In Ruinen gespielt. Auf dem Eis getanzt: das Nachkriegskind
Shownotes
Wie wird man, wer man ist? Florian Holsboer – ein Leben in vier Folgen. Teil 1: In Ruinen gespielt. Auf dem Eis getanzt: das Nachkriegskind
Florian Holsboer ist einer der weltweit renommiertesten Neurowissenschaftler und Deutschlands bekanntester Psychiater. In dieser und den nächsten drei Folgen blickt er auf seine persönliche Lebensgeschichte zurück. Was bedeutet es, nur 19 Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Luftschutzkeller geboren zu werden?
Wie fühlt sich eine Kindheit an zwischen Trümmern, Ruinen, Schwarzmarktgeschäften auf dem Kinderroller und dem Geschmack der allerersten Orange?
Was heißt es, in einer Schauspielerfamilie aufzuwachsen – zwischen Theaterbühnen, Filmstudios und einer ungewöhnlichen Familienkonstellation mit zwei Vätern?
Wie sehr prägen der frühe Verlust des leiblichen Vaters und die Erziehung durch einen Stiefvater, der als Marineoffizier zur Entourage Kaiser Wilhelms II. gehörte und später zu einem der bedeutendsten Filmproduzenten seiner Zeit wurde?
Und welche Rolle spielen das Eis, die Steiner-Schule und die Chemie?
Eine sehr persönliche Folge über Liebe und Verlust, Freiheit und Disziplin, das Aufwachsen in der Nachkriegszeit – und über die ersten entscheidenden Abzweigungen eines außergewöhnlichen Lebens.
Moderation: Daniela Holsboer Zu Gast: Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Florian Holsboer
KAPITEL
00:00 Intro 02:31 Wie fühlt es sich an, 80 zu werden? 03:44 Länger leben, aber auch länger krank 04:32 Das Geheimnis eines langen Lebens 07:03 Vegan essen, kein Alkohol – wirklich gesünder? 07:46 Geboren 19 Tage nach Kriegsende 12:18 Honigbrote in einem Schweizer Kinderheim 14:41 Die Dachwohnung in Bogenhausen 15:42 »Der Kindergarten war die Straße, der Spielplatz waren die Ruinen« 17:22 »Kriegstüchtig«: eine Warnung vor Geschichtsvergessenheit 18:56 Roller, Schwarzmarkt und Zigaretten als Währung 21:45 Zwischen Mehlwürmern, Orangen und Erdnussbutter 25:53 Eine Schauspielerfamilie: der Vater und Otto Falkenberg 28:53 Der Vater im Theater der NS-Zeit 35:08 Der Vater auf der Bühne – und der Braten im Eisschrank 39:36 Die Mutter: Schauspielerin, kokett, lebenshungrig 43:43 Deutscher Jugendmeister mit 15 im Eiskunstlauf 49:21 110 Schüler in einer Klasse, militärischer Gehorsam 52:40 »Ich konnte mich nicht konzentrieren« – wäre das heute ADHS? 56:41 Eurythmie und magisches Denken: Rudolf Steiners Anthroposophie 57:57 »Ein kleiner Teufel«: über Rainer Werner Fassbinder 1:02:26 Der kranke Vater – und die Frage nach der Depression 1:05:29 Die Mutter, der Vater und Günther Stapenhorst 1:12:02 »Ich hatte zwei Väter« 1:20:03 Pferde, Riem und die Liebe zum Galopprennsport 1:23:43 Der Tod des Vaters 1:27:04 Vom Marineoffizier zum UFA-Produzenten 1:31:37 Als Florian Holsboers Stiefvater Hitler begegnete 1:33:54 Hollywood in Tirol: Oscarpreisträger Emeric Pressburger 1:36:38 »Das doppelte Lottchen«: Stapenhorsts Nachkriegsfilme 1:41:29 Ausblick auf Folge 2
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Florian Holsboer: Zum Beispiel krachte mal ein riesen Dachbalken herunter und
Florian Holsboer: hat ein Kind begraben.
Florian Holsboer: Wir wurden dann sofort rausgeholt.
Florian Holsboer: Ich habe nie erfahren, was mit dem Kind wurde.
Florian Holsboer: Daran denke ich immer, wenn ich
Florian Holsboer: heute diese schreckliche
Florian Holsboer: Kriegsrhetorik höre, manchmal
Florian Holsboer: sogar in Kriegsgeheul von von
Florian Holsboer: Politikern.
Florian Holsboer: Ein Bundeskanzler, der die Silbe
Florian Holsboer: Fried im Vornamen trägt,
Florian Holsboer: behauptet im heiligen Ernst,
Florian Holsboer: Frieden gäbe es nur auf dem
Florian Holsboer: Friedhof.
Florian Holsboer: Ich war ganz eng mit Rainer
Florian Holsboer: Werner Fassbinder befreundet,
Florian Holsboer: der in der gleichen Schule in
Florian Holsboer: der gleichen Klasse war, und es
Florian Holsboer: war wirklich ein echter Freund
Florian Holsboer: und Verbündeter.
Florian Holsboer: Aber er war auch ein kleiner Teufel.
Moderator: Alles nur im Kopf. Ein Podcast der Florian Holsboer Foundation.
Moderator: Dedicated to mental health.
Daniela Holsboer: Hallo und herzlich willkommen!
Daniela Holsboer: Nicht nur zu einer neuen Folge von Alles nur im Kopf, sondern
Daniela Holsboer: zu einer neuen Staffel.
Daniela Holsboer: Mein Name ist Daniela Holsboer.
Daniela Holsboer: Ich bin Vorstand der Florian Holsboer Foundation und die
Daniela Holsboer: Ehefrau unseres Stifters, Florian Holsboer, der heute
Daniela Holsboer: natürlich auch mit dabei ist.
Daniela Holsboer: Hallo lieber Florian, hallo
Daniela Holsboer: vorweg ein paar Worte in eigener
Daniela Holsboer: Sache.
Daniela Holsboer: Wir haben eine fantastische erste Staffel hinter uns, mit
Daniela Holsboer: wissenschaftlichem Tiefgang, gesellschaftlicher Relevanz und
Daniela Holsboer: starken prominenten Stimmen.
Daniela Holsboer: Nach einer etwas längeren Pause sind wir nun wieder da und das
Daniela Holsboer: in einer neuen Konstellation.
Daniela Holsboer: Von nun an sind mein Mann und ich hier das feste Podcastduo
Daniela Holsboer: und wir freuen uns.
Daniela Holsboer: Unglaublich, dass ihr dabei seid.
Daniela Holsboer: Unser Setting ist also ein bisschen persönlicher als bisher
Daniela Holsboer: und besonders persönlich beginnt auch die zweite Staffel.
Daniela Holsboer: In den nächsten vier Folgen
Daniela Holsboer: wollen wir gemeinsam der Frage
Daniela Holsboer: nachgehen Wie wird man, wer man
Daniela Holsboer: ist?
Daniela Holsboer: Wir wollen anhand Florians ganz persönlicher Lebensgeschichte
Daniela Holsboer: nachzeichnen, Welche Erlebnisse, Menschen und Entscheidungen ihn
Daniela Holsboer: geprägt und schließlich zu dem gemacht haben, wer er heute ist.
Daniela Holsboer: Und wir beginnen ganz am Anfang bei dem kleinen Jungen, der gut
Daniela Holsboer: zwei Wochen nach Kriegsende geboren wurde, in Ruinen spielte
Daniela Holsboer: und auf dem Eis tanzte.
Daniela Holsboer: Du, lieber Florian, blickst
Daniela Holsboer: inzwischen auf acht Jahrzehnte
Daniela Holsboer: zurück, hast unglaublich viel
Daniela Holsboer: erlebt und ich kann es kaum
Daniela Holsboer: erwarten, mit dir darüber zu
Daniela Holsboer: sprechen.
Daniela Holsboer: Also noch einmal herzlich
Daniela Holsboer: willkommen von meiner Seite und
Daniela Holsboer: wir starten direkt mit der
Daniela Holsboer: ersten Frage.
Daniela Holsboer: Also ich habe schon gesagt Florian, du bist 80!
Daniela Holsboer: Letztes Jahr haben wir dich gefeiert.
Daniela Holsboer: Aber abgesehen vom Champagner.
Daniela Holsboer: Wie ist das denn, Wenn man
Daniela Holsboer: achtzig wird, ist das irgendwie
Daniela Holsboer: besonders.
Florian Holsboer: Ja, ein runder Geburtstag ist immer was Besonderes.
Florian Holsboer: Wenn man aber in solche
Florian Holsboer: Altersbereich vorrückt, dann
Florian Holsboer: muss man auch sagen, das ist
Florian Holsboer: nicht immer alles rundum ein
Florian Holsboer: Vergnügen.
Florian Holsboer: Immer zwickt irgendwo was.
Florian Holsboer: Man muss öfters zum Arzt gehen.
Florian Holsboer: Die Tabletten werden mehr, aber man muss auch zufrieden sein,
Florian Holsboer: denn man war die meiste Zeit im Leben nicht alt.
Florian Holsboer: Und die Alternativen?
Florian Holsboer: Die will man auch nicht.
Florian Holsboer: Natürlich hat man noch viel vor.
Florian Holsboer: Macht Pläne, will eigentlich
Florian Holsboer: alles ein bisschen festhalten
Florian Holsboer: und da wird man schon
Florian Holsboer: nachdenklich und fragt sich Na
Florian Holsboer: ja, wie viel Zeit bleibt mir
Florian Holsboer: noch?
Florian Holsboer: Auf der anderen Seite ist es auch ein entspanntes Gefühl.
Florian Holsboer: Man ist nicht mehr so rastlos,
Florian Holsboer: man hat sozusagen im Leben die
Florian Holsboer: Hausaufgaben gemacht, ist, wie
Florian Holsboer: man so jargonmäßig sagt, man ist
Florian Holsboer: durch.
Florian Holsboer: Und eines muss man natürlich auch bedenken, dass es ein
Florian Holsboer: Privileg war für mich und meine Generation, dass wir achtzig
Florian Holsboer: Jahre in Deutschland ein Leben leben konnten, ohne dass es
Florian Holsboer: einen Krieg gab.
Florian Holsboer: Das war in Deutschland noch nie
Florian Holsboer: so, und was auch wichtig ist,
Florian Holsboer: ist, dass man erkennt, dass man
Florian Holsboer: eine immer längere Lebensspanne
Florian Holsboer: hat.
Florian Holsboer: Aber die Gesundheitsspanne hält da nicht Schritt, mit dem
Florian Holsboer: Ergebnis, dass man halt einen relativ langen Zeitraum im Leben
Florian Holsboer: irgendwie etwas mit der Gesundheit zu tun hatte.
Florian Holsboer: Am schönsten hat das eigentlich
Florian Holsboer: der Jazzmusiker Eubie Blake
Florian Holsboer: zusammengefasst.
Florian Holsboer: Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag hat er gesagt Wenn
Florian Holsboer: ich gewusst hätte, dass ich so alt werde, dann hätte ich besser
Florian Holsboer: auf meine Gesundheit geachtet.
Daniela Holsboer: Okay, das merke ich mir.
Daniela Holsboer: Und ehrlich gesagt auch schon
Daniela Holsboer: ein ein Trendthema, was du da
Daniela Holsboer: gerade ansprichst, Stichwort
Daniela Holsboer: Longevity.
Daniela Holsboer: Also zu Deutsch Ja, Langlebigkeit könnten wir auch
Daniela Holsboer: Stunden drüber reden.
Daniela Holsboer: Machen wir natürlich nicht.
Daniela Holsboer: Aber vielleicht ganz kurz Was
Daniela Holsboer: ist das Geheimnis deines ganz
Daniela Holsboer: persönlichen Jungbrunnens?
Florian Holsboer: Ja. Also, ich lüfte das Geheimnis gerne.
Florian Holsboer: Das Wichtige ist die positive
Florian Holsboer: Einstellung im Leben, die ich
Florian Holsboer: immer hatte.
Florian Holsboer: Und der wunderbare damalige Präsident der Max Planck
Florian Holsboer: Gesellschaft, Hans Zacher, hat mir einmal geschrieben Also Ihre
Florian Holsboer: Positivität, Herr Holsboer.
Florian Holsboer: Die ist wirklich ansteckend.
Florian Holsboer: Und ich habe das auch mal so vollzogen.
Florian Holsboer: Als ich fünf und zwanzig Jahre Direktor des Max Planck
Florian Holsboer: Instituts für Psychiatrie war, habe ich mit neun und sechzig
Florian Holsboer: gekündigt, obwohl ich noch hätte länger bleiben können.
Florian Holsboer: Aber ich dachte mir, man geht lieber ein paar Jahre zu früh
Florian Holsboer: als ein halbes Jahr zu spät.
Florian Holsboer: Und wenn man das nicht macht und
Florian Holsboer: bis zum letzten Tag an seinem
Florian Holsboer: Sessel klebt und dann noch eine
Florian Holsboer: Verlängerung bittet.
Florian Holsboer: Das ist.
Florian Holsboer: Das ist falsch.
Florian Holsboer: Das wird nicht gut.
Florian Holsboer: Denn wenn man eine weitere
Florian Holsboer: Aufgabe dann beginnen will, dann
Florian Holsboer: muss man auch genügend Zeit
Florian Holsboer: dafür haben.
Florian Holsboer: Die sollte man nicht am Ende der Vorphase verloren gehen lassen.
Florian Holsboer: Wichtig ist natürlich, dass die Aufgaben, die man hat, dass die
Florian Holsboer: auch immer passen.
Florian Holsboer: Ich habe zum Beispiel nachdem
Florian Holsboer: ich bei Max Planck aufgehört
Florian Holsboer: habe, habe ich ja ein Ganztags
Florian Holsboer: Ganztagsjob gehabt als
Florian Holsboer: Geschäftsführer einer kleinen
Florian Holsboer: Pharmafirma, die ich gemeinsam
Florian Holsboer: mit Carsten Maschmeyer gegründet
Florian Holsboer: hatte.
Florian Holsboer: Und das habe ich dann mit fünf und siebzig Jahren beendet.
Florian Holsboer: Ich bin also ziemlich genau
Florian Holsboer: fünfzig Jahre als Angestellter
Florian Holsboer: irgendwo mit der Lohnsteuerkarte
Florian Holsboer: unterwegs gewesen.
Florian Holsboer: Und das ist das Wichtige, dass
Florian Holsboer: man immer was macht, was einem
Florian Holsboer: Spaß macht.
Florian Holsboer: Und das Wichtigste heute ist natürlich meine kleine Familie.
Florian Holsboer: Das ist der größte Lebenslohn.
Florian Holsboer: Nun zum Thema zum Thema Longevity vielleicht.
Florian Holsboer: Das ist ja eine Sehnsucht der
Florian Holsboer: Menschen seit vielen tausend
Florian Holsboer: Jahren.
Florian Holsboer: Davon haben schon die Babylonier
Florian Holsboer: 4000 vor Christi
Florian Holsboer: geschwärmt.
Florian Holsboer: Und das ist natürlich eine
Florian Holsboer: Illusion, der wir heute noch
Florian Holsboer: nachhängen und künftige
Florian Holsboer: Generationen auch wieder
Florian Holsboer: nachhängen werden.
Florian Holsboer: Das hat wunderschön der Maler
Florian Holsboer: Lucas Cranach mal gezeichnet,
Florian Holsboer: indem er ein großes Wasser
Florian Holsboer: hatte, wo er also auf der einen
Florian Holsboer: Seite so gebückte ältere Frauen
Florian Holsboer: reingehen und auf der anderen
Florian Holsboer: Seite kommen sie dann aufrecht
Florian Holsboer: als galante junge Frauen wieder
Florian Holsboer: raus.
Florian Holsboer: Interessanterweise hat er das nur auf Frauen angewandt.
Florian Holsboer: Das wäre heute wahrscheinlich
Florian Holsboer: schon wieder zu kritisieren
Florian Holsboer: gewesen.
Florian Holsboer: Und ein anderer Punkt vielleicht
Florian Holsboer: noch dieses dieser
Florian Holsboer: Gesundheitsfimmel.
Florian Holsboer: Also ich sage einfach mal, womit ich sicherlich viele ärgere:
Florian Holsboer: Also vegan essen ist einfach
Florian Holsboer: ungesund und macht auch keinen
Florian Holsboer: Spaß.
Florian Holsboer: Und das ist auch wichtig im Leben, dass man an den Dingen,
Florian Holsboer: die man macht, Freude hat.
Florian Holsboer: Also kein Alkohol trinken, kein Stress, langer Urlaub, wenig
Florian Holsboer: Arbeit, viel schlafen.
Florian Holsboer: Das alles macht einen auch nicht
Florian Holsboer: jünger und glücklicher und
Florian Holsboer: längerlebig.
Daniela Holsboer: Ja, das ist sehr wohltuend, auch mal so Worte zu hören und man
Daniela Holsboer: merkt, Du bist kein Politiker und auch kein Bundestrainer.
Daniela Holsboer: Klebt also nicht unbedingt an deinem Amt.
Daniela Holsboer: Aber lass uns ganz von vorne anfangen.
Daniela Holsboer: Du bist am sieben und zwanzigste
Daniela Holsboer: Mai neunzehn hundert fünf und
Daniela Holsboer: vierzig zur Welt gekommen,
Daniela Holsboer: 19 Tage nach dem Ende des
Daniela Holsboer: Zweiten Weltkriegs, Am achte Mai
Daniela Holsboer: fünf und vierzig, hatte die
Daniela Holsboer: Wehrmacht kapituliert.
Daniela Holsboer: Das ist eine unglaubliche Zeit,
Daniela Holsboer: in die du da hineingeboren
Daniela Holsboer: wurdest.
Daniela Holsboer: An die ersten Jahre kannst du
Daniela Holsboer: dich natürlich oder vermutlich
Daniela Holsboer: nicht erinnern.
Daniela Holsboer: Da warst du natürlich noch zu klein.
Daniela Holsboer: Aber was haben dir deine Eltern darüber erzählt?
Daniela Holsboer: Oder vielleicht hast du was hast du ganz intuitiv mitbekommen?
Florian Holsboer: Nach Ende des Krieges war meine
Florian Holsboer: Mutter hochschwanger,
Florian Holsboer: abgemagert, so knapp über
Florian Holsboer: 40 Kilogramm als schwangere
Florian Holsboer: Frau.
Florian Holsboer: Das ist schon sehr wenig.
Florian Holsboer: Und München stand unter Bombenhagel.
Florian Holsboer: Es wurde.
Florian Holsboer: Etwa 50 Prozent aller Gebäude in München wurden schwer
Florian Holsboer: beschädigt und das Leben dieser schwangeren Frau war stand ganz
Florian Holsboer: unter dem Zeichen dieses dieser.
Florian Holsboer: Diese Bombeneinwirkung.
Florian Holsboer: Man musste dauernd vom Schlafzimmer in
Florian Holsboer: Luftschutzkeller, dann wieder zurück, wieder auf die Wohnung,
Florian Holsboer: wieder auf den Keller.
Florian Holsboer: Also das ist schon eine sehr, sehr schwierige Zeit, denn an
Florian Holsboer: Schlafen war da nicht zu denken.
Daniela Holsboer: Das wäre vermutlich auf dem Land sicherer gewesen.
Daniela Holsboer: Konnte deine Mutter nicht aus der Stadt?
Florian Holsboer: Ja. Meine Mutter war alleine in der Stadt.
Florian Holsboer: Der Vater war bei seiner Mutter in Krailling.
Florian Holsboer: Wollte man nachher nachschauen, wie es ihr geht und konnte dann
Florian Holsboer: nicht mehr zurück, weil die Stadt von außen abgeriegelt war.
Florian Holsboer: Sie war also allein, als die Wehen begonnen haben.
Florian Holsboer: Dann ging sie auf die Straße.
Florian Holsboer: Da kam ein amerikanischer Jeep
Florian Holsboer: vorbei, der ihr recht vehement
Florian Holsboer: auftrug Gefälligst wieder ins
Florian Holsboer: Haus zurück gehen, weil
Florian Holsboer: Ausgangssperre war.
Florian Holsboer: Nun, das ist natürlich für eine Frau in den Wehen.
Florian Holsboer: Ohne Hilfe keine gute Lösung.
Florian Holsboer: Dann ging sie wieder raus.
Florian Holsboer: Da kam netterweise ein französischer Soldat in einem
Florian Holsboer: Jeep vorbei, der sie dann in eine geeignete Einrichtung fuhr.
Florian Holsboer: In dem Jeep über diese holprigen, durch Bomben
Florian Holsboer: aufgewühlten Straßen landete sie dann in einer Noteinrichtung.
Daniela Holsboer: Zum Glück.
Daniela Holsboer: Und wo war die Noteinrichtung?
Florian Holsboer: Ja, diese Noteinrichtung war im
Florian Holsboer: tiefsten Schwabing, in der
Florian Holsboer: Werneckstraße.
Florian Holsboer: Das ist in der Nähe vom Wedekindbrunnen.
Florian Holsboer: Und die Pointe ist die, dass da heute unmittelbarer Nähe auf
Florian Holsboer: ebener Erde eines der besten Lokale in München ist.
