florian Holsboer: die an der Südküste Norwegens

Florian Holsboer: gewesen.

Florian Holsboer: Da traf die Royal Navy der Engländer mit der Hochseeflotte

Florian Holsboer: der Deutschen zusammen.

Florian Holsboer: Da starben 6000

Florian Holsboer: britische Soldaten und zwei

Florian Holsboer: tausend fünf hundert deutsche

Florian Holsboer: Soldaten bei der Schlacht von

Florian Holsboer: Skagerrak.

Florian Holsboer: Einen Sieger gab es eigentlich gar nicht, aber die Leistung des

Florian Holsboer: des des des Korvettenkapitäns Günther starb muss.

Florian Holsboer: Die hat dann auch dazu geführt,

Florian Holsboer: dass er Admiralstabsoffizier

Florian Holsboer: wurde und der Entourage des

Florian Holsboer: Kaiser Wilhelm dem Zweiten

Florian Holsboer: zugeordnet wurde.

Florian Holsboer: Nach dem Frieden von Versailles

Florian Holsboer: neunzehn hundert neunzehn wurde

Florian Holsboer: von den selbst ernannten

Florian Holsboer: Siegermächten bestimmt, dass das

Florian Holsboer: Lieblingskind des Kaisers

Florian Holsboer: dezimiert werden musste, nämlich

Florian Holsboer: die Marine, und zwar massiv

Florian Holsboer: dezimiert.

Florian Holsboer: Und einer derer, die für diese Dezimierung zuständig war, war

Florian Holsboer: auch Günter Stapenhorst.

Florian Holsboer: Und er tat etwas, was vielleicht

Florian Holsboer: heute nicht jeder täte Er hat

Florian Holsboer: als allerersten sich selbst

Florian Holsboer: entlassen, um von dem Verdacht

Florian Holsboer: frei zu sein, dass er jetzt hier

Florian Holsboer: alle entlässt und dann selber

Florian Holsboer: auf dem warmen Sessel bleiben zu

Florian Holsboer: können.

Florian Holsboer: Nun, als das dann abgeschlossen

Florian Holsboer: war, er konnte ja nichts anderes

Florian Holsboer: als mit dem Schiff rumfahren,

Florian Holsboer: trat er der Handelsmarine bei

Florian Holsboer: und hat dann einige Zeit Handel

Florian Holsboer: getrieben zwischen Russland und

Florian Holsboer: Deutschland.

Florian Holsboer: Und dann kam der dritte Abschnitt, wo ich den Übergang

Florian Holsboer: nie ganz verstanden habe.

Florian Holsboer: Er ging nach England und

Florian Holsboer: interessierte sich plötzlich für

Florian Holsboer: die Filmindustrie.

Florian Holsboer: Nach einiger Zeit kam er dann nach Deutschland und wurde kamen

Florian Holsboer: die Ufa in Babelsberg, Potsdam.

Florian Holsboer: Und man muss wissen, Babelsberg war so das Hollywood Europas.

Florian Holsboer: Da war sehr viel da.

Florian Holsboer: In den zwanziger Jahren waren alle die tollen Filme dort.

Florian Holsboer: Er sollte dann.

Florian Holsboer: Später wurde er beauftragt, eine

Florian Holsboer: eigene Produktionsgruppe zu

Florian Holsboer: gründen und damals dominierte

Florian Holsboer: die Produktionsgruppe von Erich

Florian Holsboer: Pommer.

Florian Holsboer: Stichwort Das waren Filme wie

Florian Holsboer: Metropolis, genialer Film, ein

Florian Holsboer: wirtschaftlicher Misserfolg

Florian Holsboer: übrigens, und das sollte wieder

Florian Holsboer: wettgemacht werden.

Florian Holsboer: Und man holte extra von Josef von Sternberg aus

Florian Holsboer: Amerika, um einen Film mit Marlene Dietrich zu drehen.

Florian Holsboer: Der blaue Engel.

Daniela Holsboer: Das kennt jeder.

Florian Holsboer: Eine Verfilmung des Romans von Heinrich Mann.