Florian Holsboer: Der Werneckhof, ein Michelin-Restaurant.
Daniela Holsboer: Immerhin vornehm gewählt.
Daniela Holsboer: Schmeckt auch sehr gut.
Daniela Holsboer: Da waren wir auch schon mal essen.
Daniela Holsboer: Also dann bist du wirklich im tiefsten Schwabing geboren, wie
Daniela Holsboer: du gesagt hast.
Daniela Holsboer: Also ein Münchner Kindl par excellence.
Daniela Holsboer: Und Also ich traue mich kaum zu
Daniela Holsboer: fragen war da ein Arzt oder wie
Daniela Holsboer: muss man sich deine Geburt
Daniela Holsboer: vorstellen?
Florian Holsboer: Nein, ein Arzt war da natürlich nicht.
Florian Holsboer: Die Ärzte hatten sich die Verwundeten zu kümmern, aber es
Florian Holsboer: war immerhin eine Hebamme da.
Florian Holsboer: Die, die das verstand.
Florian Holsboer: Und als ich dann also sozusagen
Florian Holsboer: auf das Licht der Welt erblickt
Florian Holsboer: hatte, hatte ich eine schwere
Florian Holsboer: Atemnot.
Florian Holsboer: Da war irgendwas an der Lunge und die Mutter hat mir dann
Florian Holsboer: später erzählt, Der schrecklichste Moment war, als
Florian Holsboer: die Hebamme sagte Wenn jetzt, ich sage es mal auf bayerisch,
Florian Holsboer: wenn jetzt die Spritzen nicht finden, is er hin.
Florian Holsboer: Also auf Hochdeutsch heißt wenn
Florian Holsboer: ich jetzt die Spritze nicht
Florian Holsboer: finde, dann überlebt er das
Florian Holsboer: nicht.
Florian Holsboer: Offenbar habe ich es dann doch überlebt.
Florian Holsboer: Und die.
Florian Holsboer: Aber ein bisschen eine
Florian Holsboer: empfindliche Lunge ist mir
Florian Holsboer: geblieben.
Daniela Holsboer: Wahnsinn!
Daniela Holsboer: Und wir vergessen das auch viel
Daniela Holsboer: zu schnell, dass so eine gute
Daniela Holsboer: medizinische Versorgung bei
Daniela Holsboer: Mutter und Kind gar nicht mehr,
Daniela Holsboer: also gar nicht
Daniela Holsboer: selbstverständlich ist oder
Daniela Holsboer: nicht immer selbstverständlich
Daniela Holsboer: war.
Daniela Holsboer: Und welches Gefühl verbindest du mit deiner Kindheit?
Florian Holsboer: Ja, ich verbinde damit, dass ich sehr viel Liebe von meinen
Florian Holsboer: Eltern empfangen habe.
Florian Holsboer: Von Anfang an, also natürlich
Florian Holsboer: erinnert sich ein Kind in diesen
Florian Holsboer: ganz jungen Jahren nicht an
Florian Holsboer: einzelne Ereignisse, an
Florian Holsboer: irgendwelche Episoden.
Florian Holsboer: Aber es wird.
Florian Holsboer: Alles, was an Liebe empfangen
Florian Holsboer: wird, wird unbewusst im
Florian Holsboer: Gedächtnisspeicher unseres
Florian Holsboer: Gehirns abgelegt.
Florian Holsboer: Das wird immer mehr und das bleibt auch für immer.
Florian Holsboer: Das kann man nicht ausradieren, auch wenn man sich noch so sehr
Florian Holsboer: manipulativ darum bemüht.
Florian Holsboer: Die einzelnen Erfahrungen, die
Florian Holsboer: an die erinnert man sich dann
Florian Holsboer: aber eigentlich erst so ähm, ja,
Florian Holsboer: so mit Ende zwei, Anfang
Florian Holsboer: drei, Mitte drei Jahren, dann
Florian Holsboer: erinnert man sich an irgendetwas
Florian Holsboer: später und auch noch so ganz
Florian Holsboer: vage.
Daniela Holsboer: Und so was wie deine erste Erinnerung, die gibt es dann ja.
Florian Holsboer: Ja, da muss ich dazu sagen, mein Vater war ja Schweizer.
Florian Holsboer: Durch die Heirat mit meiner Mutter wurde sie auch Schweizer.
Florian Holsboer: Und ich war natürlich dann auch ein Schweizer Kind.
Florian Holsboer: Und es gab in der Schweiz eine Einrichtung, die hiess Pro
Florian Holsboer: Juventute, also für die Jungen.
Florian Holsboer: Und die hatten dann versucht, auch Kinder von Schweizern im
Florian Holsboer: Ausland, denen irgendwie was Gutes zu tun.
Florian Holsboer: Und in dem Fall war es so, dass
Florian Holsboer: ich dann vier Wochen in ein
Florian Holsboer: Kinderheim in Oberägeri
Florian Holsboer: einquartiert wurde.
Florian Holsboer: Und Oberägeri ist ein zauberhaftes Dorf an einem See,
Florian Holsboer: ungefähr eine gute Stunde von Zürich entfernt und dort wurde
Florian Holsboer: ich dann abgegeben.
Florian Holsboer: Und als mich meine Eltern
Florian Holsboer: ungefähr vier Wochen später
Florian Holsboer: abholten, da fanden sie mich
Florian Holsboer: nicht.
Florian Holsboer: Sie gingen immer da herum und
Florian Holsboer: haben mich nicht entdeckt und
Florian Holsboer: fragten dann eine Schwester dort,
Florian Holsboer: die, wo dann der kleine Florian
Florian Holsboer: sein.
Florian Holsboer: Dann brachten sie mich zu ihnen
Florian Holsboer: und dann hatten sie mich
Florian Holsboer: erkannt.
Florian Holsboer: Aber ich war sehr verändert,
Florian Holsboer: denn ich hatte diese vier Wochen
Florian Holsboer: vorwiegend in der Küche des
Florian Holsboer: Kinderheims verbracht und
Florian Holsboer: erinnert mich noch an den
Florian Holsboer: wunderbaren süßen Duft von
Florian Holsboer: Honigbroten.
Florian Holsboer: Und die hatte ich dann praktisch
Florian Holsboer: nonstop gegessen und war
Florian Holsboer: entsprechend kugelrund.
Florian Holsboer: Und deswegen konnten die Eltern
Florian Holsboer: auf dem ersten Blick mich nicht
Florian Holsboer: identifizieren.
Florian Holsboer: Und als die Eltern dann mich
Florian Holsboer: mitnahmen und den Koffer zu
Florian Holsboer: Hause auspackten, da war meine
Florian Holsboer: Mutter zu Tränen gerührt, denn
Florian Holsboer: es waren lauter neue Sachen da
Florian Holsboer: drin.
Florian Holsboer: Also zum Beispiel, und das war vielleicht das Wichtigste, das
Florian Holsboer: war das erste Paar Kinderschuhe.
Florian Holsboer: Wir Kinder hatten ja keine Schuhe, denn die Schuhindustrie
Florian Holsboer: in Deutschland zu dieser Zeit, die existierte nicht mehr.
Florian Holsboer: Und man trug als Kind diese sogenannten Fußlappen.
Florian Holsboer: Da wurden also kleine
Florian Holsboer: Textilstücke zusammengefügt und
Florian Holsboer: dann mit einem Band am Fuß
Florian Holsboer: festgebunden waren die ersten
Florian Holsboer: Schuhe.
Florian Holsboer: Aber leider ist es ja so bei Kindern.
Florian Holsboer: Die halten nicht lange, weil der Fuß immer größer wird.
Florian Holsboer: Aber immerhin hat meine Mutter die die dann aufbewahrt.
Florian Holsboer: Und ich glaube, einer von beiden ist immer noch vorhanden.
Daniela Holsboer: Wie habt ihr denn damals gewohnt?
Florian Holsboer: Nun, die an die erste Wohnung erinnere ich mich nicht.
Florian Holsboer: Das war auch nur die ersten
Florian Holsboer: Jahre, aber an die zweite sehr
Florian Holsboer: wohl.
Florian Holsboer: Das war eine Dachgeschosswohnung
Florian Holsboer: in Bogenhausen in der
Florian Holsboer: Cuvillestraße.
Florian Holsboer: Ähm, das ist eine sehr schöne Gegend an der Poststraße, und
Florian Holsboer: die Wohnung hatte viereinhalb Zimmer, war also relativ groß.
Florian Holsboer: Da wohnte allerdings auch außer meiner Mutter, meinem Vater und
Florian Holsboer: mir auch meine Großmutter.
Florian Holsboer: Und eines Tages klingelte es und meine Mutter machte auf.
Florian Holsboer: Und dann holte sie die Großmutter dazu.
Florian Holsboer: Und da stand ein großer,
Florian Holsboer: abgemagerter Mann mit tief
Florian Holsboer: eingefallenen Augen,
Florian Holsboer: ausgemergelt in einer
Florian Holsboer: zerrissenen Uniform, und nach
Florian Holsboer: einigem Hinsehen erkannte meine
Florian Holsboer: Großmutter, dass das ihr
Florian Holsboer: ehemalige Liebhaber Karl war,
Florian Holsboer: und der zog dann auch bei uns
Florian Holsboer: ein.
Florian Holsboer: Und dann wurde es allmählich immer voller.
Daniela Holsboer: Nimm mich mit auf einen ganz normalen Tag für dich als Kind
Daniela Holsboer: auf den Straßen Münchens.
Daniela Holsboer: Wie war das also?
Daniela Holsboer: Die Stadt war halb zerstört.
Daniela Holsboer: Heute gibt es ja alles Mögliche an Betreuungsangeboten.
Daniela Holsboer: Aber wie habt ihr damals den Tag verbracht und gespielt?
Daniela Holsboer: Also ein Adjektiv, was man ja
Daniela Holsboer: oft mit Kindheit assoziiert, ist
Daniela Holsboer: unbeschwert.
Daniela Holsboer: Aber ich nehme mal an, unbeschwert war das damals nicht
Daniela Holsboer: bei dir, oder?
Florian Holsboer: Ja, also es ist ja so, ob das
Florian Holsboer: jetzt belastend oder beschwert
Florian Holsboer: war, das kann ich so nicht
Florian Holsboer: sagen, denn wir kannten es ja
Florian Holsboer: nicht anders.
Florian Holsboer: Es war schon grundlegend anders, als es heute ist, mit Kita und
Florian Holsboer: Kindergarten und Malgruppe und Ballettunterricht und
Florian Holsboer: Schwimmkurs und was es da alles so Organisation gibt.
Florian Holsboer: Wir haben unbeaufsichtigt gespielt, der Kindergarten war
Florian Holsboer: die Straße und der Spielplatz waren die Ruinen.
Florian Holsboer: Und das war natürlich nicht unproblematisch, denn die Ruinen
Florian Holsboer: waren ja nicht geschützt.
Florian Holsboer: Wir spielten da drin und da ist
Florian Holsboer: dann natürlich auch manchmal was
Florian Holsboer: passiert.
Florian Holsboer: Zum Beispiel krachte mal ein riesen Dachbalken herunter und
Florian Holsboer: hat ein Kind begraben.
Florian Holsboer: Wir wurden dann sofort rausgeholt.
Florian Holsboer: Ich habe nie erfahren, was mit dem Kind wurde.
Florian Holsboer: Also in dieser Zeit hat man zwar
Florian Holsboer: durch diese, durch diese
Florian Holsboer: Umgebung schon war man kreativ,
Florian Holsboer: aber man hat ein gutes Gefühl
Florian Holsboer: für Gefahren entwickelt und von
Florian Holsboer: Risiko und letztendlich auch ein
Florian Holsboer: Stück Selbstverantwortung.
Florian Holsboer: Eine Konfrontation in dieser
Florian Holsboer: Zeit allerdings, die war, kurz
Florian Holsboer: gesagt, schrecklich.
Florian Holsboer: Und zwar Das Schockierende war Wenn wir einen Soldaten
Florian Holsboer: antrafen, dessen Gesicht durch Flammenwerfer entstellt war.
Florian Holsboer: Und man muss sich das
Florian Holsboer: vorstellen, also ein Soldat und
Florian Holsboer: auch waren da viele Soldaten auf
Florian Holsboer: der Straße, auch mit schweren
Florian Holsboer: Verwundungen.
Florian Holsboer: Wenn da ein Bein fehlt oder zwei Beine fehlten oder ein Arm
Florian Holsboer: fehlte, dann hatte man mit dem Soldaten großes Mitleid.
Florian Holsboer: Wenn aber einem Soldaten das
Florian Holsboer: Gesicht durch einen
Florian Holsboer: Flammenwerfer entstellt war,
Florian Holsboer: dann war man einfach nur
Florian Holsboer: schockiert und verschreckt und
Florian Holsboer: konnte da gar keine positiven
Florian Holsboer: Gefühle entwickeln.
Florian Holsboer: Denn wenn jemand sein Gesicht
Florian Holsboer: verliert, dann verliert er auch
Florian Holsboer: seine Identität.
Florian Holsboer: Und daran denke ich immer, wenn
Florian Holsboer: ich heute diese schreckliche
Florian Holsboer: Kriegsrhetorik höre, manchmal
Florian Holsboer: sogar in Kriegsgeheul von von
Florian Holsboer: Politikern.
Florian Holsboer: Wo, wenn ein Verteidigungsminister das von
Florian Holsboer: Goebbels sehr geläufige Wort kriegstüchtig dauernd verwendet?
Florian Holsboer: Oder wenn ein Bundeskanzler, der die Silbe Fried im Vornamen
Florian Holsboer: trägt, behauptet, im heiligen Ernst Frieden gäbe es nur auf
Florian Holsboer: dem Friedhof oder wenn ein Experte für
Florian Holsboer: Militärangelegenheiten aus der CDU behauptet, man müsse jetzt
Florian Holsboer: den Krieg nach Russland tragen.
Florian Holsboer: Wir, die deutsche Wehrmacht, die deutsche Wehrmacht, im Zweiten
Florian Holsboer: Weltkrieg 27 Millionen Russen getötet.
Florian Holsboer: Was sollen denn die denken, wenn
Florian Holsboer: wir sagen, wir sollen jetzt
Florian Holsboer: wieder den Krieg nach Russland
Florian Holsboer: tragen?
Florian Holsboer: Eine solche verantwortungslose
Florian Holsboer: Geschichtsvergessenheit, die
Florian Holsboer: bringt mich manchmal schon sehr
Florian Holsboer: in Rage und lässt mich auch
Florian Holsboer: verzweifeln.
Daniela Holsboer: Und was war trotz allem schön?
Florian Holsboer: Ja, es gab natürlich schöne Erlebnisse auch.
Florian Holsboer: Zum Beispiel hat mir eine Rollergruppe, also ein Roller,
Florian Holsboer: das war ein Brett, da waren zwei Räder dran, oben war eine
Florian Holsboer: Lenkstange und das Ding ging auch dauernd kaputt.
Florian Holsboer: Aber es war immer jemand da, der da das wieder flicken konnte.
Florian Holsboer: Und diese Rollergruppe, also der
Florian Holsboer: Roller war eigentlich so die die
Florian Holsboer: Grundversion des heutigen High
Florian Holsboer: Tech Scooters.
Florian Holsboer: Das ist aber ganz was anderes gewesen.
Florian Holsboer: Aber es war genauso schön.
Florian Holsboer: Nun gab es in einem Quartier in Bogenhausen eine Straße.
Florian Holsboer: Da waren lauter so kleine
Florian Holsboer: Hütten, so Hilfsbauten, und da
Florian Holsboer: wurde aus wann wurden Waren
Florian Holsboer: angeboten.
Florian Holsboer: Man muss sich das mal so vorstellen.
Florian Holsboer: Also so in der Zeit, sagen wir mal, zwischen neunzehn hundert
Florian Holsboer: fünf und vierzig neunzehn hundert fünf und fünfzig, da war
Florian Holsboer: so der Schwarzmarkt, war eigentlich der Supermarkt, aber
Florian Holsboer: da waren eben auch Waren, die illegal dort gehandelt wurden.
Florian Holsboer: Und zwar waren das Zigaretten und andere Sachen aus der PX.
Florian Holsboer: Und dazu muss ich sagen, die PX, das waren die Läden, wo die
Florian Holsboer: amerikanischen Besatzungssoldaten ihre Sachen
Florian Holsboer: aus der Heimat kriegen konnten.
Florian Holsboer: Aber die waren natürlich nicht für den Schwarzmarkt gedacht und
Florian Holsboer: deswegen kam gelegentlich die Militärpolizei erst am Jeep und
Florian Holsboer: später dann in dem, was wir da Amischlitten genannt haben,
Florian Holsboer: diesen großen Autos.
Florian Holsboer: Und wenn die da vorbeikamen,
Florian Holsboer: dann flogen hinten aus diesen
Florian Holsboer: Hütten alle möglichen Sachen
Florian Holsboer: raus, vor allem eben
Florian Holsboer: Zigarettenschachteln.
Florian Holsboer: Und wir Jüngeren.
Florian Holsboer: Wir haben oben Schmiere
Florian Holsboer: gestanden und gesagt Jetzt kommt
Florian Holsboer: wieder einer.
Florian Holsboer: Und dann sind die Älteren von
Florian Holsboer: uns hinter den Hütten
Florian Holsboer: vorbeigefahren und haben sich
Florian Holsboer: diese Zigarettenschachteln
Florian Holsboer: aufgenommen.
Florian Holsboer: Und die wurden dann untereinander verteilt und das
Florian Holsboer: war die damalige Währung.
Florian Holsboer: So, ich war dann ungefähr fünf
Florian Holsboer: Jahre alt, also neunzehn hundert
Florian Holsboer: fünfzig herum.
Florian Holsboer: Und diese Währung, mit der konnte man dann auch was kaufen.
Florian Holsboer: Also auch mal was besonderes,
Florian Holsboer: sowohl besonders auch sowohl was
Florian Holsboer: es was die Qualität betrifft,
Florian Holsboer: aber auch was die Menge
Florian Holsboer: betrifft.
Daniela Holsboer: Und nur ganz kurz zum
Daniela Holsboer: Verständnis also das wurde dann
Daniela Holsboer: rausgeschmissen, damit die nicht
Daniela Holsboer: erwischt werden mit dieser Ware,
Daniela Holsboer: oder?
Florian Holsboer: Ja genau so!
Florian Holsboer: Also das war natürlich nicht
Florian Holsboer: erlaubt, dass die das die G.I.s,
Florian Holsboer: wie wir sie nannten, also die
Florian Holsboer: Soldaten die amerikanischen, da
Florian Holsboer: ihre Sachen aus der PX holen und
Florian Holsboer: sie dann da auf dem Schwarzmarkt
Florian Holsboer: anbieten lassen.
Florian Holsboer: Und deswegen haben die Händler dann das schnell
Florian Holsboer: rausgeschmissen, damit die die Militärpolizei das nicht findet.
Florian Holsboer: Die haben sicherlich auch ein Auge zugedrückt, aber immerhin
Florian Holsboer: war das eine schöne Gelegenheit, sich das Zeug zu schnappen.
Daniela Holsboer: Und jetzt hast du besondere Lebensmittel erwähnt.
Daniela Holsboer: Was meinst du?
Daniela Holsboer: Oder was gab es in der Zeit oder was gab es nicht?
Florian Holsboer: Also, äh, nicht Gab es natürlich.
Florian Holsboer: Also eher so, wie man so sagt, Obst und Südfrüchte.
Florian Holsboer: Also was?
Florian Holsboer: Das, was es an Obst gab.
Florian Holsboer: Das ist meiner Erinnerung auf Äpfel beschränkt.
Florian Holsboer: Aber das war auch schon eine feine Sache.
Florian Holsboer: Aber es hatte das, was man man
Florian Holsboer: nennt, das, was man halt gerade
Florian Holsboer: erwischte.
Florian Holsboer: Also da war zum Beispiel eines
Florian Holsboer: Tages oben auf dem Speicher eine
Florian Holsboer: große blau angestrichene
Florian Holsboer: Holzkiste, und die war voller
Florian Holsboer: Mehl.
Florian Holsboer: Das war natürlich toll.
Florian Holsboer: Plötzlich hatte die Familie Mehl.
Florian Holsboer: Man hat es dann auch geteilt mit
Florian Holsboer: Freunden, Bekannten und
Florian Holsboer: Verwandten.
Florian Holsboer: Aber da gab es ein Manko.
Florian Holsboer: Und zwar in diesem, diesem
Florian Holsboer: Haufen Mehl waren Mehlwürmer und
Florian Holsboer: das war jetzt die Aufgabe von
Florian Holsboer: einem Jungen aus dem Haus und
Florian Holsboer: mir.
Florian Holsboer: Wir bekamen dann ein Sieb und
Florian Holsboer: mussten dieses ganze Haufen Mehl
Florian Holsboer: sieben und um die Mehlwürmer
Florian Holsboer: rauszuholen.
Florian Holsboer: Und das ist natürlich langweilig.
Florian Holsboer: Und deswegen haben wir einen Sport daraus gemacht.
Florian Holsboer: Wer in welcher Zeit mehr Mehlwürmer rausholt.
Florian Holsboer: Und so hatte man dann also auch
Florian Holsboer: noch aus dieser, aus dieser
Florian Holsboer: Situation auch was Positives
Florian Holsboer: gemacht.
Florian Holsboer: Was anderes war, da kam auch wo
Florian Holsboer: das herkommt, weiß ich gar nicht
Florian Holsboer: genau.
Florian Holsboer: Wahrscheinlich auch vom
Florian Holsboer: Schwarzmarkt waren die Waren so
Florian Holsboer: mit Militär angemalte Blechdosen
Florian Holsboer: und wenn man die oben aufmachte
Florian Holsboer: und dann war das nur Öl zu
Florian Holsboer: sehen.
Florian Holsboer: Aber wenn man mit dem Löffel
Florian Holsboer: rein ging, mit einem langen
Florian Holsboer: Löffel, dann ist man auf etwas
Florian Holsboer: Festes gestoßen.
Florian Holsboer: Das war ganz festgebackenes Erdnussmehl.
Florian Holsboer: Und wenn man.
Florian Holsboer: Man musste dann rühren und rühren.
Florian Holsboer: Das haben wir ganz lang.
Florian Holsboer: Geduldig das immer abkratzen,
Florian Holsboer: bis das dann sich diese feste
Florian Holsboer: Masse, eine Emulsion mit dem Öl
Florian Holsboer: bildete.
Florian Holsboer: Und das war dann am Ende Erdnussbutter.
Florian Holsboer: Ja, die ich übrigens heute noch liebe, wie du weißt.
Daniela Holsboer: Machst du auch immer selber.
Florian Holsboer: Ein Erlebnis war, dass wir von
Florian Holsboer: der aus der Schweiz so kleine
Florian Holsboer: Lebensmittelpakete bekamen.
Florian Holsboer: Da war so ein kleines Stückchen Schokolade drin.
Florian Holsboer: Dann die so was wie Ovomaltine.
Florian Holsboer: Das ist eine sehr süße Mischung, die nach Kakao schmeckt, und das
Florian Holsboer: war für uns das Interessanteste.
Florian Holsboer: Es waren so, so Käse,
Florian Holsboer: Schmelzkäse, Ecken und die
Florian Holsboer: hatten unterschiedliche
Florian Holsboer: Geschmäcker.
Florian Holsboer: Und das Interessante war für uns Eine hatte Schinkengeschmack.
Florian Holsboer: Nun, Schinken gab es damals nicht.
Florian Holsboer: Und haben wir dann davon gehört?
Florian Holsboer: Und haben den Käse aufs Brot geschmiert.
Florian Holsboer: Dann angeblich nach Schinken
Florian Holsboer: schmeckt und dachten Ja, so
Florian Holsboer: schmeckt Schinken.
Florian Holsboer: Wie wir später gemerkt haben,
Florian Holsboer: schmeckt er dann schon etwas
Florian Holsboer: anders.
Florian Holsboer: Aber das war natürlich sehr
Florian Holsboer: aufregend und eine eine
Florian Holsboer: Bewandtnis mit der Roller Gruppe
Florian Holsboer: in dem Zusammenhang ist noch
Florian Holsboer: interessant.
Florian Holsboer: Wir sind dann mal in ein in die Schumannstraße gefahren.
Florian Holsboer: Da war ein Geschäft, dort so
Florian Holsboer: zwei Schaufenster und in einem
Florian Holsboer: dieser Schaufenster war eine
Florian Holsboer: Schale, da war so eine runde,
Florian Holsboer: orangefarbene Kugel und wir
Florian Holsboer: haben dann gedacht Ja, was ist
Florian Holsboer: denn das?
Florian Holsboer: Und einer der Älteren hat dann ganz weltläufig gesagt Das ist
Florian Holsboer: eine Orange und haben gesagt Aha, was ist denn das?
Florian Holsboer: Kann man das essen?
Florian Holsboer: Und äh, ja, so habe ich die erste Orange meines Lebens
Florian Holsboer: gesehen, in einem Geschäft, das der Ausgangspunkt war für die
Florian Holsboer: für das bedeutendste deutsche Gastronomieunternehmen, nämlich
Florian Holsboer: die Familie Käfer.
Florian Holsboer: Und wir sind heute noch mit Familie, Käfer befreundet und
Florian Holsboer: und freuen uns jedes Jahr auf den Besuch einer Käferschänke
Florian Holsboer: auf dem Oktoberfest.
Daniela Holsboer: Ja, also das kann ich bestätigen, dass du gerne auf
Daniela Holsboer: der Wiesn feierst.
Daniela Holsboer: Es gibt auch ein ikonisches Foto.
Daniela Holsboer: Das zeigen wir jetzt nicht.
Daniela Holsboer: Wunderbar.
Daniela Holsboer: Ja, das ist auch so, man muss
Daniela Holsboer: immer so schmunzeln, wenn man
Daniela Holsboer: das hört.
Daniela Holsboer: Aber gleichzeitig war es auch bitterer Ernst.
Daniela Holsboer: Also diese, diese Kargheit auch
Daniela Holsboer: und dieses Entbehren von Dingen,
Daniela Holsboer: die wir eben heute für
Daniela Holsboer: selbstverständlich erachten.
Daniela Holsboer: Jetzt entstammst du ja einer Schauspielerfamilie.
Daniela Holsboer: Deine Eltern waren im Krieg im
Daniela Holsboer: Theater tätig und später auch in
Daniela Holsboer: der Nachkriegszeit.
Daniela Holsboer: Was hast du aus der Zeit mitgenommen?
Daniela Holsboer: Also war das auch daheim immer großes Theater.
Daniela Holsboer: Weil es ist jetzt nicht.
Daniela Holsboer: Es ist auch nicht die die geläufigste Berufswahl.
Florian Holsboer: Nein. Also zu Hause gab es kein großes Theater, im Gegenteil,
Florian Holsboer: das war ja die Nachkriegszeit.
Florian Holsboer: Und die wir?
Florian Holsboer: Die war für meine Eltern wie für viele, viele andere Menschen
Florian Holsboer: auch eine sehr schwere Zeit.
Florian Holsboer: Auch wirtschaftlich.
Florian Holsboer: Man kann sich das heute gar
Florian Holsboer: nicht mehr so richtig
Florian Holsboer: vorstellen.
Florian Holsboer: Was ich weiß, ist, dass mein
Florian Holsboer: Vater ein Schüler des großen
Florian Holsboer: Münchner Theatermanns Otto
Florian Holsboer: Falkenberg war.
Florian Holsboer: Otto Falkenberg war nicht nur
Florian Holsboer: sein Lehrer, war auch sein
Florian Holsboer: Förderer und prägte das Münchner
Florian Holsboer: Theaterleben.
Florian Holsboer: Übrigens wird der Name
Florian Holsboer: Falkenberg heute noch gewürdigt
Florian Holsboer: durch die Falkenberg
Florian Holsboer: Schauspielschule.
Florian Holsboer: Und es gibt eine Seitenstraße von der Maximilianstraße, das
Florian Holsboer: ist die Falkenbergstraße.
Florian Holsboer: Ihm zu Ehren, neben meinem Vater entdeckte Falkenberg noch viele
Florian Holsboer: andere große Schauspieler.
Florian Holsboer: Zuvorderst möchte ich,
Florian Holsboer: vielleicht weil ich sie selber
Florian Holsboer: kannte, auch die Therese Giehse
Florian Holsboer: nennen.
Florian Holsboer: Das war eine Frau, total unscheinbar, wenn man sie auf
Florian Holsboer: der Straße sah.
Florian Holsboer: Aber wenn sie auf der Bühne
Florian Holsboer: stand, da hatte sie eine Aura,
Florian Holsboer: eine Ausstrahlung wie zum
Florian Holsboer: Anfassen.
Florian Holsboer: Es war unfassbar.
Florian Holsboer: Und der große Schriftsteller und
Florian Holsboer: Dramatiker Dürrenmatt hat für
Florian Holsboer: sie ein Theaterstück
Florian Holsboer: geschrieben.
Florian Holsboer: Die Physiker, das heute noch als
Florian Holsboer: eines der bedeutendsten
Florian Holsboer: Theaterstücke der jüngeren Zeit
Florian Holsboer: gilt.
Florian Holsboer: Ein anderer Name ist die
Florian Holsboer: Elisabeth Flickenschildt, eine
Florian Holsboer: der ganz großen
Florian Holsboer: Schauspielerinnen im deutschen
Florian Holsboer: Theaterraum des zwanzigste
Florian Holsboer: Jahrhunderts.
Florian Holsboer: Der eine oder andere kennt sie
Florian Holsboer: vielleicht aus der Inszenierung
Florian Holsboer: von Gustaf Gründgens, der Faust
Florian Holsboer: Inszenierung von Gustaf
Florian Holsboer: Gründgens.
Florian Holsboer: Da spielt sie die Nachbarin des
Florian Holsboer: Gretchens in der Domszene, und
Florian Holsboer: andere Namen, die mit Otto
Florian Holsboer: Falkenberg verbunden sind, ist
Florian Holsboer: Heinz Rühmann.
Florian Holsboer: Da muss man nichts dazu sagen.
Florian Holsboer: Oh hasse!
Florian Holsboer: Und die älteren Münchner können
Florian Holsboer: sie sicher auch noch an Calvary
Florian Holsboer: erinnern.
Daniela Holsboer: Und wo kam das Interesse deines Vaters für die Bühne her?
Florian Holsboer: Das weiß ich nicht genau.
Florian Holsboer: Seine Mutter war eine geborene Häberle, und die Häberles waren
Florian Holsboer: eine bekannte weitverzweigte Familie in Württemberg.
Florian Holsboer: Und ein Mitglied dieser Familie war die Elsa Häberle.
Florian Holsboer: Das war eine ganz berühmte Schauspielerin.
Florian Holsboer: Die spielte erst am Stuttgarter
Florian Holsboer: Hoftheater, später dann in Wien
Florian Holsboer: am Raimundtheater und war bis
Florian Holsboer: zum Ende ihrer Karriere dann
Florian Holsboer: fest angestellt am Wiener
Florian Holsboer: Burgtheater.
Florian Holsboer: Vielleicht kam es daher nicht schlecht.
Daniela Holsboer: München war ja jetzt die
Daniela Holsboer: Hauptstadt der Bewegung, also
Daniela Holsboer: ganz auf den Kurs des
Daniela Holsboer: Nationalsozialismus
Daniela Holsboer: ausgerichtet.
Daniela Holsboer: Wie hat sich das auf das
Daniela Holsboer: Berufsleben deines Vaters
Daniela Holsboer: ausgewirkt?
Daniela Holsboer: Ich stelle es mir jetzt nicht leicht vor.
Daniela Holsboer: Er war ja Schweizer und hätte theoretisch auch gehen können.
Florian Holsboer: Also Die kulturhistorische
Florian Holsboer: Bewertung des der Theaterarbeit
Florian Holsboer: meines Vaters kann ich nicht
Florian Holsboer: bewerten, aber ich habe
Florian Holsboer: natürlich viele persönliche
Florian Holsboer: Eindrücke.
Florian Holsboer: Auch das, was ich von Eltern und
Florian Holsboer: Bekannten und Freunden gehört
Florian Holsboer: habe, hat sich in seiner
Florian Holsboer: Theaterzeit nicht den dann den
Florian Holsboer: Ideen des Nationalsozialismus
Florian Holsboer: beugen müssen.
Florian Holsboer: Und das war so eine, ja so eine unterschiedliche Ebene.
Florian Holsboer: Nach vorne war natürlich
Florian Holsboer: München, die Hauptstadt der
Florian Holsboer: Bewegung.
Florian Holsboer: Aber nicht jeder blieb da auf dem Radar.
Florian Holsboer: Und mein Vater hatte, das hat er
Florian Holsboer: mir später erzählt, viele
Florian Holsboer: Freunde im Stadtrat, die ihn
Florian Holsboer: auch, wie man heute sagt,
Florian Holsboer: gecovert haben.
Florian Holsboer: Also sie haben ihm einen
Florian Holsboer: angemessenen Flankenschutz
Florian Holsboer: geboten.
Florian Holsboer: Und außerdem war der Spielplan
Florian Holsboer: meines Vaters überhaupt nicht
Florian Holsboer: geeignet, irgendwelche national
Florian Holsboer: patriotischen Themen
Florian Holsboer: aufzuwerfen.
Florian Holsboer: Und die Frage, warum man nicht in die Schweiz gegangen ist, Ja,
Florian Holsboer: die habe ich natürlich auch mir immer mal wieder gestellt.
Florian Holsboer: Da gibt es zwei Argumente.
Florian Holsboer: Eines ist Mein Vater wurde allein von seiner Mutter
Florian Holsboer: aufgezogen und das kam so Mein Großvater Florian Holsboer war
Florian Holsboer: der Sohn des berühmten Willem Jan Holsboer, der aus dem
Florian Holsboer: einfachen Dorf Davos dann ein mondänen Kurort gemacht hat.
Florian Holsboer: Die Lungensanatorien baute das Hotel Schatzalp, konzipierte und
Florian Holsboer: gestaltete, wo der berühmte Roman Thomas Mann spielt.
Florian Holsboer: Den Roman dazu hast du geschrieben.
Florian Holsboer: Der Zauber des Berges.
Florian Holsboer: Und wie es ja oft so ist, wenn
Florian Holsboer: große Väter Söhne haben, denen
Florian Holsboer: dann doch alles so zufliegt,
Florian Holsboer: dann haben sie einen anderen
Florian Holsboer: Lebensstil.
Florian Holsboer: Und mein Großvater Florian, der
Florian Holsboer: war wohl so ein richtiger
Florian Holsboer: Playboy, der mit dem Bugatti in
Florian Holsboer: der Gegend rumfuhr und eben auch
Florian Holsboer: haben.
Florian Holsboer: Baden Württemberg baden württembergischen Hof zu Gast,
Florian Holsboer: war dort gefallen an der Tochter des Kochs, fand diese Gefallen,
Florian Holsboer: führte dann dazu, dass mein Vater gezeugt wurde und zur Welt
Florian Holsboer: kam und für diesen jungen Florian Holsboer da waren erst
Florian Holsboer: Anfang, Mitte zwanzig, war das natürlich keine Perspektive.
Florian Holsboer: Er verließ sie und die Familie Holsboer.
Florian Holsboer: Der Schweizer Familie Holsboer
Florian Holsboer: hat dann meine Großmutter das,
Florian Holsboer: damit sie dort ihren Buben
Florian Holsboer: aufziehen kann, ein Haus
Florian Holsboer: überlassen.
Florian Holsboer: Dazu da, dass der Sohn von Wilhelm Holsboer, Florian
Florian Holsboer: Holsboer, starb, dann bei einem Autorennen in Paris.
Florian Holsboer: So habe ich das gehört.
Florian Holsboer: Und dann war meine Großmutter
Florian Holsboer: war so verwurzelt mit diesem
Florian Holsboer: Haus, und sie wollte auf gar
Florian Holsboer: keinen Fall dieses Haus
Florian Holsboer: verlassen.
Florian Holsboer: Und mein Vater wollte sie nicht schutzlos den Wirren der
Florian Holsboer: damaligen Zeit überlassen.
Florian Holsboer: Und das andere Argument war, dass natürlich die Menschen in
Florian Holsboer: dieser Zeit vom Nationalsozialismus später den
Florian Holsboer: Krieg schon sehr unterdrückt waren, und er wollte ihnen durch
Florian Holsboer: einen freudigen Theaterabend eben auch mal die Chance geben,
Florian Holsboer: eine Auszeit zu nehmen, mal andere Gedanken zu kommen.
Florian Holsboer: Und wenn man den Spielplan
Florian Holsboer: anschaut, das waren ja vor allem
Florian Holsboer: beschwingte Stücke.
Florian Holsboer: Und da war der von Nestroy, von
Florian Holsboer: Goldoni, von Lope de Vega und
Florian Holsboer: auch aber auch von Ludwig Thoma
Florian Holsboer: mit seinen beißenden Humor
Florian Holsboer: getränkten Einaktern aus dem
Florian Holsboer: bayerischen Milieu.
Florian Holsboer: Und und das natürlich auch.
Florian Holsboer: Karl Valentin war ein Freund meines Vaters, war ständiger
Florian Holsboer: Gast auf der Bühne.
Florian Holsboer: Also die Verantwortung gegenüber
Florian Holsboer: der geliebten Mutter und die
Florian Holsboer: Begeisterung eigenständig als
Florian Holsboer: Intendant eines wunderschönen
Florian Holsboer: Theaters an der Sonnenstraße
Florian Holsboer: diese dies den Mitbürgern zu
Florian Holsboer: bieten.
Florian Holsboer: Das hat dann dazu geführt, dass er in München geblieben ist.
Florian Holsboer: Übrigens ist sein Theater an der
Florian Holsboer: Sonnenstraße den Bomben zum
Florian Holsboer: Opfer gefallen.
Florian Holsboer: Er konnte dann in der
Florian Holsboer: Reitmorstraße weiter Theater
Florian Holsboer: spielen und zog dann, weil er
Florian Holsboer: die Familie mit der Familie
Florian Holsboer: Volkhardt befreundet war, in den
Florian Holsboer: Theatersaal des Bayerischen
Florian Holsboer: Hofs.
Florian Holsboer: Und dort wurde dann noch einige
Florian Holsboer: Zeit auch nach dem Krieg das
Florian Holsboer: Volkstheater gespielt, und
Florian Holsboer: später wurde es dann eine
Florian Holsboer: richtige Boulevardbühne.
Florian Holsboer: Und dort wird heute noch
Florian Holsboer: hervorragendes Boulevardtheater
Florian Holsboer: angeboten.
Daniela Holsboer: Und wie ging es nach dem Krieg
Daniela Holsboer: beruflich für deinen Vater
Daniela Holsboer: weiter?
Florian Holsboer: In der Nazizeit haben viele brillante Schauspieler
Florian Holsboer: Deutschland verlassen, und die kamen zum großen Teil auch
Florian Holsboer: wieder zurück, vor allem aus der Schweiz und aus Amerika.
Florian Holsboer: Die haben natürlich die Theaterszene sehr belebt.
Florian Holsboer: Aber für die, die da geblieben
Florian Holsboer: waren, wurde es dann ein
Florian Holsboer: bisschen schwieriger.
Florian Holsboer: Mein Vater hat dann zunächst
Florian Holsboer: nach dem Kriegsende noch das
Florian Holsboer: Volkstheater in den Gemäuern des
Florian Holsboer: Bayerischen Hofs weitergeführt,
Florian Holsboer: ging dann aber nach kurz nach
Florian Holsboer: Hamburg und dann zurück nach
Florian Holsboer: Zürich und das Züricher
Florian Holsboer: Schauspielhaus.
Florian Holsboer: Das muss man wissen.
Florian Holsboer: Das war damals das zentrale
Florian Holsboer: deutschsprachige Theater, das es
Florian Holsboer: gab.
Florian Holsboer: Dort hatten die wunderbaren
Florian Holsboer: Welterfolge von Max Frisch und
Florian Holsboer: Dürrenmatt.
Florian Holsboer: Das war deren Wiege dort, und es
Florian Holsboer: gab eine unglaublich gute Zahl,
Florian Holsboer: große Zahl hervorragender
Florian Holsboer: Schauspieler.
Florian Holsboer: Einer davon war Mario Adorf.
Florian Holsboer: Und als ich Jahrzehnte später
Florian Holsboer: mal Mario Adorf vorgestellt
Florian Holsboer: wurde, da sagt der Holsboer
Florian Holsboer: Sind Sie da Sohn von Wilhelm
Florian Holsboer: Holsboer?
Florian Holsboer: Ja, das war ein großartiger Kollege.
Florian Holsboer: Und es war natürlich für mich
Florian Holsboer: auch schön, dass er sich so eine
Florian Holsboer: große Persönlichkeit wie Mario
Florian Holsboer: Adorf so nach so langer Zeit
Florian Holsboer: sich noch an meinen Vater
Florian Holsboer: erinnern konnte.
Daniela Holsboer: Du hast deinen Vater sicher auch auf der Bühne erlebt.
Daniela Holsboer: Wie war das also?
Daniela Holsboer: Warst du stolz auf ihn?
Daniela Holsboer: Oder Manchmal sind einem die
Daniela Holsboer: Eltern ja sogar ein bisschen
Daniela Holsboer: peinlich.
Daniela Holsboer: Fandest du manche Rollen doof oder komisch?
Florian Holsboer: Ja, sicher habe ich meinen Vater auf der Bühne erlebt.
Florian Holsboer: Und er war ja auch ein Publikumsliebling.
Florian Holsboer: Ich war immer sehr stolz, wenn
Florian Holsboer: er dann Szenenapplaus hatte
Florian Holsboer: oder?
Florian Holsboer: Oder hinterher beim Verbeugen,
Florian Holsboer: dann der, der das Klatschen
Florian Holsboer: anschwoll.
Florian Holsboer: Das hat mir gut gefallen.