Florian Holsboer: Und das war schon eine große Zeit.

Florian Holsboer: Und Günter starb.

Florian Holsboer: Horst hat dann auch wunderbare

Florian Holsboer: Filme gedreht, zum Beispiel von

Florian Holsboer: Erich Kästner, Emil und die

Florian Holsboer: Detektive.

Florian Holsboer: Die erste Verfilmung dieses Themas.

Florian Holsboer: Und dann Flüchtlinge mit Hans Albers.

Florian Holsboer: Da muss man dazu sagen Er hat Hans Albers entdeckt.

Florian Holsboer: Und zwar waren Hans Albers vorher in Sankt Pauli bei einer

Florian Holsboer: solcher Akrobatikgruppe, so eine Art Untermann, wo alle Leute

Florian Holsboer: dann aufeinander aufspringen und dann so eine Pyramide bilden.

Florian Holsboer: Und unten stand Hans Albers, und er sah den lernte mein Onkel

Florian Holsboer: Günther kennen und dachte, der muss vor die Kamera und trete

Florian Holsboer: dann mit ihm viele, viele Filme und, äh, ja, und dann kam die

Florian Holsboer: Nazizeit immer näher und.

Florian Holsboer: Erich Pommer war Jude, musste gehen und übrig blieb Günter.

Florian Holsboer: Starb.

Florian Holsboer: Horst, der nun so aussah, wie man sich einen arischen

Florian Holsboer: Prototypen vorstellt und wurde eingeladen von Goebbels.

Florian Holsboer: Der war Reichspropagandaminister, und

Florian Holsboer: als solcher fühlte er sich auch zuständig für das Filmschaffen.

Florian Holsboer: Onkel Günther ging also dann da zum Goebbels, Da saß auch Adolf

Florian Holsboer: Hitler mit am Tisch.

Florian Holsboer: Und diese beiden, die sahen nun, ganz im Gegensatz zum Zoo, zum

Florian Holsboer: Stabi nicht so aus, wie man sich das arische Idealbild vorstellt,

Florian Holsboer: um es mal vorsichtig zu sagen, und forderten von ihm, dass er

Florian Holsboer: nun dieses Filmschaffen in der Ufa auf Linientreue bringt Und

Florian Holsboer: der Günter hörte sich das alles an, er ging dann zurück und

Florian Holsboer: drehte dann so einen Film, wo das so einigermaßen passte, aber

Florian Holsboer: ihm passte das nicht länger.

Florian Holsboer: Und die, äh der Goebbels war

Florian Holsboer: dann auch immer unzufriedener

Florian Holsboer: mit ihm, hat ihn dann als

Florian Holsboer: Amphitryon.

Florian Holsboer: Ein Film, der die erste Film war, der so sehr viel Filmtricks

Florian Holsboer: anwandte, hat dann öffentlich, äh, den Stapenhorst runtergemacht,

Florian Holsboer: indem man gesagt hat, das ist ein schlechter Film.

Florian Holsboer: Er vermischt alle möglichen Stilrichtungen, und das passte

Florian Holsboer: alles nicht mehr richtig.

Florian Holsboer: Man forderte ihn dann auch auf, der NSDAP beizutreten.

Florian Holsboer: Das wollte er nicht und packte seine Familie und ging

Florian Holsboer: schnurstracks nach England, drehte dort auch Filme mit Lilli

Florian Holsboer: Palmer und ging dann von England zurück nach in die Schweiz.

Florian Holsboer: Und in der Schweiz hat er dann auch eine Filmfirma gegründet.

Florian Holsboer: Einer seiner ersten Filme dort war mit Luis Trenker.

Florian Holsboer: Wer kennt ihn nicht?

Florian Holsboer: Der Berg ruft.

Florian Holsboer: Ein ikonischer Film und interessanterweise einen

Florian Holsboer: sozialkritischen Film, in dem die bis dahin völlig unbekannte

Florian Holsboer: sechzehn jährige Maria Schell eine Filmrolle hatte.

Daniela Holsboer: Ohne an eine Rückkehr dachte er nicht.