Florian Holsboer: Aber es gibt eine lustige Geschichte, die ich in dem
Florian Holsboer: Zusammenhang gerne erzähle.
Florian Holsboer: Und zwar spielte man im Residenztheater ein Ludwig Thoma
Florian Holsboer: Stück Die Medaille.
Florian Holsboer: Das ist eine Geschichte, wo ein
Florian Holsboer: verdienstvoller Beamter geehrt
Florian Holsboer: werden sollte mit einer
Florian Holsboer: Medaille.
Florian Holsboer: Und da sitzt man an einem großen
Florian Holsboer: langen Tisch und es gibt einen
Florian Holsboer: Haufen Essen drauf und natürlich
Florian Holsboer: Bier usw.
Florian Holsboer: Und in dieser Mischung aus
Florian Holsboer: Alkohol, Völlerei und
Florian Holsboer: Standesdünkel entsteht dann im
Florian Holsboer: fortschrittlichen,
Florian Holsboer: fortgeschrittenen Abend auch
Florian Holsboer: eine handfeste
Florian Holsboer: Wirtshausrauferei.
Florian Holsboer: Und mittendrin war mein Vater, der spielte den Dorfpfarrer und
Florian Holsboer: der versucht dann irgendwie das noch irgendwie da aufzupassen,
Florian Holsboer: dass das nicht zu schlimm wird.
Florian Holsboer: Auf alle Fälle hatte ich ein
Florian Holsboer: großes Interesse an diesem, an
Florian Holsboer: diesem Stück.
Florian Holsboer: Und frug mein Vater immer Wann
Florian Holsboer: spielt er denn wieder die
Florian Holsboer: Medaille?
Florian Holsboer: Mein Vater freute sich und wunderte sich über das Interesse
Florian Holsboer: des Sohnes am Theaterspielplan.
Florian Holsboer: Es hat aber eine ganz besondere Bewandtnis.
Florian Holsboer: Und zwar hatte ich
Florian Holsboer: herausgefunden, dass mein Vater
Florian Holsboer: oftmals nach dem Stück Medaille
Florian Holsboer: da ein Stück Braten im
Florian Holsboer: Eisschrank hatte.
Florian Holsboer: Das war übrig geblieben und das hatte mit nach Hause gebracht.
Florian Holsboer: Und wenn ich wusste, dass die Medaille gespielt wurde, dann
Florian Holsboer: bin ich in der Früh schnell an den Eisschrank, hat mir ein
Florian Holsboer: Stück von dem Braten stibitzt.
Florian Holsboer: Und das, als ich das dann als
Florian Holsboer: mein Vater das rausfand, hatte
Florian Holsboer: sich furchtbar gefreut und hat
Florian Holsboer: es dann auch dem Ensemble
Florian Holsboer: erzählt.
Florian Holsboer: Und fortan haben dann die dann
Florian Holsboer: die Ensemblemitglieder, immer
Florian Holsboer: sehr darauf geachtet, dass immer
Florian Holsboer: ein Stück Braten für den Buben
Florian Holsboer: übrig bleibt.
Daniela Holsboer: Das ist aber nett.
Daniela Holsboer: Siehst du, mein Vater wollte nur Ministrant werden, weil's am
Daniela Holsboer: Sonntag auf dem Wallberg oben immer Weißwurst gab.
Daniela Holsboer: Nach der Messe.
Florian Holsboer: Ja, das sind.
Florian Holsboer: Das sind natürlich jetzt schöne Nebeneffekte.
Daniela Holsboer: Also abgesehen von der Aussicht
Daniela Holsboer: auf gutes Essen hätte dein Vater
Daniela Holsboer: gewollt, dass du Schauspieler
Daniela Holsboer: wirst.
Florian Holsboer: Bei keinem anderen Thema hatte
Florian Holsboer: mein Vater eine so dezidierte,
Florian Holsboer: unverrückbare Meinung.
Florian Holsboer: Mein Sohn geht nicht ans Theater.
Florian Holsboer: Mein Sohn geht nicht zur Theater und Film.
Florian Holsboer: Aber es waren doch viele, auch Enttäuschungen.
Florian Holsboer: Nach dem rapiden Aufstieg als
Florian Holsboer: Intendant eines großen Theaters
Florian Holsboer: Anfang der dreißiger Jahre
Florian Holsboer: seiner dreißiger Jahre gab es
Florian Holsboer: doch dann noch viele Rückfälle
Florian Holsboer: und die große Filmrollen gingen
Florian Holsboer: nicht, weil er ja am Theater
Florian Holsboer: engagiert war.
Florian Holsboer: Die Bühne war sein geliebtes Metier, ohne Frage.
Florian Holsboer: Aber es war in dieser Zeit schon ein sehr schwieriges Pflaster,
Florian Holsboer: und das wollte er nicht, dass sein Sohn auch betritt.
Florian Holsboer: Nein, Schauspieler hätte ich nicht werden dürfen.
Daniela Holsboer: Also den Wunsch hast du deinem Vater definitiv erfüllt.
Daniela Holsboer: Du hast erzählt, dass er in seinen letzten Jahren als
Daniela Holsboer: Bühnenschauspieler nicht nur am Schauspielhaus Zürich tätig war,
Daniela Holsboer: sondern auch in Basel.
Daniela Holsboer: Warum jetzt Basel?
Florian Holsboer: Also die genauen Gründe weiss ich nicht.
Florian Holsboer: Er hatte sicher ein attraktives Angebot nach Basel, und es
Florian Holsboer: gefiel ihm auch dort sehr gut.
Florian Holsboer: Die Basler Wesensart, dieser
Florian Holsboer: ausgeprägte, ironisch spöttische
Florian Holsboer: Humor, ohne Weh zu tun, hat ihm
Florian Holsboer: sehr gefallen.
Florian Holsboer: Und die Basen sind auch sehr
Florian Holsboer: kunstsinnig und vor allem sehr
Florian Holsboer: lebenslustig.
Florian Holsboer: Stichwort Basler Fasnacht.
Florian Holsboer: Und dann sind sie auch Leute, die eher das Understatement
Florian Holsboer: pflegen, also Prunk und Protz.
Florian Holsboer: Das ist in Basel ganz unfein.
Florian Holsboer: Man zeigt nicht, was man hat.
Florian Holsboer: Das alles passte zu ihm.
Florian Holsboer: Und man muss auch sehen Er ist
Florian Holsboer: ja im alemannischen Kulturraum
Florian Holsboer: aufgewachsen, nämlich in einem
Florian Holsboer: württembergischen.
Florian Holsboer: Das gehört zum alemannischen
Florian Holsboer: Kulturkreis, genauso wie auch
Florian Holsboer: Basel zum alemannischen
Florian Holsboer: Kulturkreis gehört.
Florian Holsboer: Also da war schon eher so ein Mitschwingen.
Florian Holsboer: Zürich war da immer eher ein bisschen schroffer.
Daniela Holsboer: Und wie haben sich deine Eltern kennengelernt?
Florian Holsboer: Nun, es gab ja viele Fotoalben,
Florian Holsboer: die mir meine Mutter
Florian Holsboer: hinterlassen hat.
Florian Holsboer: Und dem kann ich entnehmen, dass sie schon auch gemeinsam Theater
Florian Holsboer: spielten Und das ist sehr wahrscheinlich, dass sich auch
Florian Holsboer: auf der Bühne kennengelernt hat.
Florian Holsboer: Nicht?
Florian Holsboer: Meine Mutter war ja früher in der Schauspielschule, ging dann
Florian Holsboer: an eine Bühne.
Florian Holsboer: Also da war sicher der Hauptgrund.
Florian Holsboer: Und die Stücke, die Sie spielten, waren auch typische
Florian Holsboer: Mann Frau Stücke, so der Mustergatte zum Beispiel.
Florian Holsboer: Den spielte sie viel mit meinem
Florian Holsboer: Vater, allerdings auch
Florian Holsboer: gelegentlich mit Heinz Rühmann,
Florian Holsboer: was meinem Vater nicht so gut
Florian Holsboer: gefallen hatte.
Florian Holsboer: Dann spielten Sie zusammen mit
Florian Holsboer: Hans Moser in dem Film Einmal
Florian Holsboer: der Herrgott sein, und einmal
Florian Holsboer: spielten sie in einem, in einem
Florian Holsboer: Farbfilm, damals einem der
Florian Holsboer: ersten Farbfilme, das weiße
Florian Holsboer: Abenteuer.
Florian Holsboer: Spielen Sie auch ein Ehepaar?
Florian Holsboer: Ich hatte übrigens auch mal einen kleinen Filmauftritt, wo
Florian Holsboer: meine Eltern spielten.
Florian Holsboer: Der Film hieß Auf Wiedersehen am Bodensee.
Florian Holsboer: Das war ein so großer wirtschaftlicher Misserfolg,
Florian Holsboer: dass man ihn dann auf Wiedersehen am Seeboden nannte.
Daniela Holsboer: Aber muss ich mal sehen, wenn du
Daniela Holsboer: da mitgespielt hast, Wusste ich
Daniela Holsboer: gar nicht.
Daniela Holsboer: Jetzt haben wir viel über deinen Vater gesprochen.
Daniela Holsboer: Aber was für eine Schauspielerin!
Daniela Holsboer: Also, was für ein Typ war deine Mutter?
Florian Holsboer: Meine Mutter war eine bildschöne, attraktive Frau.
Florian Holsboer: Heute würde man sagen sehr sexy.
Florian Holsboer: Also typisch so.
Florian Holsboer: Busen, Taille.
Florian Holsboer: Po. Also, dem Marilyn Monroe ideal nahe kommend.
Florian Holsboer: Sie war kokett, konnte so schön
Florian Holsboer: mit den Augen klimpern und auf
Florian Holsboer: unschuldig machen und damit den
Florian Holsboer: Männern verdrehen.
Florian Holsboer: Und gerade die Rolle der Margret in der im Mustergatten,
Florian Holsboer: die war ja auf den Leib geschrieben, wie auch die Rolle
Florian Holsboer: im weißen Abenteuer.
Daniela Holsboer: Kannst du näher beschreiben, um was es da geht?
Florian Holsboer: Also im Mustergatten geht es darum, dass ein sehr penibler,
Florian Holsboer: pedantischer, aber liebevoller Ehemann seiner Frau alles.
Florian Holsboer: Die Frau spielte meine Mutter, seine Frau, Alles.
Florian Holsboer: Jeden Wunsch von den Lippen abliest Und das langweilt sie,
Florian Holsboer: Aber sie flirtet lieber in der Gegend rum und und geht mit
Florian Holsboer: anderen Männern aus.
Florian Holsboer: Und das und erwähnt auch mal, dass sie sich trennen wollte.
Florian Holsboer: Und da der Mustergatte ist da ganz entsetzt und spricht mit
Florian Holsboer: seinem Freund darüber.
Florian Holsboer: Und der rät ihm nun, dass er
Florian Holsboer: auch mal jetzt mal mit anderen
Florian Holsboer: Frauen flirten sollte und auch
Florian Holsboer: mal mit anderen Frauen ausgehen
Florian Holsboer: sollte.
Florian Holsboer: Und das ist natürlich typisches Boulevardtheater.
Florian Holsboer: Dann kommt es zu
Florian Holsboer: Verdächtigungen, zu
Florian Holsboer: Verwechslungen.
Florian Holsboer: Ich fand, die Bühne hatte lauter zu.
Florian Holsboer: Türen gehen auf und zu, der Falsche kommt rein und raus.
Florian Holsboer: Also am Ende ist natürlich alles wieder gut.
Florian Holsboer: Typisches Pulver und weißen Abenteuer.
Florian Holsboer: Da spielt sie wieder, eine sehr
Florian Holsboer: lebenslustige Frau, die mit
Florian Holsboer: einem Handwerker verheiratet
Florian Holsboer: ist, der in der in der Winter
Florian Holsboer: Skisaison vor allem Skier
Florian Holsboer: repariert.
Florian Holsboer: Und weil sie jetzt durch die Touristen eben auch einen
Florian Holsboer: anderen Lebensstil kennenlernt und auch haben will und er nicht
Florian Holsboer: das Geld dafür hatte.
Florian Holsboer: Verwickelt er sich in den Drogenhandel.
Florian Holsboer: Das ist aber sehr naiv dargestellt.
Florian Holsboer: Da wird das weiße Pulver wird
Florian Holsboer: unter die Skibindungen gestopft
Florian Holsboer: und das.
Florian Holsboer: Das Ganze spielt an der Grenze
Florian Holsboer: und der Ski mitsamt dem weißen
Florian Holsboer: Pulver den Berg runtergeschoben
Florian Holsboer: und landet auf der anderen Seite
Florian Holsboer: der Grenze.
Florian Holsboer: Und am Ende wird dann auch wieder alles gut.
Florian Holsboer: Aber man muss auch sagen, das ist ein ernstes Thema.
Florian Holsboer: Aber das war schon sehr beschwingt.
Florian Holsboer: Und eben auch diese beschwingten
Florian Holsboer: Filme, die wollten die Menschen
Florian Holsboer: sehen, die wollten nicht dieses
Florian Holsboer: erzieherische, dauernd
Florian Holsboer: sozialkritische Themen
Florian Holsboer: einpflanzen.
Florian Holsboer: Der Filme, wie man sie heute im Tatort hat, immer so
Florian Holsboer: moralisierend erhobenen Zeigefinger, das hätte man
Florian Holsboer: damals nicht ertragen können.
Daniela Holsboer: Ja, schade, dass ich deine Mama nie kennenlernen konnte.
Daniela Holsboer: Aber jetzt gibt es noch was in
Daniela Holsboer: deiner Jugend, was man gar nicht
Daniela Holsboer: so vermutet.
Daniela Holsboer: Du warst Eiskunstläufer.
Daniela Holsboer: Da steht man ja auch auf einer Art Bühne.
Daniela Holsboer: Wie kam es jetzt dazu?
Florian Holsboer: Ja, meine Mutter bekam eine Rolle angeboten in einem
Florian Holsboer: sogenannten Eisrevue Film.
Florian Holsboer: Sie musste dazu auch ihre
Florian Holsboer: Eiskunstlauf Kenntnisse, die sie
Florian Holsboer: schon hatte, noch mal ordentlich
Florian Holsboer: aufpolieren und wusste nicht so
Florian Holsboer: recht wohin mit mir und kaufte
Florian Holsboer: mir daraus auch so einfache
Florian Holsboer: Schlittschuhe.
Florian Holsboer: Und da hing ich so mehr oder weniger wie so ein Kleiderbügel
Florian Holsboer: an der Bande und wusste nicht, wie das geht.
Florian Holsboer: Aber dann habe ich dann doch
Florian Holsboer: angefangen, ein bisschen das
Florian Holsboer: auszuprobieren.
Florian Holsboer: Und offenbar hatte ich so ein kleines Talent dafür.
Florian Holsboer: Und die Buben waren auch Mangelware.
Florian Holsboer: Man förderte das auch.
Florian Holsboer: Und da wurde dann, ganz
Florian Holsboer: allmählich wurde dann das
Florian Holsboer: Prinzregentenstadion.
Florian Holsboer: Ähm, das ist ja heute noch gibt.
Florian Holsboer: Und das Stadion in der Galerie
Florian Holsboer: Straße, die Unsölds Eisbahn
Florian Holsboer: wurde man so ein zweites
Florian Holsboer: Zuhause.
Florian Holsboer: Das ist übrigens eine ganz interessante Sache mit dem mit
Florian Holsboer: der unsäglichen Eisbahn.
Florian Holsboer: Unseld war der hatte eine
Florian Holsboer: Technik, wie man, wie man
Florian Holsboer: Kunsteis herstellt, weil es gab
Florian Holsboer: ja damals noch nicht einen
Florian Holsboer: Eisschrank, den man in die
Florian Holsboer: Steckdose steckt, sondern das
Florian Holsboer: war so ein Möbelstück mit zwei
Florian Holsboer: Fächern.
Florian Holsboer: Und in der Mitte war auch noch ein Schacht.
Florian Holsboer: In diesen Schacht steckte man dieses gefrorene Eis rein und
Florian Holsboer: das strahlte dann die Kälte auf beiden Seiten aus.
Florian Holsboer: Unten war ein Hahn, dann kam das
Florian Holsboer: geschmolzene Eis, also das
Florian Holsboer: Wasser raus.
Florian Holsboer: Und wenn dann nichts mehr kam das Eis weg und dann hat man
Florian Holsboer: wieder ein neues bestellt.
Florian Holsboer: Das wurde dann doch wieder reingeschmissen.
Florian Holsboer: Diese, diese Eisstangen, die
Florian Holsboer: mussten ja hergestellt werden
Florian Holsboer: und die brauchte man im Winter
Florian Holsboer: nicht.
Florian Holsboer: Da war es auch kalt.
Florian Holsboer: Also hat sich der Unseld
Florian Holsboer: gedacht, dann nutze ich doch
Florian Holsboer: diese Eismaschinen, um kleine
Florian Holsboer: Eisfläche herzustellen.
Florian Holsboer: Und diese Eisfläche war dann war
Florian Holsboer: viel kleiner als normale Als
Florian Holsboer: Plätze und hieß deswegen auch
Florian Holsboer: Schachteleis in der Galerie
Florian Holsboer: Straße.
Florian Holsboer: Das gibt es jetzt nicht mehr.
Daniela Holsboer: Und wie ging es dann weiter mit dem Eiskunstlauf?
Florian Holsboer: Ich kam dann in den Münchner Eislaufverein.
Florian Holsboer: Alles wurde strukturierter.
Florian Holsboer: Ich hatte einen festen Trainer.
Florian Holsboer: Das war der Vater von dem berühmten Manfred Schnelldorfer.
Florian Holsboer: Später kam ich zum Bundestrainer
Florian Holsboer: Erich Zeller in Garmisch
Florian Holsboer: Partenkirchen.
Florian Holsboer: Da mussten wir dann öfters am Wochenende hinfahren.
Florian Holsboer: Auch vom Ernst Baier bekam ich Eislaufunterricht.
Florian Holsboer: Der war gemeinsam mit seiner
Florian Holsboer: Ehefrau Maxi Herber neunzehn
Florian Holsboer: hundert sechs und dreißig am
Florian Holsboer: Partenkirchen Olympiasieger,
Florian Holsboer: Eiskunstlauf, Paarlaufen.
Florian Holsboer: Und später war ich dann bei
Florian Holsboer: einer Eislauflehrerin der Frau
Florian Holsboer: Brüning.
Florian Holsboer: Die nahm uns dann mit nach Davos zum Sommertraining während der
Florian Holsboer: Sommerferien und oder nach Bad Tölz zum Sommertraining.
Florian Holsboer: Mir wurde dann auch mit aller Bitterkeit klar.
Florian Holsboer: Ein großer Eiskunstläufer wirst du nicht.
Florian Holsboer: Ich war zwar neunzehn hundert ein und sechzig war ich
Florian Holsboer: Deutscher Jugendmeister geworden, in Oberstdorf, gerade
Florian Holsboer: mal mit fünfzehn Jahren.
Florian Holsboer: Aber es gab den Manfred
Florian Holsboer: Schnelldorfer, das war ein
Florian Holsboer: Riesentalent.
Florian Holsboer: Manfred Schnelldorfer hat alles
Florian Holsboer: gewonnen, war Deutscher Meister,
Florian Holsboer: Europameister, Weltmeister,
Florian Holsboer: Olympiasieger.
Florian Holsboer: Da, das war eine, eine Dimension, an die kam ich
Florian Holsboer: überhaupt nicht hin.
Florian Holsboer: Und immer nur in der zweiten, dritten Reihe stehen, das wollte
Florian Holsboer: ich auch nicht.
Florian Holsboer: Ich nahm dann noch einen Ausflug zum Paarlaufen, konnte übrigens
Florian Holsboer: ganz gut diese Hebefiguren.
Florian Holsboer: Und da muss man sich vorstellen, es ist gar nicht so einfach.
Florian Holsboer: Denn wenn man dann sein eigenes Gewicht zu irgendwie ein
Florian Holsboer: bisschen was über siebzig Kilo, dann die als Laufpartnerin hat,
Florian Holsboer: auch so mit allem drum und Dran, ein bisschen über fünfzig Kilo.
Florian Holsboer: Und unten steht man auf diesen Eislaufkufen, die die Fläche,
Florian Holsboer: die da auf dem Eis drauf ist, das sind ja Stiefel, immer nur
Florian Holsboer: ein paar Quadratzentimeter und da dann Drehungen machen und
Florian Holsboer: oben diese Frau zu halten.
Florian Holsboer: Also das war nicht einfach.
Florian Holsboer: Konnte man was passieren, wenn
Florian Holsboer: man da Fehler machte und die
Florian Holsboer: segelte darunter.
Florian Holsboer: Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe.
Florian Holsboer: Aber ich habe dann mit vier Jahren begonnen und mit zwei und
Florian Holsboer: zwanzig Jahren aufgehört.
Florian Holsboer: Es war eine großartige Zeit, aber dann war Schluss.
Florian Holsboer: Dann gab es andere Prioritäten.