Florian Holsboer: Nein, überhaupt nicht.

Florian Holsboer: Er hatte wunderbare Beziehungen in der Schweiz.

Florian Holsboer: Er war erfolgreich im Filmemachen.

Florian Holsboer: Er hat auch einen Filmvertrieb aufgebaut, der dann weiter in

Florian Holsboer: Österreich vonstatten ging.

Florian Holsboer: Und er hatte auch gute Freunde, zunächst in England in zum

Florian Holsboer: Beispiel den Emeric Pressburger, mit dem er viel

Florian Holsboer: zusammengearbeitet hat, auch schon in der Ufa.

Florian Holsboer: Und der Emeric Pressburger war eine ganz besondere Person, die

Florian Holsboer: mich auch sehr beeindruckt hat in meiner Jugend, weil ich viel

Florian Holsboer: mit ihm zusammen sein durfte.

Florian Holsboer: Emeric Pressburger war ein ein

Florian Holsboer: ungarischer Jude, der englische

Florian Holsboer: Romane schrieb.

Florian Holsboer: Einer dieser Romane war Killing

Florian Holsboer: a Mouse on Sunday, und da will

Florian Holsboer: ich jetzt nicht drauf eingehen,

Florian Holsboer: was es mit diesem Titel auf sich

Florian Holsboer: hat.

Florian Holsboer: Aber dieser Roman war so erfolgreich, der erschien in

Florian Holsboer: allen Herrgotts Ländern, auch auf Japanisch, und es war für

Florian Holsboer: ihn ganz komisch, wenn er so ein Buch aufschlug und seinen Text

Florian Holsboer: auf Japanisch da stand, wusste er gar nicht, wo er da ist.

Florian Holsboer: Und dieser Film, äh, dieser,

Florian Holsboer: dieser Roman wurde dann auch

Florian Holsboer: verfilmt in Hollywood und mit

Florian Holsboer: einer Besetzung, die man sich

Florian Holsboer: heute überhaupt nicht vorstellen

Florian Holsboer: könnte, weil sie nicht bezahlbar

Florian Holsboer: wäre, nämlich Da spielte Gregory

Florian Holsboer: Peck, Anthony Quinn und Omar

Florian Holsboer: Sharif.

Florian Holsboer: Alles drei Top Top Schauspieler

Florian Holsboer: in Hollywood und obendrauf

Florian Holsboer: führte die Regie Fred Zinnemann,

Florian Holsboer: der selber schon fünf Oscars für

Florian Holsboer: Filmarbeiten gewonnen hatte, zu

Florian Holsboer: diesem Zeitpunkt.

Florian Holsboer: Und auch Emmerich hatte für

Florian Holsboer: eines seiner Drehbücher einen

Florian Holsboer: Oscar gewonnen.

Florian Holsboer: Alles in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache war.

Florian Holsboer: Schon sehr beachtlich, diese

Florian Holsboer: Leistung und diese Freundschaft

Florian Holsboer: zog sich dann so weit fort, dass

Florian Holsboer: Emmerich zum Star, später nach

Florian Holsboer: Thiersee in Tirol zog, dort ein

Florian Holsboer: Haus baute und wir praktisch

Florian Holsboer: Nachbarn waren.

Florian Holsboer: Und dieser Emeric Pressburger

Florian Holsboer: war eine, war zeitlebens sein

Florian Holsboer: bester Freund.

Daniela Holsboer: Spannend, Spannend.

Daniela Holsboer: Ja, also da träumt man als junge Autorin nur davon.

Daniela Holsboer: Von so einer Karriere.

Daniela Holsboer: Toll.

Daniela Holsboer: Und dann?

Daniela Holsboer: Aber irgendwann ist er dann doch

Daniela Holsboer: wieder nach Deutschland

Daniela Holsboer: gegangen, richtig?

Florian Holsboer: Ja, also die Motivation hierfür kann man sich nur so vorstellen,

Florian Holsboer: dass natürlich Deutschland die Heimat von seiner von ihm war,

Florian Holsboer: aber auch von seinen Kindern und seiner Gräfin zu Brockdorff.