Daniela Holsboer: Aber Jugendmeister mit 15 und insgesamt ja dann 18
Daniela Holsboer: Jahre auf dem Eis, ist trotzdem eine lange Zeit und sehr prägend
Daniela Holsboer: stelle ich mir das vor.
Florian Holsboer: Ja, das war ganz genau so, denn das ist ja auch wenn ich wusste,
Florian Holsboer: dass ich im Eis auf dem Eis Parkett nicht werde reüssieren
Florian Holsboer: können, war das doch für mich eine gute Zeit.
Florian Holsboer: Es war prägend.
Florian Holsboer: Man lernt Disziplin und man muss auch sehen, dass es eben auch
Florian Holsboer: für den Einzelläufer ein sehr schwieriger Sport ist.
Florian Holsboer: Einmal musste man ja diese, bis
Florian Holsboer: man dann bei so einem Sprung
Florian Holsboer: kommt.
Florian Holsboer: Also so ein so einen
Florian Holsboer: Doppelsprung, einen doppelten
Florian Holsboer: Rittberger irgendwo.
Florian Holsboer: Das war ewige Zeiten, dass man
Florian Holsboer: da, bis man, wie oft man dahin
Florian Holsboer: geflogen ist, bis man einmal
Florian Holsboer: auch so einen Sprung stehen
Florian Holsboer: konnte.
Florian Holsboer: Dann muss man musikalisch sein.
Florian Holsboer: Und dann muss man eine Riesenkondition haben.
Florian Holsboer: Denn seine Kür, die dauert ja so
Florian Holsboer: bei Männern in der oberen Klasse
Florian Holsboer: fünf Minuten.
Florian Holsboer: Und man kann sich das ja nicht einteilen wie ein Leichtathlet,
Florian Holsboer: sondern man muss dann immer mal sehr schnell laufen, dann wieder
Florian Holsboer: langsamer, eine Pirouette, da geht, bleibt die Luft weg, dann
Florian Holsboer: kommt wieder ein Sprung.
Florian Holsboer: Also das war auch von der Kondition her sehr
Florian Holsboer: herausfordernd, brauchte viel Fleiß und Geduld.
Florian Holsboer: Aber dann habe ich eben dann auch Schluss gemacht.
Florian Holsboer: Da war das Studium vorrangig.
Daniela Holsboer: Lass uns doch mal auf deine Schulzeit kommen.
Daniela Holsboer: Heute spricht man ja permanent
Daniela Holsboer: von Bildungsmisere, also
Daniela Holsboer: Stichwort Pisa.
Daniela Holsboer: Aber ich kann mir vorstellen,
Daniela Holsboer: dass es in der Nachkriegszeit
Daniela Holsboer: schon auch sehr viele Probleme
Daniela Holsboer: gab, oder?
Florian Holsboer: Das waren natürlich ganz andere Zeiten.
Florian Holsboer: Also ich wurde neunzehn hundert
Florian Holsboer: ein und fünfzig in die
Florian Holsboer: Bibelschule eingeschult.
Florian Holsboer: Das war in der Klasse waren das ein hundert zehn Schüler und nur
Florian Holsboer: ein hundert Bänke.
Florian Holsboer: Weil man davon ausging, dass nicht immer alle da sind.
Florian Holsboer: Das habe ich dann auch
Florian Holsboer: rausgefunden und auch davon
Florian Holsboer: Gebrauch gemacht.
Florian Holsboer: Ich wollte nämlich Maurer
Florian Holsboer: werden, denn die Bauintensität,
Florian Holsboer: gerade da auf dem Schulweg, die
Florian Holsboer: war enorm.
Florian Holsboer: Und diese Gerüste und die
Florian Holsboer: Maurer, das hat für mich eine
Florian Holsboer: enorme Anziehungskraft.
Florian Holsboer: Und die Interessen an der Schule, die waren sehr gering.
Florian Holsboer: Das ärgerte natürlich die damalige Klassenlehrerin.
Florian Holsboer: Ich weiß heute noch ihr Name, nämlich Fräulein, sagte man
Florian Holsboer: damals Fräulein Pfitzner und Fräulein Pfitzner bestellte also
Florian Holsboer: mein Vater ein und fing also dann doch, machte doch ihrem
Florian Holsboer: Ärger da etwas Luft und endete ihre Ihre Anschuldigung mit dem
Florian Holsboer: Satz Ich erwarte von meinen Kindern militärischen Gehorsam,
Florian Holsboer: da es meinem Vater sechs Jahre nach Kriegsende mein Vater der,
Florian Holsboer: dem es gelungen war, die ganze Nazizeit einen Krieg quasi unter
Florian Holsboer: dem Radar zu bleiben.
Florian Holsboer: Da habe ich sofort rausgenommen
Florian Holsboer: und in die Rudolf Steiner Schule
Florian Holsboer: gebracht damals.
Florian Holsboer: Vorher sagte man noch dazu die Waldorfschule.
Daniela Holsboer: Also ich kenne dich ja ein
Daniela Holsboer: bisschen und das mit der
Daniela Holsboer: Waldorfschule ist dann doch ein
Daniela Holsboer: bisschen ironisch, weil du ja
Daniela Holsboer: von derartigen alternativen
Daniela Holsboer: Ansätzen, also ich formuliere es
Daniela Holsboer: jetzt mal vorsichtig, nicht ganz
Daniela Holsboer: überzeugt ist.
Daniela Holsboer: Wie kam dein Vater auf die Idee, dich jetzt gerade auf die
Daniela Holsboer: Steinerschule zu schicken?
Daniela Holsboer: Oder hatte er vielleicht so
Daniela Holsboer: einen Hang zum
Daniela Holsboer: anthroposophischen Gedankengut?
Florian Holsboer: Also das weiß ich nicht genau,
Florian Holsboer: aber ich glaube nicht, dass er
Florian Holsboer: einen Hang zur Anthroposophie
Florian Holsboer: hatte.
Florian Holsboer: Also diese Spirituell nicht
Florian Holsboer: materiellen Dimension, die ja so
Florian Holsboer: ein höheres Wissen vermitteln
Florian Holsboer: will.
Florian Holsboer: Ich glaube, davon hielt er gar nichts.
Florian Holsboer: Aber er war in der Bar in Stuttgart, auch in der
Florian Holsboer: Waldorfschule und hatte auch gar keine andere Wahl.
Florian Holsboer: Es gab keine Alternativen in
Florian Holsboer: München und und er brachte mich
Florian Holsboer: dorthin und die nahmen mich auch
Florian Holsboer: auf.
Florian Holsboer: Und dann muss man sich vorstellen, das Ganze.
Florian Holsboer: Diese ganze Schule, das waren so Holzbauten auf einer Fläche,
Florian Holsboer: die, wo früher ein Haus stand.
Florian Holsboer: Das war so planiert.
Florian Holsboer: Und da standen also diese, diese
Florian Holsboer: Holzbauten, Fußboden, Holzwände,
Florian Holsboer: Holzdach, Holz.
Florian Holsboer: Und im Winter hatte man dort Eisenöfen.
Florian Holsboer: Nun muss man wissen, zu dieser
Florian Holsboer: Zeit gab es also bei Eisen sehr
Florian Holsboer: rar.
Florian Holsboer: Also die Wände von diesen Öfen waren sehr dünn, so dass wenn
Florian Holsboer: dann eine Zeit lang geheizt wurde, fingen die an zu glühen.
Florian Holsboer: Jetzt stelle man sich vor, was
Florian Holsboer: heute die Feuerwehr und das
Florian Holsboer: Kreisverwaltungsreferat sagen
Florian Holsboer: würde dass man in einem Holzhaus
Florian Holsboer: eine Schule betreibt, in dem im
Florian Holsboer: Winter ein glühender Eisenofen
Florian Holsboer: steht.
Florian Holsboer: Nicht vorstellbar.
Daniela Holsboer: Nein, absolut nicht.
Daniela Holsboer: Und war der kleine Florian als Schüler schon ein Überflieger?
Florian Holsboer: Nein, gar nicht.
Florian Holsboer: Es ging so leidlich.
Florian Holsboer: Ich hatte eben das Handicap,
Florian Holsboer: dass ich mich nicht gut
Florian Holsboer: konzentrieren konnte.
Florian Holsboer: Leicht ablenkbar war zum Beispiel.
Florian Holsboer: Später dann im Englischunterricht.
Florian Holsboer: Wenn man also erst ein Diktat
Florian Holsboer: bekam, das konnte ich prima,
Florian Holsboer: aber meistens fehlerfrei bei der
Florian Holsboer: Übersetzung, die war auch noch
Florian Holsboer: sehr gut.
Florian Holsboer: Die Nacherzählung war ein
Florian Holsboer: Fiasko, weil ich mir einfach
Florian Holsboer: nicht merken konnte, was der da
Florian Holsboer: erzählt hat und was man dann aus
Florian Holsboer: dem Gedächtnis niederschreiben
Florian Holsboer: musste.
Daniela Holsboer: Und und das wäre heute schon ADHS.
Florian Holsboer: Ja, also diese Aufmerksamkeitsdefizite in
Florian Holsboer: Verbindung mit Hyperaktivität, dafür steht ADHS ist natürlich
Florian Holsboer: eine Diagnose, die also aus meiner Sicht sehr häufig zu
Florian Holsboer: häufig gestellt wird.
Florian Holsboer: Meistens kommt die Diagnosen
Florian Holsboer: Vorschlag von Lehrern und die
Florian Holsboer: sind ja da auch nicht so die
Florian Holsboer: Experten.
Florian Holsboer: Und wenn ich lese, dass acht
Florian Holsboer: Prozent aller Buben eine ADHS
Florian Holsboer: haben sollten, dann habe ich
Florian Holsboer: meine Zweifel.
Florian Holsboer: Es wird ja schon inflationär
Florian Holsboer: gebraucht und sicher hat dabei
Florian Holsboer: eine Rolle gespielt, dass ich
Florian Holsboer: vom ersten Moment an im Leben
Florian Holsboer: immer sehr schlecht geschlafen
Florian Holsboer: habe.
Florian Holsboer: Vielleicht hat das auch etwas
Florian Holsboer: damit zu tun, dass meine Mutter,
Florian Holsboer: als sie mich trug, schon nicht
Florian Holsboer: schlafen konnte durch die
Florian Holsboer: Kriegseinwirkung.
Florian Holsboer: Und es ging bei mir ja auch nicht viel besser weiter.
Florian Holsboer: Und das habe ich heute noch.
Daniela Holsboer: Jetzt war die Steinerschule in
Daniela Holsboer: Schwabing, die Wohnung in
Daniela Holsboer: Bogenhausen, der Eisplatz im
Daniela Holsboer: Lehel.
Daniela Holsboer: Das ist jetzt nicht alles ganz um die Ecke.
Daniela Holsboer: Wie bist du dahin gekommen?
Daniela Holsboer: Also, wie warst du mobil?
Daniela Holsboer: Ich meine, du warst doch ein kleiner Junge.
Florian Holsboer: Ja, das war noch nicht so schlimm in den fünfziger Jahren.
Florian Holsboer: Die Straßen waren noch sicher.
Florian Holsboer: Man war gewohnt, zu Fuß zur Schule zu gehen.
Florian Holsboer: Und da, wo es ging, gab es auch
Florian Holsboer: schon ganz gut funktionierende
Florian Holsboer: Busverbindungen.
Florian Holsboer: Die Eltern waren allerdings viel auf Tournee und ich wurde dann.
Florian Holsboer: Ich sollte nicht immer bei der
Florian Holsboer: Oma untergebracht sein, sondern
Florian Holsboer: wurde dann auch zu Gastfamilien
Florian Holsboer: in Pension gegeben und das war
Florian Holsboer: dann familientig.
Florian Holsboer: Platz hatten.
Florian Holsboer: Und ich habe dann eine Matratze auf dem Boden gekriegt, meine
Florian Holsboer: Sachen drum herum und wurde dort versorgt und wurde dann auch,
Florian Holsboer: war auch behütet und das war natürlich nur immer woanders.
Florian Holsboer: Und das war eben einmal.
Florian Holsboer: Da war ich bei einer Gastfamilie in der Conradstraße.
Florian Holsboer: Das ist gar nicht weit weg von
Florian Holsboer: der Müllerstraße, wo die Schule
Florian Holsboer: ist.
Florian Holsboer: Aber ich hatte mich irgendwie verlaufen.
Florian Holsboer: Ich kam zu spät in die Schule.
Florian Holsboer: Und da war die Lehrerin also ganz überrascht und sagt Warum
Florian Holsboer: kommst du so spät?
Florian Holsboer: Da habe ich gesagt, Ich habe
Florian Holsboer: mich verlaufen, ich habe den Weg
Florian Holsboer: nicht gefunden.
Florian Holsboer: Da haben natürlich alle schallend gelacht, weil sie sagt
Florian Holsboer: Ihr kam ja immer von zu Hause.
Florian Holsboer: Da kann man dann plötzlich den Weg nicht mehr finden.
Florian Holsboer: Das hat dann schon ein bisschen wehgetan, aber.
Florian Holsboer: Aber so schlimm war es dann auch wieder nicht.
Daniela Holsboer: Ja, man spürt auch deinen Schmerz, wenn du das erzählst.
Daniela Holsboer: Und ist das auch ein Gefühl,
Daniela Holsboer: dass du mit deiner Kindheit
Daniela Holsboer: verbindest?
Daniela Holsboer: Also diese mangelnde
Daniela Holsboer: Geborgenheit oder in dem Fall
Daniela Holsboer: jetzt wirklich
Daniela Holsboer: Orientierungslosigkeit?
Florian Holsboer: Ja, das Geborgenheitsgefühl ist
Florian Holsboer: dann natürlich schon, wenn man
Florian Holsboer: da immer woanders ist und immer
Florian Holsboer: jemand anders auf einen
Florian Holsboer: aufpasst.
Florian Holsboer: Ist natürlich schon ein anderes Thema.
Florian Holsboer: Das war ja dann immer noch
Florian Holsboer: einige Wochen, manchmal auch
Florian Holsboer: einen Monat.
Florian Holsboer: Aber die Eltern waren halt nicht
Florian Holsboer: da und die habe ich dann oft
Florian Holsboer: schon auch vermisst, wenn ich
Florian Holsboer: von der Schule heimkam zum
Florian Holsboer: Beispiel und nach Hause in die
Florian Holsboer: Cuvilliésstraße kam.
Florian Holsboer: Dann zögerte ich oft am Klingelbrett, weil ich Angst
Florian Holsboer: hatte, dass ich, dass mir niemand aufmacht, weil niemand
Florian Holsboer: zu Hause ist.
Florian Holsboer: Und dann bin ich aber halt auch dann noch mal um den ganzen
Florian Holsboer: Block und habe mir immer Mut gefasst und geklingelt.
Florian Holsboer: Meistens war dann auch jemand da.
Daniela Holsboer: Und noch mal zurück zur Steinerschule.
Daniela Holsboer: Also das war dann wirklich ganz
Daniela Holsboer: anders als auf der normalen
Daniela Holsboer: Schule.
Florian Holsboer: Den Unterschied haben wir
Florian Holsboer: eigentlich nicht so
Florian Holsboer: wahrgenommen.
Florian Holsboer: Also die von Steiner vertretene
Florian Holsboer: Anthroposophie ist ja eine
Florian Holsboer: primär esoterische
Florian Holsboer: Weltanschauung.
Florian Holsboer: Da werden so naturwissenschaftliche Ansätze
Florian Holsboer: ganz raffiniert mit so raffiniert spirituellen
Florian Holsboer: magischen Ideen verknüpft.
Florian Holsboer: Für uns Kinder war das überhaupt kein Thema.
Florian Holsboer: Wir Buben fanden Eurythmie zum Beispiel.
Florian Holsboer: Das ist so eine Bewegungsform,
Florian Holsboer: die einem da mit Musik
Florian Holsboer: untermalt.
Florian Holsboer: So irgendwelche Zugang zu höheren Welten eröffnen sollten.
Florian Holsboer: Also wir wollten Fußball
Florian Holsboer: spielen, Das hat uns nicht
Florian Holsboer: interessiert.
Florian Holsboer: Heute ist Eurythmie übrigens als
Florian Holsboer: Therapieform weiterentwickelt
Florian Holsboer: worden.
Florian Holsboer: Für welche Indikation?
Florian Holsboer: Weiß ich nicht.
Florian Holsboer: Und ich will mir deswegen auch
Florian Holsboer: kein Urteil über die über die
Florian Holsboer: Qualität dieser Therapieformen
Florian Holsboer: erlauben.
Daniela Holsboer: Das ist das, wo man seinen Namen tanzt, oder?
Florian Holsboer: Daher ja auch.
Florian Holsboer: Ja, das ist alles so, ja.
Florian Holsboer: Also für so Buben in dem Alter
Florian Holsboer: ist das überhaupt nichts
Florian Holsboer: Interessantes.
Daniela Holsboer: Hast dir aber dann auch einen komplizierten Nachnamen
Daniela Holsboer: ausgesucht zum Tanzen.
Daniela Holsboer: Da geht wahrscheinlich Meier oder Müller leichter.
Daniela Holsboer: Gab es denn in der Schulzeit auch Freunde, die dich irgendwie
Daniela Holsboer: begleitet haben, geprägt haben?
Florian Holsboer: Beflügelt ja.
Daniela Holsboer: Auch.
Florian Holsboer: Ich war.
Florian Holsboer: Ich war ganz eng mit Rainer Werner Fassbinder befreundet,
Florian Holsboer: der in der gleichen Schule in der gleichen Klasse war.
Florian Holsboer: Und das war wirklich ein echter Freund und Verbündeter.
Florian Holsboer: Aber er war auch ein kleiner Teufel.
Florian Holsboer: Also es war ja so, dass mittags
Florian Holsboer: oft bei mir niemand zu Hause war
Florian Holsboer: und ich durfte dann zu Eltern
Florian Holsboer: anderer Mitschüler nach Hause
Florian Holsboer: zum Essen.
Florian Holsboer: Und wir fuhren da oft zu Rainers
Florian Holsboer: Mutter, die wohnte in der
Florian Holsboer: Zenettistraße.
Florian Holsboer: Das ist ziemlich weit weg, da muss man mit der Trambahn die
Florian Holsboer: ganze Lindwurmstraße hochfahren.
Florian Holsboer: Und da war das noch so, dass ich in jedem Trambahnwaggon war, ein
Florian Holsboer: Schaffner, bei dem man seine Fahrkarte gelöst hat.
Florian Holsboer: Und er legte sich immer mit dem Schaffner an, und das hat dann
Florian Holsboer: manchmal schon so die Dimension, dass die einen einfach im Zorn
Florian Holsboer: gesagt Du steigst jetzt aus.
Florian Holsboer: Und dann stand ich da in dem Bus
Florian Holsboer: oder in dem Trambahnwaggon und
Florian Holsboer: fuhr dann allein zur
Florian Holsboer: Zenettistraße.
Florian Holsboer: Und mittlerweile wusste ich, wo ich da aussteigen muss und
Florian Holsboer: wartete auf ihn.
Florian Holsboer: Er kam entweder dann angelaufen
Florian Holsboer: oder wenn er relativ früh
Florian Holsboer: rausgeschmissen wurde, mit der
Florian Holsboer: nächsten Bahn.
Florian Holsboer: Das war so, ich hatte immer.
Florian Holsboer: Später habe ich mir gedacht, vielleicht war das auch
Florian Holsboer: irgendwie schon in ihm drin.
Florian Holsboer: Solche Sozialexperimente auszuprobieren, was schlimm war.
Florian Holsboer: Plötzlich war der Rainer wie vom Erdboden verschwunden.
Florian Holsboer: Später habe ich erfahren, dass
Florian Holsboer: das damit zusammenhängt, dass
Florian Holsboer: seine Mutter an Tuberkulose
Florian Holsboer: erkrankt war und in eine Klinik
Florian Holsboer: musste.
Florian Holsboer: Und ein Sanatorium.
Florian Holsboer: Und sie wollte natürlich, dass
Florian Holsboer: ihr Sohn da nicht dann weiter in
Florian Holsboer: München bleibt.
Florian Holsboer: Wie soll denn das gehen?
Florian Holsboer: Ich habe nichts mehr von ihm gehört.
Florian Holsboer: Dann weiß man ja, dass er mit sieben und dreißig Jahren
Florian Holsboer: höchstwahrscheinlich an Drogen oder sonstigen Einwirkungen
Florian Holsboer: ungesunden gestorben war.
Florian Holsboer: Und wenn man bedenkt, dass er von Mitte zwanzig bis Anfang
Florian Holsboer: Mitte zwanzig bis sieben und dreißig, vierzig Filme gedreht
Florian Holsboer: hat, dann kommt einem vielleicht in den Sinn der van Gogh, der in
Florian Holsboer: zehn Jahren von sieben und zwanzig bis sieben und dreißig
Florian Holsboer: sein gesamtes malerisches, grandioses Werk geschaffen hat.
Florian Holsboer: Und vielleicht hatte auch diese Trennung was Gutes.
Florian Holsboer: Denn die Lebensweise, in die er
Florian Holsboer: dann hineingerutscht ist, in die
Florian Holsboer: hätte ich nicht auch
Florian Holsboer: hereinrutschen wollen.
Florian Holsboer: Es wäre für mich unpassend gewesen.
Florian Holsboer: Also ich musste gar nicht richtig abbiegen.
Florian Holsboer: Es hat sich irgendwie von selbst ergeben.
Daniela Holsboer: Du hast vorhin gesagt, dass du
Daniela Holsboer: deinen Fokus vom Eiskunstlauf
Daniela Holsboer: weg auf die Bildung richten
Daniela Holsboer: wolltest.
Daniela Holsboer: Aber du warst als Schüler ja
Daniela Holsboer: schon noch aktiv beim Sport und
Daniela Holsboer: hat sich das irgendwie
Daniela Holsboer: vertragen.
Daniela Holsboer: Ich stelle mir das also auch so dominant vor.
Daniela Holsboer: Man kennt es ja von jungen
Daniela Holsboer: Sportlern, dass sie eigentlich
Daniela Holsboer: kaum mehr Zeit haben zum Lernen
Daniela Holsboer: oder?
Daniela Holsboer: Und und.
Daniela Holsboer: Vor allem auch hast du dann deinen Abschluss gemacht auf der
Daniela Holsboer: Steinerschule oder wie war es?
Florian Holsboer: Ja, also zunächst mal ging der Eislaufsport weiter.
Florian Holsboer: Aber da muss man schon auch sagen, das war ein anderer Sport
Florian Holsboer: und eine andere Intensität.
Florian Holsboer: Eiskunstlauf war ein
Florian Holsboer: Wintersport, also dem betrieb
Florian Holsboer: man zwischen Ende Oktober bis
Florian Holsboer: Mitte März.
Florian Holsboer: Weil es da sonst nicht so kalt gewesen ist.
Florian Holsboer: Es ist nicht wie heute, wo man zwölf Monate eislaufen kann, und
Florian Holsboer: in dieser Zeit machte man das.
Florian Holsboer: Und das vertrug sich schon auch
Florian Holsboer: sowohl mit der Steinerschule als
Florian Holsboer: auch dann später mit der
Florian Holsboer: Oberschule.
Florian Holsboer: Und es war dann auch so, als ich dann zum Beispiel Deutscher
Florian Holsboer: Jugendmeister war, dann stand es auch in der Zeitung und man
Florian Holsboer: hatte sich irgendwie krank gemeldet, weil man war ja die
Florian Holsboer: Schule geschwänzt letztendlich.
Florian Holsboer: Aber da hat man schon auch ein Auge zugedrückt.
Florian Holsboer: Außerdem war die Oberschule auch
Florian Holsboer: die gleiche, in dem auch Manfred
Florian Holsboer: Schnelldorfer war.
Florian Holsboer: Und da hat man sich da schon besser arrangiert.
Florian Holsboer: In der Steinerschule von der Steinerschule hatte ich dann
Florian Holsboer: allerdings schon auch genug.
Florian Holsboer: Ich wollte.
Florian Holsboer: Mit zwölf Jahren wollte ich unbedingt da raus.
Florian Holsboer: Ich wollte in die, ins Gymnasium.
Florian Holsboer: Also diese anthroposophische Aura, das habe ich dann schon so
Florian Holsboer: mit zwölf, da merkt man das.
Florian Holsboer: Also das passt nicht zu mir.
Florian Holsboer: Ich hatte da andere
Florian Holsboer: Vorstellungen, das war mir zu
Florian Holsboer: verschwommen.
Florian Holsboer: Diese höheren Sphären und dieses ganze pseudoreligiöse Getue.
Florian Holsboer: Das war so gar nichts für mich.
Florian Holsboer: Da kam vielleicht auch schon die Neigung zum zur exakten
Florian Holsboer: Wissenschaft nach vorne.
Florian Holsboer: Es gab auch Veränderungen in der häuslichen Situation.
Florian Holsboer: Das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt.
Daniela Holsboer: Und was hatte sich verändert?
Florian Holsboer: Ja, die Situation hatte sich
Florian Holsboer: neunzehn hundert fünfzig oder
Florian Holsboer: Anfang neunzehn hundert fünfzig
Florian Holsboer: ganz allmählich immer mehr
Florian Holsboer: verändert.
Florian Holsboer: Und zwar will ich hier nicht über jemanden richten, aber es
Florian Holsboer: war schon sehr speziell.
Florian Holsboer: Also die Eltern hatten ja nun
Florian Holsboer: ganz unterschiedliche
Florian Holsboer: Biografien.
Florian Holsboer: Mein humorvoller, warmherziger Vater, den die Kollegen nannten
Florian Holsboer: ihn die wandelnde Inspiration.
Florian Holsboer: Er war hochgebildet, kreativ und auch sehr intelligent.
Florian Holsboer: Er kam neunzehn hundert fünf zur Welt.
Florian Holsboer: Und als er neun Jahre alt war, begann der Erste Weltkrieg.
Florian Holsboer: Nach dessen Ende blieben ihm
Florian Holsboer: gerade mal noch einundzwanzig
Florian Holsboer: Jahre, bis der Zweite Weltkrieg
Florian Holsboer: losbrach.
Florian Holsboer: Als es nach drei
Florian Holsboer: Nachkriegsjahren neunzehn
Florian Holsboer: hundert acht und vierzig wieder
Florian Holsboer: aufwärts ging, da blieben ihm
Florian Holsboer: gerade noch zehn Jahre, bis er
Florian Holsboer: nach langer, schwerer Krankheit
Florian Holsboer: starb.
Florian Holsboer: Das ist schon eine eine eine
Florian Holsboer: sehr belastete Lebenszeit
Florian Holsboer: gewesen, die er da verbracht
Florian Holsboer: hat.
Florian Holsboer: Und natürlich war er nicht der Einzige.
Florian Holsboer: Aber es hilft einem dann auch
Florian Holsboer: nichts, wenn es den anderen auch
Florian Holsboer: schlecht geht.
Florian Holsboer: Und ich erinnere mich, dass er in den Zeiten, in denen er in
Florian Holsboer: München spielte, schon oft auch geschwächt im Bett lag.
Florian Holsboer: Ich saß dann an seiner Bettkante und wir redeten über alles
Florian Holsboer: Mögliche, vor allem über Bücher.
Florian Holsboer: Das war seine Leidenschaft.
Florian Holsboer: Über Karl May, über Fußball, was
Florian Holsboer: halt ein Buch in dem Alter da
Florian Holsboer: interessiert.
Florian Holsboer: Und wenn man sich vorstellt, was er da alles durchgemacht hat.
Florian Holsboer: Dieser humorvolle Komödiant.
Florian Holsboer: Dann kann man sich schon auch
Florian Holsboer: vorstellen, dass er mit dem
Florian Holsboer: Schicksal haderte und immer
Florian Holsboer: wieder mal auch den Lebensmut
Florian Holsboer: verlor.
Daniela Holsboer: Und im Rückblick jetzt als
Daniela Holsboer: Experte, hatte er eine
Daniela Holsboer: Depression.
Florian Holsboer: Also ich hatte natürlich damals
Florian Holsboer: überhaupt keine Ahnung von
Florian Holsboer: Psychiatrie und Diagnosen, die
Florian Holsboer: man bei Menschen nach vielen
Florian Holsboer: Jahren stellt.
Florian Holsboer: Das ist natürlich schon spekulativ.
Florian Holsboer: Sicher war vieles situativ ausgelöst.
Florian Holsboer: Aber wenn man an die Phasen denkt, in denen er sich
Florian Holsboer: zurückgezogen hat, keinen Antrieb hatte und sogar ganz
Florian Holsboer: gegen seine Natur auch Kontakte mied, dann weist das schon auf
Florian Holsboer: eine Depression hin.
Florian Holsboer: Aber genau kann ich das nicht sagen.
Daniela Holsboer: Und was macht dich da unsicher?
Florian Holsboer: Ob das, woran ich mich erinnere,
Florian Holsboer: beobachtet zu haben, tatsächlich
Florian Holsboer: der damaligen Realität
Florian Holsboer: entsprochen hat?
Florian Holsboer: Das weiß ich ja nicht.
Florian Holsboer: Er hatte außerdem eine Nierenerkrankung.
Florian Holsboer: Die kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern diese sogenannte
Florian Holsboer: nephrotisches Syndrom, wo allmählich die Niere, so dass
Florian Holsboer: sich Gewebe so verändert, dass sie einfach ihre ihre Aufgabe
Florian Holsboer: nicht mehr erfüllen kann.
Florian Holsboer: Das hat sich ja über Jahre hingezogen und das schwächt sie.
Florian Holsboer: Ja, das macht auch, das drückt auch auf die Stimmung.
Florian Holsboer: Dann hat er eine Gallenerkrankung, dann war er
Florian Holsboer: einfach mit seiner Lebenssituation nicht glücklich.
Daniela Holsboer: Und die Liebe zu deiner Mutter hat dir geholfen.
Florian Holsboer: Mein Vater war die große Liebe ihres Lebens, aber sie hat eine
Florian Holsboer: ganz andere Lebensgeschichte.
Florian Holsboer: Es ist neunzehn hundert neunzehn
Florian Holsboer: zur Welt gekommen, also der
Florian Holsboer: Krieg war gerade vorbei, aber es
Florian Holsboer: wütete in Deutschland noch die
Florian Holsboer: Spanische Grippe.
Florian Holsboer: Nicht nur in Deutschland, ganz Europa.
Florian Holsboer: Allein in Deutschland starben
Florian Holsboer: vier hundert tausend Menschen an
Florian Holsboer: der Spanischen Grippe in dieser
Florian Holsboer: Zeit.
Florian Holsboer: Die Nazis kamen an die Macht, als sie vierzehn Jahre alt war.
Florian Holsboer: Und es gab damals schon auf die
Florian Holsboer: kleinen Kinder gerichtete
Florian Holsboer: Manipulationen.
Florian Holsboer: Man achtete auch darauf, dass sie, dass sie der
Florian Holsboer: Staatshörigkeit zugewandt sind.
Florian Holsboer: Und wenn, wenn jemand in
Florian Holsboer: Verdacht war, nicht linientreu
Florian Holsboer: zu sein, dann wurde er an
Florian Holsboer: Meldestellen gemeldet.
Florian Holsboer: Diese Meldestellen waren anonym.
Florian Holsboer: Also diese, diese, diese
Florian Holsboer: Infiltration mit dieser
Florian Holsboer: nationalsozialistischen
Florian Holsboer: Ideologie.
Florian Holsboer: Die begannen dann sehr früh und
Florian Holsboer: belastete die Jugend solche
Florian Holsboer: Mädel auch.
Florian Holsboer: Sie musste im Bund deutscher Mädels eintreten, also der
Florian Holsboer: weiblichen Abteilung der Hitlerjugend, ging auf die
Florian Holsboer: Schauspielschule, absolvierte dies und als sie zwanzig war,
Florian Holsboer: begann der Zweite Weltkrieg.
Florian Holsboer: Als sie fünf und zwanzig war,
Florian Holsboer: hat sie meinen Vater
Florian Holsboer: kennengelernt.
Florian Holsboer: Mit den fünf und zwanzig war sie
Florian Holsboer: schwanger und als der Krieg
Florian Holsboer: vorbei war, kam ich auf die
Florian Holsboer: Welt.
Florian Holsboer: Da war diese junge, schöne Frau voller Lebenslust.
Florian Holsboer: Neugierig.
Florian Holsboer: Sie wollte hinaus.
Florian Holsboer: Sie wollte die Welt
Florian Holsboer: kennenlernen, andere Sprachen
Florian Holsboer: kennenlernen.
Florian Holsboer: Vielleicht auch andere Männer kennen.
Florian Holsboer: Was weiß ich.
Florian Holsboer: Auf alle Fälle war das eine sehr schwere Zeit.
Florian Holsboer: Und dann traf sie bei einer Filmangelegenheit in Bad
Florian Holsboer: Reichenhall Filmleute und die zu einem gemeinsamen Essen.
Florian Holsboer: Und neben ihr saß der berühmte
Florian Holsboer: Filmproduzent Günter
Florian Holsboer: Stapenhorst.
Florian Holsboer: Nun sprach sie da mit ihm, und
Florian Holsboer: sie sprach immer auch mit den
Florian Holsboer: Händen, warf ein Weinglas um das
Florian Holsboer: Weinglas, ergoss sich über die
Florian Holsboer: Hosen von Günter Stapenhorst und
Florian Holsboer: dann das, natürlich mit seiner
Florian Holsboer: großartigen Nonchalance
Florian Holsboer: schmunzelnd entgegen.
Florian Holsboer: Dann sprachen sie weiter, und
Florian Holsboer: als sie fertig waren mit dem
Florian Holsboer: Essen, das gab eine Forelle
Florian Holsboer: blau.
Florian Holsboer: Dann fragte sie ihn, ob sie denn nicht seine Fischhaut haben
Florian Holsboer: könnte, und da hat er dann schon gestaunt, gab ihr die Fischhaut.
Florian Holsboer: Die aß sie dann auch zu seinem Erstaunen und fand Gefallen an
Florian Holsboer: ihr und hat sich dann mit ihr öfters mal verabredet.
Florian Holsboer: Und ja, aus diesen Verabredungen wurde dann eben auch mehr.
Florian Holsboer: Und eines Tages hat er dann zur großen Verwunderung sie gefragt,
Florian Holsboer: ob sie sich ein Leben an seiner Seite vorstellen könnte.
Florian Holsboer: Das würde er anbieten und.
Daniela Holsboer: Und dein Vater war geschockt.
Florian Holsboer: Ja, also ich glaube, meine Mutter hat das gegenüber meinem
Florian Holsboer: Vater ein bisschen heruntergespielt, denn so hat
Florian Holsboer: sie mir das erzählt.
Florian Holsboer: Der Vater dachte, das ist
Florian Holsboer: vielleicht auch gar nicht
Florian Holsboer: schlecht, wenn da so ein Kontakt
Florian Holsboer: zu dem berühmten Filmproduzenten
Florian Holsboer: besteht.
Florian Holsboer: Und es hat sich ja dann auch
Florian Holsboer: bewahrheitet, dass man da etwas
Florian Holsboer: etwas Günstiges daraus machen
Florian Holsboer: kann.
Florian Holsboer: So drehte er zum Beispiel einen
Florian Holsboer: Film neunzehn hundert drei und
Florian Holsboer: fünfzig, der hieß Das
Florian Holsboer: Lachkabinett.
Florian Holsboer: Das war eine Zusammenstellung von Einaktern von Karl Valentin.
Florian Holsboer: Mein Vater hat die Regie dazu
Florian Holsboer: geführt und die Rahmenhandlung
Florian Holsboer: geschrieben.
Florian Holsboer: Dass daraus mehr werden könnte,
Florian Holsboer: daran hat mein Vater nicht im
Florian Holsboer: Entferntesten gedacht.
Florian Holsboer: Günter Stapenhorsts war fast vierzig Jahre älter als Sie.
Florian Holsboer: Genauer gesagt sieben und dreißig Jahre älter.
Florian Holsboer: Hatte drei Kinder, die alle drei
Florian Holsboer: älter waren als meine Mutter und
Florian Holsboer: war mit einer adligen Frau
Florian Holsboer: verheiratet, einer Gräfin zu
Florian Holsboer: Brockdorff also.
Florian Holsboer: Dass daraus mehr werden könnte
Florian Holsboer: als gelegentliche gemeinsame
Florian Holsboer: Ausgänge, auf die Idee kam er
Florian Holsboer: nicht.
Florian Holsboer: Allerdings hat sich das dann
Florian Holsboer: dann doch etwas anders
Florian Holsboer: entwickelt, denn diese diese ja
Florian Holsboer: diese Beziehung zu dem Günter
Florian Holsboer: Stapenhorst.
Florian Holsboer: Die nahm dann schon mehr Gestalt
Florian Holsboer: an und so Die Harmonie zwischen
Florian Holsboer: meinem Vater und meiner Mutter
Florian Holsboer: war dahin.
Florian Holsboer: Man stritt sich oft.
Florian Holsboer: als es kriselte, wie man heute sagen würde.
Florian Holsboer: Und mein Vater war sehr viel
Florian Holsboer: unterwegs, war sehr wenig in
Florian Holsboer: München und meine Mutter zog
Florian Holsboer: dann in die Delpstraße in
Florian Holsboer: Bogenhausen zu dem Günther
Florian Holsboer: Stapenhorst, und mein Vater
Florian Holsboer: blieb in der Cuvilliésstraße
Florian Holsboer: wohnen.
Daniela Holsboer: Und wo hast du gewohnt?
Florian Holsboer: Ja, ich hatte weiter mein
Florian Holsboer: Kinderzimmer in der
Florian Holsboer: Cuvilliésstraße.
Florian Holsboer: Aber das war auch mein, sozusagen mein Hauptwohnsitz.
Florian Holsboer: Da kamen auch manchmal andere Frauen.
Florian Holsboer: Und die Großmutter wohnt ja auch immer noch mit ihrem Partner.
Florian Holsboer: Also ich pendelte sozusagen und benutzte in der Delpstraße ein
Florian Holsboer: Zimmer, das eigentlich der Ehefrau von Günther Stapst, also
Florian Holsboer: der Gräfin, zugedacht war.
Florian Holsboer: Die kam aber selten, höchstens so zwei, drei Mal im Jahr.
Florian Holsboer: Wenn sie von ihrem Sommerwohnsitz in ihren
Florian Holsboer: Winterwohnsitz pendelte, blieb es einige Tage in München.
Florian Holsboer: Und Den Rest der Zeit nutzte ich dieses Zimmer.
Florian Holsboer: Muss man sich vorstellen, dass
Florian Holsboer: bestand ein kleines Zimmer aus
Florian Holsboer: einem sehr schönen von dem
Florian Holsboer: berühmten deutschen Werkstätten,
Florian Holsboer: die es ja nicht mehr gibt
Florian Holsboer: gebauten Bett, einem dazu
Florian Holsboer: passenden Schrank und einem
Florian Holsboer: Schminktisch.
Florian Holsboer: Der Schminktisch bestand aus
Florian Holsboer: einem großen Spiegel, einer
Florian Holsboer: Glasfläche mit Schubladen, und
Florian Holsboer: am Spiegel waren seitlich an
Florian Holsboer: Scharnieren so kleinere Spiegel,
Florian Holsboer: die man so hin und her klappen
Florian Holsboer: konnte.
Florian Holsboer: Also nicht unbedingt der ideale
Florian Holsboer: Schreibtisch für einen jungen
Florian Holsboer: Buben, der ohnehin
Florian Holsboer: Konzentrationsprobleme hat.
Florian Holsboer: Und wenn die Gräfin nach München
Florian Holsboer: kam, um dieses Zimmer zu
Florian Holsboer: beziehen, dann kam Tage vorher
Florian Holsboer: die Dekorateure von den Bavaria
Florian Holsboer: Filmstudios und richteten das
Florian Holsboer: Zimmer wieder so her, wie die
Florian Holsboer: Gräfin es verlassen hatte, damit
Florian Holsboer: sie nicht merkt, dass eigentlich
Florian Holsboer: die meiste Zeit da ein kleiner
Florian Holsboer: Bub wohnt.
Florian Holsboer: Ich glaube, das hat sie schon
Florian Holsboer: gemerkt, aber das war eine
Florian Holsboer: vornehme adlige Dame, die da
Florian Holsboer: einfach kein Aufhebens davon
Florian Holsboer: machen wollte.
Daniela Holsboer: Also es klingt auf jeden Fall sehr speziell.
Daniela Holsboer: In Bayern könnte man auch sagen
Daniela Holsboer: ein bisserl nach gschlamperten
Daniela Holsboer: Verhältnissen.
Daniela Holsboer: Aber wie fanden die Männer, also die beiden Männer, den
Daniela Holsboer: Balanceakt deiner Mutter?
Florian Holsboer: Nun, das waren andere Zeiten.
Florian Holsboer: Alles war freizügiger und nach den Entbehrungen und Zwängen des
Florian Holsboer: Krieges arrangierte man sich.
Florian Holsboer: Für mich war das nicht belastend.
Florian Holsboer: Für mich war eines immer wichtig
Florian Holsboer: Ich spürte immer die Liebe
Florian Holsboer: meiner Eltern.
Florian Holsboer: Die spürte ich auch, wenn sie nicht um mich herum waren.
Florian Holsboer: Das ist auch etwas Wichtiges,
Florian Holsboer: dass diese, diese Kontinuität da
Florian Holsboer: ist.
Florian Holsboer: Da ist nicht immer an Präsenz gebunden.
Florian Holsboer: Unkonventionell war aber eines
Florian Holsboer: schon auch für die damalige
Florian Holsboer: Zeit.
Florian Holsboer: Aus der gegenseitigen Wertschätzung von Günther
Florian Holsboer: Stapenhorst an meinem Vater wurde allmählich eine echte,
Florian Holsboer: eine echte Männerfreundschaft.
Florian Holsboer: Also ich hatte zwei Väter, eine war vierzig und einer war drei
Florian Holsboer: und sechzig Jahre älter.