Florian Holsboer: Also irgendwo hat er dann gedacht, als der Krieg vorbei

Florian Holsboer: war, Dass dann doch wieder nach Deutschland zurückgehen wollte.

Florian Holsboer: Und vielleicht hat er auch

Florian Holsboer: gewünscht, dass er das, was er

Florian Holsboer: an der Ufa so Hals über Kopf

Florian Holsboer: verlassen musste, dann

Florian Holsboer: anschließend nach dem Krieg

Florian Holsboer: wieder aufbauen könnte, um eine

Florian Holsboer: nicht mehr vorhandene

Florian Holsboer: Filmindustrie wieder in

Florian Holsboer: Deutschland aufleben lassen zu

Florian Holsboer: können.

Florian Holsboer: Und das war auch relativ einfach, denn die Alliierten

Florian Holsboer: haben ihm fürs Filmemachen die Leistungsnummer eins gegeben.

Florian Holsboer: Darauf war er sehr stolz.

Florian Holsboer: Dass er diese Lizenz bekommen hatte, gründete dann in München

Florian Holsboer: die Carlton Filmgesellschaft.

Florian Holsboer: Und dann waren seine Filme, die

Florian Holsboer: waren alle Welterfolge, das

Florian Holsboer: doppelte Lottchen.

Florian Holsboer: Wir haben bei uns zu Hause sogar

Florian Holsboer: noch ein altes Filmplakat mit

Florian Holsboer: der japanischen Version von dem

Florian Holsboer: doppelten Lottchen.

Florian Holsboer: Also schon der deutsche Film,

Florian Holsboer: aber eben dann japanisch

Florian Holsboer: synchronisiert.

Florian Holsboer: Musste ja komisch gewesen sein.

Florian Holsboer: Dann das fliegende

Florian Holsboer: Klassenzimmer, die Gräfin

Florian Holsboer: Mariza, der Bettelstudent

Florian Holsboer: Alraune nicht.

Florian Holsboer: War das der erste Film mit mit mit Hildegard Knef, wo man auch

Florian Holsboer: sekundenlang den Busen von ihr nackt bewundern kann.

Florian Holsboer: Dann ein Antikriegsfilm „Unruhige Nacht“ mit Bernhard

Florian Holsboer: Wicky, und dann drehte er die Försterchristl neunzehn hundert

Florian Holsboer: zwei und fünfzig mit der Johanna Matz und dem wunderbaren Carl

Florian Holsboer: Schönberg aus München.

Florian Holsboer: Der neunzehn hundert zwei und

Florian Holsboer: sechzig hat das noch mal gedreht

Florian Holsboer: mit Sabine Sinjen und Peter

Florian Holsboer: Weck.

Florian Holsboer: Das Weiße Rössl hatte auch zwei hundert neunzehn hundert zwei

Florian Holsboer: und fünfzig gedreht.

Florian Holsboer: Also ein sprudelte nur so mit Johanna Matthäus und Johannes

Florian Holsboer: Heesters in den Hauptrollen.

Florian Holsboer: Und dann, acht Jahre später, neunzehn hundert sechzig, noch

Florian Holsboer: einmal mit Waltraut Haas und dem unvergessenen Peter Alexander.

Florian Holsboer: Alles Riesenerfolge, die eben in alle Länder exportiert wurden.

Florian Holsboer: Und heute muss man sich diesen

Florian Holsboer: Erfolg eben so vorstellen, dass

Florian Holsboer: wenn man sich erinnert, wie es

Florian Holsboer: den Menschen ging, war diese

Florian Holsboer: leichte Muse, dieser

Florian Holsboer: Unterhaltungsfilm, der einfach

Florian Holsboer: Freude machte.

Florian Holsboer: Ja, das war damals das

Florian Holsboer: Allerbeste, was man bringen

Florian Holsboer: konnte.

Florian Holsboer: Und das war sein großer Erfolg damals.

Daniela Holsboer: Ja, und das hat er auch geschafft.