Florian Holsboer: Ich liebte beide, aber meinen leiblichen Vater war ich etwas
Florian Holsboer: mehr emotional verbunden.
Daniela Holsboer: Und waren sich die Männer
Daniela Holsboer: irgendwie ähnlich oder ganz
Daniela Holsboer: unterschiedlich?
Florian Holsboer: Also sie hätten
Florian Holsboer: unterschiedlicher nicht sein
Florian Holsboer: können.
Florian Holsboer: Mein Vater war klein, etwas
Florian Holsboer: untersetzt, ein Meter vier und
Florian Holsboer: sechzig, groß und ein Komödiant,
Florian Holsboer: hatte, wie oft Humoristen auch
Florian Holsboer: eine melancholische Seite,
Florian Holsboer: manchmal aufbrausen, aber sehr
Florian Holsboer: liebevoll.
Florian Holsboer: Der Stiefvater, ähm ich nannte ihn nicht so, für mich war er
Florian Holsboer: immer der Onkel Günther oder?
Florian Holsboer: Der Onkel starb.
Florian Holsboer: Ähm, das war ein Marine Office Soldat.
Florian Holsboer: Er war Admiralstabsoffizier aus dem engeren Kreise des Kreises.
Florian Holsboer: Er gehörte zur Entourage.
Florian Holsboer: Und er konnte so wunderbar
Florian Holsboer: diesen näselnden Kasernenhof
Florian Holsboer: nachmachen.
Florian Holsboer: Wenn man diesen näselnden Kasernenhofton beherrschte, Dann
Florian Holsboer: gehörte man auch sozusagen zur Oberschicht der Gesellschaft im
Florian Holsboer: Kaiserreich Wilhelm des Zweiten.
Florian Holsboer: Und was natürlich auch
Florian Holsboer: bewundernswert war, der sah toll
Florian Holsboer: aus.
Florian Holsboer: Also groß, blond, blauäugig.
Florian Holsboer: Also so, wie man sich so ein so
Florian Holsboer: ein Admiralstabsoffizier
Florian Holsboer: vorstellt.
Florian Holsboer: Wie aus dem Bilderbuch.
Florian Holsboer: Ja, er hatte auch etwas Tolles, was uns als Kinder sehr gefiel.
Florian Holsboer: Nämlich.
Florian Holsboer: Er hatte einen Seemannsgang.
Florian Holsboer: Nun muss man sich vorstellen, es
Florian Holsboer: ist ja nicht so ein so ein
Florian Holsboer: Marineschiff, das ist ja nicht
Florian Holsboer: wie ein wie so ein wie so großer
Florian Holsboer: Passagierkreuzer, sondern das
Florian Holsboer: schwankt enorm.
Florian Holsboer: Und damit man da ordentlich
Florian Holsboer: gehen kann, gewöhnt man sich an
Florian Holsboer: das immer.
Florian Holsboer: Damit das Schiff hochgeht, geht man mit dem Knie auf der Seite
Florian Holsboer: nach und streckt das andere durch und umgekehrt, so dass man
Florian Holsboer: dann, so sagt es mit den Knien, die Schiffsbewegung ausgleicht.
Florian Holsboer: Nun war natürlich in München
Florian Holsboer: kein schwankendes Schiff unter
Florian Holsboer: den Füßen.
Florian Holsboer: Er hat aber immer noch diesen
Florian Holsboer: Seemannsgang und es sah toll aus
Florian Holsboer: und wir haben es dann auch
Florian Holsboer: nachgemacht.
Florian Holsboer: Und so weiter.
Florian Holsboer: Also der Mann war total diszipliniert.
Florian Holsboer: Wenn eine Frau an den Tisch kam, dann stand er auf.
Florian Holsboer: Wenn sie den Tisch verlassen hat, stand er auf.
Florian Holsboer: Er hielt ihr einen Mantel.
Florian Holsboer: Dann machte er am Auto die Tür auf.
Florian Holsboer: Er wusste genau, wann man einer
Florian Holsboer: Frau den Vortritt lässt oder
Florian Holsboer: wann man selber vorausgehen
Florian Holsboer: muss.
Florian Holsboer: Das waren halt diese, diese diese hohe Bildungsniveau und
Florian Holsboer: verheiratet mit einer Gräfin.
Florian Holsboer: Die wird dann schon auch den
Florian Holsboer: Rest beigebracht haben und war
Florian Holsboer: sehr lebenserfahren, sprach
Florian Holsboer: fließend Englisch und
Florian Holsboer: Französisch.
Florian Holsboer: Er stammt ja aus dem Elsass, da war man zweisprachig und immer
Florian Holsboer: hat jemand zum Anlehnen vielleicht in dieser Zeit für
Florian Holsboer: meine Mutter genau das Richtige.
Daniela Holsboer: Also ich kenne ihn ja auch nur von Fotos.
Daniela Holsboer: Er sieht wirklich toll aus.
Daniela Holsboer: Also man kann da eine Mutter
Daniela Holsboer: durchaus verstehen und ich
Daniela Holsboer: bekomme das ja auch in unserem
Daniela Holsboer: Leben mit.
Daniela Holsboer: Also sehe das an deinem
Daniela Holsboer: Verhalten, dieser Habitus seines
Daniela Holsboer: Stiefvaters.
Daniela Holsboer: Also ein anderer Begriff wäre
Daniela Holsboer: wahrscheinlich auch Gentleman,
Daniela Holsboer: Den gibt es ja heute leider
Daniela Holsboer: nicht mehr und ich glaube, das
Daniela Holsboer: hatte ich schon sehr geprägt,
Daniela Holsboer: oder?
Florian Holsboer: Ja, man muss sich das vorstellen.
Florian Holsboer: Ich wuchs zunächst in einem recht unübersichtlichen
Florian Holsboer: bourgeoisen Künstlermilieu auf.
Florian Holsboer: So nach dem Motto Anything goes any time.
Florian Holsboer: Zumindest sah es von außen so aus.
Florian Holsboer: Erst später, durch den Stabi,
Florian Holsboer: bekam ich so ein
Florian Holsboer: Koordinatensystem.
Florian Holsboer: Und das gab mir einen großen
Florian Holsboer: Halt im Umgang mit Freunden, im
Florian Holsboer: Umgang mit, später dann auch mit
Florian Holsboer: den Kommilitonen.
Florian Holsboer: Er war ein großes Vorbild, stets ruhig, und wenn er sagte, das
Florian Holsboer: gehört sich nicht, dann war das für mich Alarmstufe Rot.
Florian Holsboer: Das reichte vollkommen.
Florian Holsboer: Sein Urteil war für mich eine Kompassnadel.
Florian Holsboer: Auch als er nicht mehr lebte,
Florian Holsboer: habe ich mir immer gedacht Was
Florian Holsboer: würde der Stab jetzt sagen und
Florian Holsboer: machen?
Florian Holsboer: Und hatte damit auch eine Orientierung.
Florian Holsboer: Das war ein großes Privileg, und für ihn war ich auch eine.
Florian Holsboer: Eine?
Florian Holsboer: Ein Sohn.
Florian Holsboer: Er hat sehr viel auf sich
Florian Holsboer: genommen, gerade auch durch den
Florian Holsboer: Eiskunstlaufsport.
Florian Holsboer: Das war.
Florian Holsboer: Man musste ja immer irgendwo hinfahren.
Florian Holsboer: Und da fuhr er auch immer mit und unterstützte mich dabei.
Florian Holsboer: Aber das Krasseste war ich hatte
Florian Holsboer: damals ein kleines Chemielabor
Florian Holsboer: im Keller, an einem Fenster in
Florian Holsboer: einem typischen Fensterschacht
Florian Holsboer: oberhalb von dem Fensterschacht
Florian Holsboer: war das Fenster seines
Florian Holsboer: Schlafzimmers.
Florian Holsboer: Nun weiß jeder, wenn man so Chemieversuche macht, da riecht
Florian Holsboer: es also nicht immer gut.
Florian Holsboer: Und das hat er einfach ertragen.
Florian Holsboer: Er hat ja.
Florian Holsboer: Ja, wenn der Florian das so machen will, das muss ich dann
Florian Holsboer: eben sagte mal auffrischen.
Florian Holsboer: Und das war schon.
Florian Holsboer: Also er war schon sehr, sehr, sehr toll.
Daniela Holsboer: Ich kann es mir vorstellen, aber es gab ja auch viele
Daniela Holsboer: Schattenseiten deiner Jugend.
Daniela Holsboer: Du hast vorhin ja schon erwähnt,
Daniela Holsboer: dein Vater war dann ziemlich
Daniela Holsboer: krank.
Daniela Holsboer: Wie war dann die Familiendynamik in der Zeit zwischen deinen
Daniela Holsboer: Eltern, zwischen deinen beiden Vätern und dir.
Florian Holsboer: Die gute Beziehung zwischen den
Florian Holsboer: beiden Männern wurde immer
Florian Holsboer: wichtiger.
Florian Holsboer: Er hat ja diese Nierenerkrankung.
Florian Holsboer: Da war es mit Eiweißverlust verbunden.
Florian Holsboer: Er musste salzarme Diät nehmen
Florian Holsboer: und war auch einfach sehr oft
Florian Holsboer: sehr müde.
Florian Holsboer: Und Günther Stappenhorst half ihm dann mit kleinen Rollen.
Florian Holsboer: Er hatte immer irgendwo irgendeinen Film am Drehen und
Florian Holsboer: hat dann so kleine Rollen für ihn einbauen lassen, damit er
Florian Holsboer: wieder in seinem Metier arbeiten konnte, damit er sich wieder
Florian Holsboer: fühlte wie früher.
Florian Holsboer: Eine kurze Zeit zumindest.
Florian Holsboer: Und dass er auch ein bisschen mehr Geld verdiente.
Florian Holsboer: Das war ja auch sehr wichtig.
Daniela Holsboer: Das zeugt aber wirklich von Größe.
Daniela Holsboer: Ich nehme mal an, beide Männer haben deine Mutter ja geliebt.
Daniela Holsboer: Und das alles war ja jetzt noch in Bogenhausen, oder?
Daniela Holsboer: Also für alle nicht Münchner, die uns zuhören.
Daniela Holsboer: Kurz zur Erklärung Das ist auch heute noch eines der schönsten
Daniela Holsboer: Viertel der Stadt.
Florian Holsboer: Ja, wir wohnten zunächst in Bogenhausen in der heutigen
Florian Holsboer: Delpstraße in einer Doppelhaushälfte zur Miete.
Florian Holsboer: Günther wollte aber ein eigenes Haus und baut dann auf einem
Florian Holsboer: Grundstück, das er in unmittelbarer Nähe von der
Florian Holsboer: Pferderennbahn Riem erworben hatte, baute er in aller Eile
Florian Holsboer: ein Fertighaus hin mit einer hübschen Terrasse, und auf
Florian Holsboer: dieser Terrasse saßen die beiden Männer bis tief in die Nacht.
Florian Holsboer: Wenn mein Vater das schaffte und diskutierten über die großen,
Florian Holsboer: die kleinen Dinge in der Welt und die menschliche Größe von
Florian Holsboer: meinem Onkel starb, war, als er merkte, dass es meinem Vater
Florian Holsboer: immer schlechter ging und dass es sich abzeichnete, dass er
Florian Holsboer: nicht mehr wieder gesund werde.
Florian Holsboer: Dann bot er ihm an, bei uns in Riem zu wohnen.
Florian Holsboer: Wir hatten dort ein Gästezimmer und das bezog dann mein Vater.
Daniela Holsboer: Ich spürte auch viel Heilsamkeit.
Daniela Holsboer: Also trotz dieser Tragik, und
Daniela Holsboer: ich glaube, das hatte ich auch
Daniela Holsboer: durch diese Zeit getragen, also
Daniela Holsboer: das Vertrauen, dass auch
Daniela Holsboer: schwierige oder ungewöhnliche
Daniela Holsboer: Konstellationen funktionieren.
Daniela Holsboer: Also ich denke jetzt zum Beispiel auch an dein gutes
Daniela Holsboer: Verhältnis mit deiner ersten Frau Edith, die ja auch wirklich
Daniela Holsboer: wie eine Freundin ist, auch mich gleich ins Herz geschlossen hat.
Daniela Holsboer: Auch das ist nicht
Daniela Holsboer: selbstverständlich, aber
Daniela Holsboer: wunderschön.
Daniela Holsboer: Und und und.
Daniela Holsboer: Ich glaube schon, dass einen das prägt.
Daniela Holsboer: Ja, dass man das dann eben auch
Daniela Holsboer: selber in seinem eigenen Leben
Daniela Holsboer: kultivieren kann.
Daniela Holsboer: Aber jetzt hast du ein wichtiges Stichwort gesagt Pferderennbahn.
Daniela Holsboer: Pferde.
Daniela Holsboer: Erzähl mal!
Daniela Holsboer: Also, du hast als Jugendlicher.
Daniela Holsboer: Wie alt warst du da jetzt?
Daniela Holsboer: Ungefähr.
Daniela Holsboer: Dann Stallluft geschnuppert und für uns ist es ja auch heute
Daniela Holsboer: noch ein Geheimnis.
Daniela Holsboer: Nicht ein geheimes, sondern ein
Daniela Holsboer: gemeinsames Hobby, der
Daniela Holsboer: Galopprennsport.
Daniela Holsboer: Was fasziniert dich am Pferd, am Vollblut ganz besonders?
Daniela Holsboer: Nimm uns da mal mit auf einen einen Tag im Stall.
Daniela Holsboer: Damals als Kind.
Florian Holsboer: Mein Onkel starb.
Florian Holsboer: Wir hatte drei Rennpferde.
Florian Holsboer: Ich weiß den Namen noch.
Florian Holsboer: Der eine hieß Lach mal, Der stammte aus dem Gestüt Ebbesloh,
Florian Holsboer: das es heute noch gibt.
Florian Holsboer: Ein anderes hieß Spitzbub und wo ich nicht mehr weiß, wo es
Florian Holsboer: herkam und eines hieß hatte diesen unsäglichen Namen Wespe.
Florian Holsboer: Und die stammte aus dem Gestüt Isarland.
Florian Holsboer: Das ist leider leider so nicht mehr gibt.
Florian Holsboer: Ich trieb mich viel im Rennstall rum.
Florian Holsboer: Ich durfte da Pferde putzen und den Mist aus dem Stall holen.
Florian Holsboer: Und das war alles.
Florian Holsboer: Bei einem ganz bekannten Trainer in München, dem Charly Seifert.
Florian Holsboer: Und ich durfte auch reiten auf die ruhigeren Pferde.
Florian Holsboer: Und ich hatte ja keine Reiterfahrung, aber ich hatte
Florian Holsboer: sehr starke Oberschenkel.
Florian Holsboer: Und wenn ich mich da auf ein
Florian Holsboer: Pferd setzte und die anzog, dann
Florian Holsboer: hatte ich zumindest das Gefühl,
Florian Holsboer: dass ich mit diesem, mit diesem
Florian Holsboer: Krafteinsatz mir irgendwie bei
Florian Holsboer: dem Pferd einen gewissen Respekt
Florian Holsboer: verschaffe.
Florian Holsboer: Also ich habe natürlich war nie ein guter Reiter, aber es hat
Florian Holsboer: mir riesig Spaß gemacht.
Florian Holsboer: Es ist ein grandioses Gefühl,
Florian Holsboer: wenn man zu einem hochsensiblen
Florian Holsboer: Vollblutpferd gegenübersteht.
Florian Holsboer: Einfach ganz ruhig begegnet und
Florian Holsboer: man spürt, dass dieses Pferd so
Florian Holsboer: viel wahrnimmt und so viel
Florian Holsboer: Emotionen hat.
Florian Holsboer: Auch wenn es nicht so diese
Florian Holsboer: Emotionen so zeigen kann, wie
Florian Holsboer: zum Beispiel ein Hund, der auf
Florian Holsboer: einem rumspringt und mit dem
Florian Holsboer: Schwanz wedelt.
Florian Holsboer: Das kann das Pferd ja sehr viel
Florian Holsboer: weniger, wenn nicht überhaupt
Florian Holsboer: gar nicht.
Florian Holsboer: Und damals war auch, muss ich
Florian Holsboer: sagen, in Riem sehr viel mehr
Florian Holsboer: los.
Florian Holsboer: Es waren viel mehr Pferde im Training.
Florian Holsboer: Die Rennpreise waren gemessen am
Florian Holsboer: Geldwert besser und es gab sehr
Florian Holsboer: viel mehr.
Florian Holsboer: Renntages war von Frühjahr bis Spätherbst, war jeden zweiten
Florian Holsboer: Samstag oder Sonntag Pferderennen in München Riem.
Florian Holsboer: Und das hat leider etwas abgenommen.
Florian Holsboer: Aber ich hoffe, dass ich aus dem, was es jetzt im
Florian Holsboer: Pferderennsport gibt, wieder eine Keimzelle entwickelt, dass
Florian Holsboer: das wieder besser wird, so wie es in anderen Ländern ja auch
Florian Holsboer: eine hohe Priorität hat.
Florian Holsboer: Denkt man in Frankreich, denkt man an England.
Florian Holsboer: In den Rennstall hineingehen konnte ich nach dem vierzehnte
Florian Holsboer: Lebensjahr nicht mehr, weil mein Asthma immer schlimmer wurde.
Florian Holsboer: Die die Medikamente, die es heute gibt, die gab es eben
Florian Holsboer: damals noch nicht.
Florian Holsboer: Heute nehme ich diese
Florian Holsboer: Medikamente und kann mich wieder
Florian Holsboer: frei und voll Freude im
Florian Holsboer: Rennstall bewegen.
Florian Holsboer: Heute haben wir selber ein
Florian Holsboer: Rennpferd und haben viel Freude
Florian Holsboer: am Erfolg.
Florian Holsboer: Man muss aber auch tapfer sein
Florian Holsboer: und leidensfähig sein, denn es
Florian Holsboer: gibt auch im Pferdesport eben
Florian Holsboer: auch viel Hoffnung, aber auch
Florian Holsboer: viel Enttäuschungen.
Daniela Holsboer: Ja, ich glaube, die Queen hat
Daniela Holsboer: mal gesagt Pferderennsport ist
Daniela Holsboer: neunzig Prozent Frustration und
Daniela Holsboer: zehn Prozent Freude, aber die
Daniela Holsboer: zehn Prozent machen es wieder
Daniela Holsboer: wett.
Daniela Holsboer: Und es ist natürlich ein Hobby,
Daniela Holsboer: das wir beide ganz besonders
Daniela Holsboer: lieben.
Daniela Holsboer: Also für mich ist es auch so eine weiche, warme
Daniela Holsboer: Pferdeschnauze, so eine ganz besondere Form von Glück.
Daniela Holsboer: Aber noch einmal kurz zurück zu der doch sehr speziellen
Daniela Holsboer: Situation bei dir zu Hause.
Daniela Holsboer: Also dein Vater wurde schwer
Daniela Holsboer: krank und zog dann ein bei
Daniela Holsboer: deiner Mutter und dem ihrem
Daniela Holsboer: Lebenspartner.
Daniela Holsboer: Und dann?
Daniela Holsboer: Wie ging das dann weiter?
Florian Holsboer: Ja, also ich werde den Tag nie
Florian Holsboer: vergessen, als mein Vater wegen
Florian Holsboer: schlechter Laborwerte und
Florian Holsboer: Erschöpfung in die Klinik
Florian Holsboer: musste.
Florian Holsboer: Meine Mutter fuhr ihren Wagen vor.
Florian Holsboer: Mein Vater ging aus dem Haus zu dem Wagen und drehte sich noch
Florian Holsboer: mal um und winkte dem Haus zu.
Florian Holsboer: Ich hatte das beobachtet und plötzlich hatte ich das schlimme
Florian Holsboer: Gefühl, ich würde meinen Vater nicht mehr wiedersehen.
Florian Holsboer: Das war dann auch so Er starb am vierzehnte Juni neunzehn hundert
Florian Holsboer: neun und fünfzig.
Florian Holsboer: Meine Mutter war gerade mal
Florian Holsboer: vierzig Jahre alt, und entgegen
Florian Holsboer: ihrer leichtlebigen Natur war
Florian Holsboer: sie dann doch mehr in sich
Florian Holsboer: gekehrt.
Florian Holsboer: Ähm, nicht mehr so, so spontan.
Florian Holsboer: Und dann bekam sie auch noch eine Krebserkrankung.
Florian Holsboer: Musste wegen der operiert werden.
Florian Holsboer: Es war für sie eine sehr, sehr schwere Zeit.
Florian Holsboer: In der Zwischenzeit war auch die Ehefrau von Günther Stapenhorst
Florian Holsboer: gestorben und ich dachte, nun heiraten die beiden.
Florian Holsboer: Das war aber nicht so, es war irgendwie eine eine Situation.
Florian Holsboer: Ich kann mir die gar nicht
Florian Holsboer: anders erklären, als dass meine
Florian Holsboer: Mutter in einer sehr speziellen
Florian Holsboer: Weise meinem Vater auch über den
Florian Holsboer: Tod hinaus die Treue halten
Florian Holsboer: wollte.
Florian Holsboer: Sie hatte natürlich immer was am Laufen.