Daniela Holsboer: Also ich bin auch mit dem Weißen

Daniela Holsboer: Rössl mit Peter Alexander

Daniela Holsboer: aufgewachsen.

Daniela Holsboer: Also wir haben die Filme auch so gern geschaut.

Daniela Holsboer: Also dieses, dieses Heitere, dieses Leichte.

Daniela Holsboer: Meine Schwester hat es auch geliebt.

Daniela Holsboer: Also er wirkt so lange nach.

Daniela Holsboer: Ja, das ist doch eigentlich auch unglaublich schön zu sehen, dass

Daniela Holsboer: ihm das gelungen ist.

Daniela Holsboer: Und lass uns noch mal den Bogen

Daniela Holsboer: zum Anfang spannend, weil der

Daniela Holsboer: hat mir schon Stichwort

Daniela Holsboer: Longevity.

Daniela Holsboer: Also dein Stiefvater ist drei

Daniela Holsboer: und neunzig geworden, super

Daniela Holsboer: lange.

Daniela Holsboer: Was war jetzt sein Longevity Geheimnis?

Daniela Holsboer: Gute Gene oder einfach nur Glück?

Florian Holsboer: Also er hatte schon eine Rossnatur.

Florian Holsboer: Er war sehr robust und belastbar.

Florian Holsboer: Gesundheitsbewusst wurde er eigentlich erst Unter der

Florian Holsboer: Fürsorge meiner Mutter, die dann immer aus dem Reformhaus alle

Florian Holsboer: möglichen Säfte und Pulver brachte, die da helfen soll.

Florian Holsboer: Man muss man sich vorstellen, wie die aufgewachsen sind.

Florian Holsboer: Er war ja Seekadett und mal so eine Episode, wie sowieso die

Florian Holsboer: Seekadetten rekrutiert wurden.

Florian Holsboer: Also die wollten ja alle

Florian Holsboer: Offizier werden und die mussten

Florian Holsboer: dann eben mit den Offizieren

Florian Holsboer: Alkohol trinken.

Florian Holsboer: Und diejenigen, die relativ früh dann also die Contenance

Florian Holsboer: verloren hatten, sie ausfällig wurden, die wurden dann schon

Florian Holsboer: mal ausgemustert, die konnten nicht Offizier werden.

Florian Holsboer: Also ich vermute mal, dass in

Florian Holsboer: der Bundeswehr heute andere

Florian Holsboer: Eignungstests im Vordergrund

Florian Holsboer: stehen.

Florian Holsboer: Er rauchte zehn Importzigarren auf Lunge pro Tag.

Florian Holsboer: Ob das dann nur die gute

Florian Holsboer: Meeresluft war, die ihn so

Florian Holsboer: robust gemacht hat oder doch

Florian Holsboer: nicht?

Florian Holsboer: Auch sehr vorzügliche genetische

Florian Holsboer: Grundausstattung, das weiß ich

Florian Holsboer: nicht.

Florian Holsboer: Ich glaube, die Veranlagung war schon auch eine sehr günstige.

Florian Holsboer: Er hatte eine schwere Augenerkrankung, eine sogenannte

Florian Holsboer: altersabhängige Makuladegeneration, aufgrund

Florian Holsboer: derer man sehr schlecht sieht, muss man beim Fernsehen ganz nah

Florian Holsboer: am Fernsehapparat sitzen und er konnte nicht mehr lesen, was für

Florian Holsboer: ihn eine große Belastung war.

Florian Holsboer: Und meine liebe Mutter, die ja eine sehr gute Sprache hatte

Florian Holsboer: durch die Schauspielschule, hat ihm dann alles auf Band gelesen.

Florian Holsboer: Man muss sich das mal vorstellen.

Florian Holsboer: Sie hat ihm dieses grandiose

Florian Holsboer: Werk von Golo Mann, Deutsche

Florian Holsboer: Geschichte des neunzehnte und

Florian Holsboer: zwanzigste Jahrhunderts, ein

Florian Holsboer: Standardwerk total auf Band

Florian Holsboer: gesprochen.

Florian Holsboer: Das hat über ein tausend Seiten.

Florian Holsboer: Das war schon eine auch eine ganz liebe, liebe Frau, dass sie

Florian Holsboer: das alles für ihn gemacht hat.

Daniela Holsboer: Und so keck und kess wie sie

Daniela Holsboer: war, ist sie nach seinem Tod

Daniela Holsboer: noch mal eine, sagen wir mal,

Daniela Holsboer: ernsthafte Lebenspartnerschaft

Daniela Holsboer: eingegangen.

Florian Holsboer: Nein, als Als sie starb, war sie sieben und fünfzig Jahre alt.

Florian Holsboer: Sie hatte wechselnde

Florian Holsboer: Beziehungen, mehrere

Florian Holsboer: gleichzeitig.

Florian Holsboer: Ich habe das ja im Zusammenhang

Florian Holsboer: mit der Geburtstagsfeier schon

Florian Holsboer: mal geschildert.

Florian Holsboer: Ich war ein und dreißig, stark beschäftigt.

Florian Holsboer: Ich war als Chemiker an der Kinderklinik eingestellt, habe

Florian Holsboer: nebenher Medizin studiert.

Florian Holsboer: Ich kümmerte mich, so gut ich konnte.

Florian Holsboer: Und sie haderte schon auch mit dem Leben.

Florian Holsboer: Sie hätte gern mehr von mir gehabt, aber mehr ging nicht.

Florian Holsboer: Und das hat sie dann auch am Ende verstanden.

Daniela Holsboer: Lieber Florian, ich könnte dir

Daniela Holsboer: noch Stunden zuhören, aber für

Daniela Holsboer: heute machen wir mal einen

Daniela Holsboer: Punkt.

Daniela Holsboer: Wir haben ja zum Glück die Gelegenheit, die spannende

Daniela Holsboer: Lebensgeschichte von dir noch weiter zu erzählen.

Daniela Holsboer: Wir haben heute jetzt erst mal

Daniela Holsboer: den kleinen Jungen

Daniela Holsboer: kennengelernt.

Daniela Holsboer: Neunzehn Tage nach Kriegsende

Daniela Holsboer: geboren, in den Ruinen Münchens

Daniela Holsboer: gespielt und auf dem Eis

Daniela Holsboer: gelaufen.

Daniela Holsboer: Wir haben über weiche, warme

Daniela Holsboer: Pferdeschnauzen gesprochen und

Daniela Holsboer: über eine liebende Mama und zwei

Daniela Holsboer: Väter, die dich beide geprägt

Daniela Holsboer: haben.

Daniela Holsboer: In der nächsten Folge sprechen wir darüber, wie aus einem.

Daniela Holsboer: Hast du heute schon angedeutet.

Daniela Holsboer: Einem eher mittelmäßigen Schüler

Daniela Holsboer: aber dann doch ein

Daniela Holsboer: Spitzenstudent wurde.

Daniela Holsboer: Warum ausgerechnet die Chemie bei dir alles veränderte und

Daniela Holsboer: weshalb du im entscheidenden Moment immer wieder richtig

Daniela Holsboer: abgebogen bist als Schüler, Mittelmaß, als Student,

Daniela Holsboer: Spitzenklasse der Überflieger.

Daniela Holsboer: So geht's weiter in der nächsten Folge von Alles nur im Kopf.

Daniela Holsboer: Danke dir, lieber Florent, für

Daniela Holsboer: heute und danke, ihr Lieben fürs

Daniela Holsboer: Zuhören.

Daniela Holsboer: Wir hören uns hoffentlich bald wieder.

Daniela Holsboer: Tschüss.

Florian Holsboer: Danke.

Moderator: Mehr Informationen zum Thema

Moderator: Mental Health finden Sie unter

Moderator: www.

Moderator: florian holsboer foundation.com und auf Social Media unter

Moderator: Florian Holsboer Foundation.

Moderator: Alles nur im Kopf.

Moderator: Ein Podcast der Florian Holsboer Foundation.

Moderator: Dedicated to mental health.

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