Florian Holsboer: Da gibt es eine nette Anekdote
Florian Holsboer: Ich hatte, als sie siebzig Jahre
Florian Holsboer: werden sollte, am siebte März,
Florian Holsboer: da wollte ich für sie eine
Florian Holsboer: Geburtstagsfeier arrangieren und
Florian Holsboer: habe saß mit großen Zettel bei
Florian Holsboer: ihr und wollten alle Freunde
Florian Holsboer: aufschreiben.
Florian Holsboer: Da wurde sie immer wortkarger und sagte Ja, aber der darf da
Florian Holsboer: nicht kommen, weil der weiß noch nicht, dass ich schon siebzig
Florian Holsboer: werde und der darf den auf keinen Fall treffen.
Florian Holsboer: Wenn der das erfährt Usw.
Florian Holsboer: Also um es kurz zu machen, Ich hätte mit diesem.
Florian Holsboer: Mit dieser gemeinsamen
Florian Holsboer: Geburtstagseinladung Ihr
Florian Holsboer: Netzwerk sehr gestört und sodass
Florian Holsboer: wir dann Ihren Geburtstag in
Florian Holsboer: mehreren kleinen Gruppen
Florian Holsboer: feierten.
Florian Holsboer: Und ja, so war sie halt.
Daniela Holsboer: Und wie war das so mit einer koketten Mama?
Florian Holsboer: Naja, ich.
Florian Holsboer: Ich fand das gut.
Florian Holsboer: Ich dachte mir, wenn sich so viele Männer um sie bemühen,
Florian Holsboer: dann ist es auch für ihr Ego gut und konnte auch nicht anders.
Florian Holsboer: Sie musste flirten.
Florian Holsboer: Aber so so, diese Flirtbereitschaft hat mich
Florian Holsboer: erinnert an ein.
Florian Holsboer: An eine.
Florian Holsboer: An ein Zitat von der wunderbaren Schauspielerin der Französin
Florian Holsboer: Catherine Deneuve, die über ihren Filmpartner Marcello
Florian Holsboer: Mastroianni sagte Der Marcello muss immer flirten, und wenn
Florian Holsboer: niemand da ist, dann flirtet er eben im Türpfosten.
Florian Holsboer: Und ich glaube, so, in dieser Weise kann man das auch auf
Florian Holsboer: meine Mutter anwenden.
Florian Holsboer: Also die Turbulenzen bekam ich schon auch am Rande mit.
Florian Holsboer: Also zum Beispiel hatte ich mein mein Zimmer im Obergeschoss und
Florian Holsboer: drunter war das Schlafzimmer meiner Mutter und da hat es mal
Florian Holsboer: geklingelt und plötzlich rumpelt es da unten.
Florian Holsboer: Da stieg ein Mann bei ihr aus dem Zimmer raus.
Florian Holsboer: Also das waren schon.
Florian Holsboer: Das waren schon Situationen.
Daniela Holsboer: Weil der nächste schon.
Florian Holsboer: Ja, das weiß ich nicht genau.
Florian Holsboer: Aber auf alle Fälle war das schon.
Florian Holsboer: Also schon eigenartig.
Daniela Holsboer: Jetzt war dein Stiefvater.
Daniela Holsboer: Ja, und das ist eine erstaunliche Parallele zu uns.
Daniela Holsboer: Deutlich älter als deine Mutter.
Daniela Holsboer: Wann ist Günther Stappen Horst gestorben?
Daniela Holsboer: Er hat ja auch ein beachtliches Lebenswerk hinterlassen.
Florian Holsboer: Also, Günter Stapenhorsts starb am zweiten februar neunzehn
Florian Holsboer: hundert sechs und siebzig.
Florian Holsboer: Er wäre also jetzt fünfzig Jahre
Florian Holsboer: tot, im Alter von drei und
Florian Holsboer: neunzig Jahren bei bester
Florian Holsboer: geistiger Verfassung.
Florian Holsboer: Allerdings hatte er doch einige körperliche Beschwerden, aber
Florian Holsboer: die trug er mit Fassung und war halt da, also recht robust.
Florian Holsboer: Nun zum Lebenswerk.
Florian Holsboer: Er hatte ja eigentlich drei Leben.
Florian Holsboer: Da muss ich etwas ausholen.
Florian Holsboer: Zunächst war er ja Fähnrich und
Florian Holsboer: ging dann in die Kadettenschule,
Florian Holsboer: die quasi die Vorbereitung für
Florian Holsboer: die Offizierslaufbahn zur See
Florian Holsboer: ist.
Florian Holsboer: Er wurde dann Korvettenkapitän
Florian Holsboer: und war bei der legendären
Florian Holsboer: größten Seeschlacht des Ersten
Florian Holsboer: Weltkriegs das Kagera Gschlacht,
Florian Holsboer: die an der Südküste Norwegens
Florian Holsboer: gewesen.
Florian Holsboer: Da traf die Royal Navy der Engländer mit der Hochseeflotte
Florian Holsboer: der Deutschen zusammen.
Florian Holsboer: Da starben 6000
Florian Holsboer: britische Soldaten und zwei
Florian Holsboer: tausend fünf hundert deutsche
Florian Holsboer: Soldaten bei der Schlacht von
Florian Holsboer: Skagerrak.
Florian Holsboer: Einen Sieger gab es eigentlich gar nicht, aber die Leistung des
Florian Holsboer: des des des Korvettenkapitäns Günther starb muss.
Florian Holsboer: Die hat dann auch dazu geführt,
Florian Holsboer: dass er Admiralstabsoffizier
Florian Holsboer: wurde und der Entourage des
Florian Holsboer: Kaiser Wilhelm dem Zweiten
Florian Holsboer: zugeordnet wurde.
Florian Holsboer: Nach dem Frieden von Versailles
Florian Holsboer: neunzehn hundert neunzehn wurde
Florian Holsboer: von den selbst ernannten
Florian Holsboer: Siegermächten bestimmt, dass das
Florian Holsboer: Lieblingskind des Kaisers
Florian Holsboer: dezimiert werden musste, nämlich
Florian Holsboer: die Marine, und zwar massiv
Florian Holsboer: dezimiert.
Florian Holsboer: Und einer derer, die für diese Dezimierung zuständig war, war
Florian Holsboer: auch Günter Stapenhorst.
Florian Holsboer: Und er tat etwas, was vielleicht
Florian Holsboer: heute nicht jeder täte Er hat
Florian Holsboer: als allerersten sich selbst
Florian Holsboer: entlassen, um von dem Verdacht
Florian Holsboer: frei zu sein, dass er jetzt hier
Florian Holsboer: alle entlässt und dann selber
Florian Holsboer: auf dem warmen Sessel bleiben zu
Florian Holsboer: können.
Florian Holsboer: Nun, als das dann abgeschlossen
Florian Holsboer: war, er konnte ja nichts anderes
Florian Holsboer: als mit dem Schiff rumfahren,
Florian Holsboer: trat er der Handelsmarine bei
Florian Holsboer: und hat dann einige Zeit Handel
Florian Holsboer: getrieben zwischen Russland und
Florian Holsboer: Deutschland.
Florian Holsboer: Und dann kam der dritte Abschnitt, wo ich den Übergang
Florian Holsboer: nie ganz verstanden habe.
Florian Holsboer: Er ging nach England und
Florian Holsboer: interessierte sich plötzlich für
Florian Holsboer: die Filmindustrie.
Florian Holsboer: Nach einiger Zeit kam er dann nach Deutschland und wurde kamen
Florian Holsboer: die Ufa in Babelsberg, Potsdam.
Florian Holsboer: Und man muss wissen, Babelsberg war so das Hollywood Europas.
Florian Holsboer: Da war sehr viel da.
Florian Holsboer: In den zwanziger Jahren waren alle die tollen Filme dort.
Florian Holsboer: Er sollte dann.
Florian Holsboer: Später wurde er beauftragt, eine
Florian Holsboer: eigene Produktionsgruppe zu
Florian Holsboer: gründen und damals dominierte
Florian Holsboer: die Produktionsgruppe von Erich
Florian Holsboer: Pommer.
Florian Holsboer: Stichwort Das waren Filme wie
Florian Holsboer: Metropolis, genialer Film, ein
Florian Holsboer: wirtschaftlicher Misserfolg
Florian Holsboer: übrigens, und das sollte wieder
Florian Holsboer: wettgemacht werden.
Florian Holsboer: Und man holte extra von Josef von Sternberg aus
Florian Holsboer: Amerika, um einen Film mit Marlene Dietrich zu drehen.
Florian Holsboer: Der blaue Engel.
Daniela Holsboer: Das kennt jeder.
Florian Holsboer: Eine Verfilmung des Romans von Heinrich Mann.
Florian Holsboer: Und das war schon eine große Zeit.
Florian Holsboer: Und Günter starb.
Florian Holsboer: Horst hat dann auch wunderbare
Florian Holsboer: Filme gedreht, zum Beispiel von
Florian Holsboer: Erich Kästner, Emil und die
Florian Holsboer: Detektive.
Florian Holsboer: Die erste Verfilmung dieses Themas.
Florian Holsboer: Und dann Flüchtlinge mit Hans Albers.
Florian Holsboer: Da muss man dazu sagen Er hat Hans Albers entdeckt.
Florian Holsboer: Und zwar waren Hans Albers vorher in Sankt Pauli bei einer
Florian Holsboer: solcher Akrobatikgruppe, so eine Art Untermann, wo alle Leute
Florian Holsboer: dann aufeinander aufspringen und dann so eine Pyramide bilden.
Florian Holsboer: Und unten stand Hans Albers, und er sah den lernte mein Onkel
Florian Holsboer: Günther kennen und dachte, der muss vor die Kamera und trete
Florian Holsboer: dann mit ihm viele, viele Filme und, äh, ja, und dann kam die
Florian Holsboer: Nazizeit immer näher und.
Florian Holsboer: Erich Pommer war Jude, musste gehen und übrig blieb Günter.
Florian Holsboer: Starb.
Florian Holsboer: Horst, der nun so aussah, wie man sich einen arischen
Florian Holsboer: Prototypen vorstellt und wurde eingeladen von Goebbels.
Florian Holsboer: Der war Reichspropagandaminister, und
Florian Holsboer: als solcher fühlte er sich auch zuständig für das Filmschaffen.
Florian Holsboer: Onkel Günther ging also dann da zum Goebbels, Da saß auch Adolf
Florian Holsboer: Hitler mit am Tisch.
Florian Holsboer: Und diese beiden, die sahen nun, ganz im Gegensatz zum Zoo, zum
Florian Holsboer: Stabi nicht so aus, wie man sich das arische Idealbild vorstellt,
Florian Holsboer: um es mal vorsichtig zu sagen, und forderten von ihm, dass er
Florian Holsboer: nun dieses Filmschaffen in der Ufa auf Linientreue bringt Und
Florian Holsboer: der Günter hörte sich das alles an, er ging dann zurück und
Florian Holsboer: drehte dann so einen Film, wo das so einigermaßen passte, aber
Florian Holsboer: ihm passte das nicht länger.
Florian Holsboer: Und die, äh der Goebbels war
Florian Holsboer: dann auch immer unzufriedener
Florian Holsboer: mit ihm, hat ihn dann als
Florian Holsboer: Amphitryon.
Florian Holsboer: Ein Film, der die erste Film war, der so sehr viel Filmtricks
Florian Holsboer: anwandte, hat dann öffentlich, äh, den Stapenhorst runtergemacht,
Florian Holsboer: indem man gesagt hat, das ist ein schlechter Film.
Florian Holsboer: Er vermischt alle möglichen Stilrichtungen, und das passte
Florian Holsboer: alles nicht mehr richtig.
Florian Holsboer: Man forderte ihn dann auch auf, der NSDAP beizutreten.
Florian Holsboer: Das wollte er nicht und packte seine Familie und ging
Florian Holsboer: schnurstracks nach England, drehte dort auch Filme mit Lilli
Florian Holsboer: Palmer und ging dann von England zurück nach in die Schweiz.
Florian Holsboer: Und in der Schweiz hat er dann auch eine Filmfirma gegründet.
Florian Holsboer: Einer seiner ersten Filme dort war mit Luis Trenker.
Florian Holsboer: Wer kennt ihn nicht?
Florian Holsboer: Der Berg ruft.
Florian Holsboer: Ein ikonischer Film und interessanterweise einen
Florian Holsboer: sozialkritischen Film, in dem die bis dahin völlig unbekannte
Florian Holsboer: sechzehn jährige Maria Schell eine Filmrolle hatte.
Daniela Holsboer: Ohne an eine Rückkehr dachte er nicht.
Florian Holsboer: Nein, überhaupt nicht.
Florian Holsboer: Er hatte wunderbare Beziehungen in der Schweiz.
Florian Holsboer: Er war erfolgreich im Filmemachen.
Florian Holsboer: Er hat auch einen Filmvertrieb aufgebaut, der dann weiter in
Florian Holsboer: Österreich vonstatten ging.
Florian Holsboer: Und er hatte auch gute Freunde, zunächst in England in zum
Florian Holsboer: Beispiel den Emeric Pressburger, mit dem er viel
Florian Holsboer: zusammengearbeitet hat, auch schon in der Ufa.
Florian Holsboer: Und der Emeric Pressburger war eine ganz besondere Person, die
Florian Holsboer: mich auch sehr beeindruckt hat in meiner Jugend, weil ich viel
Florian Holsboer: mit ihm zusammen sein durfte.
Florian Holsboer: Emeric Pressburger war ein ein
Florian Holsboer: ungarischer Jude, der englische
Florian Holsboer: Romane schrieb.
Florian Holsboer: Einer dieser Romane war Killing
Florian Holsboer: a Mouse on Sunday, und da will
Florian Holsboer: ich jetzt nicht drauf eingehen,
Florian Holsboer: was es mit diesem Titel auf sich
Florian Holsboer: hat.
Florian Holsboer: Aber dieser Roman war so erfolgreich, der erschien in
Florian Holsboer: allen Herrgotts Ländern, auch auf Japanisch, und es war für
Florian Holsboer: ihn ganz komisch, wenn er so ein Buch aufschlug und seinen Text
Florian Holsboer: auf Japanisch da stand, wusste er gar nicht, wo er da ist.
Florian Holsboer: Und dieser Film, äh, dieser,
Florian Holsboer: dieser Roman wurde dann auch
Florian Holsboer: verfilmt in Hollywood und mit
Florian Holsboer: einer Besetzung, die man sich
Florian Holsboer: heute überhaupt nicht vorstellen
Florian Holsboer: könnte, weil sie nicht bezahlbar
Florian Holsboer: wäre, nämlich Da spielte Gregory
Florian Holsboer: Peck, Anthony Quinn und Omar
Florian Holsboer: Sharif.
Florian Holsboer: Alles drei Top Top Schauspieler
Florian Holsboer: in Hollywood und obendrauf
Florian Holsboer: führte die Regie Fred Zinnemann,
Florian Holsboer: der selber schon fünf Oscars für
Florian Holsboer: Filmarbeiten gewonnen hatte, zu
Florian Holsboer: diesem Zeitpunkt.
Florian Holsboer: Und auch Emmerich hatte für
Florian Holsboer: eines seiner Drehbücher einen
Florian Holsboer: Oscar gewonnen.
Florian Holsboer: Alles in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache war.
Florian Holsboer: Schon sehr beachtlich, diese
Florian Holsboer: Leistung und diese Freundschaft
Florian Holsboer: zog sich dann so weit fort, dass
Florian Holsboer: Emmerich zum Star, später nach
Florian Holsboer: Thiersee in Tirol zog, dort ein
Florian Holsboer: Haus baute und wir praktisch
Florian Holsboer: Nachbarn waren.
Florian Holsboer: Und dieser Emeric Pressburger
Florian Holsboer: war eine, war zeitlebens sein
Florian Holsboer: bester Freund.
Daniela Holsboer: Spannend, Spannend.
Daniela Holsboer: Ja, also da träumt man als junge Autorin nur davon.
Daniela Holsboer: Von so einer Karriere.
Daniela Holsboer: Toll.
Daniela Holsboer: Und dann?
Daniela Holsboer: Aber irgendwann ist er dann doch
Daniela Holsboer: wieder nach Deutschland
Daniela Holsboer: gegangen, richtig?
Florian Holsboer: Ja, also die Motivation hierfür kann man sich nur so vorstellen,
Florian Holsboer: dass natürlich Deutschland die Heimat von seiner von ihm war,
Florian Holsboer: aber auch von seinen Kindern und seiner Gräfin zu Brockdorff.
Florian Holsboer: Also irgendwo hat er dann gedacht, als der Krieg vorbei
Florian Holsboer: war, Dass dann doch wieder nach Deutschland zurückgehen wollte.
Florian Holsboer: Und vielleicht hat er auch
Florian Holsboer: gewünscht, dass er das, was er
Florian Holsboer: an der Ufa so Hals über Kopf
Florian Holsboer: verlassen musste, dann
Florian Holsboer: anschließend nach dem Krieg
Florian Holsboer: wieder aufbauen könnte, um eine
Florian Holsboer: nicht mehr vorhandene
Florian Holsboer: Filmindustrie wieder in
Florian Holsboer: Deutschland aufleben lassen zu
Florian Holsboer: können.
Florian Holsboer: Und das war auch relativ einfach, denn die Alliierten
Florian Holsboer: haben ihm fürs Filmemachen die Leistungsnummer eins gegeben.
Florian Holsboer: Darauf war er sehr stolz.
Florian Holsboer: Dass er diese Lizenz bekommen hatte, gründete dann in München
Florian Holsboer: die Carlton Filmgesellschaft.
Florian Holsboer: Und dann waren seine Filme, die
Florian Holsboer: waren alle Welterfolge, das
Florian Holsboer: doppelte Lottchen.
Florian Holsboer: Wir haben bei uns zu Hause sogar
Florian Holsboer: noch ein altes Filmplakat mit
Florian Holsboer: der japanischen Version von dem
Florian Holsboer: doppelten Lottchen.
Florian Holsboer: Also schon der deutsche Film,
Florian Holsboer: aber eben dann japanisch
Florian Holsboer: synchronisiert.
Florian Holsboer: Musste ja komisch gewesen sein.
Florian Holsboer: Dann das fliegende
Florian Holsboer: Klassenzimmer, die Gräfin
Florian Holsboer: Mariza, der Bettelstudent
Florian Holsboer: Alraune nicht.
Florian Holsboer: War das der erste Film mit mit mit Hildegard Knef, wo man auch
Florian Holsboer: sekundenlang den Busen von ihr nackt bewundern kann.
Florian Holsboer: Dann ein Antikriegsfilm „Unruhige Nacht“ mit Bernhard
Florian Holsboer: Wicky, und dann drehte er die Försterchristl neunzehn hundert
Florian Holsboer: zwei und fünfzig mit der Johanna Matz und dem wunderbaren Carl
Florian Holsboer: Schönberg aus München.
Florian Holsboer: Der neunzehn hundert zwei und
Florian Holsboer: sechzig hat das noch mal gedreht
Florian Holsboer: mit Sabine Sinjen und Peter
Florian Holsboer: Weck.
Florian Holsboer: Das Weiße Rössl hatte auch zwei hundert neunzehn hundert zwei
Florian Holsboer: und fünfzig gedreht.
Florian Holsboer: Also ein sprudelte nur so mit Johanna Matthäus und Johannes
Florian Holsboer: Heesters in den Hauptrollen.
Florian Holsboer: Und dann, acht Jahre später, neunzehn hundert sechzig, noch
Florian Holsboer: einmal mit Waltraut Haas und dem unvergessenen Peter Alexander.
Florian Holsboer: Alles Riesenerfolge, die eben in alle Länder exportiert wurden.
Florian Holsboer: Und heute muss man sich diesen
Florian Holsboer: Erfolg eben so vorstellen, dass
Florian Holsboer: wenn man sich erinnert, wie es
Florian Holsboer: den Menschen ging, war diese
Florian Holsboer: leichte Muse, dieser
Florian Holsboer: Unterhaltungsfilm, der einfach
Florian Holsboer: Freude machte.
Florian Holsboer: Ja, das war damals das
Florian Holsboer: Allerbeste, was man bringen
Florian Holsboer: konnte.
Florian Holsboer: Und das war sein großer Erfolg damals.
Daniela Holsboer: Ja, und das hat er auch geschafft.
Daniela Holsboer: Also ich bin auch mit dem Weißen
Daniela Holsboer: Rössl mit Peter Alexander
Daniela Holsboer: aufgewachsen.
Daniela Holsboer: Also wir haben die Filme auch so gern geschaut.
Daniela Holsboer: Also dieses, dieses Heitere, dieses Leichte.
Daniela Holsboer: Meine Schwester hat es auch geliebt.
Daniela Holsboer: Also er wirkt so lange nach.
Daniela Holsboer: Ja, das ist doch eigentlich auch unglaublich schön zu sehen, dass
Daniela Holsboer: ihm das gelungen ist.
Daniela Holsboer: Und lass uns noch mal den Bogen
Daniela Holsboer: zum Anfang spannend, weil der
Daniela Holsboer: hat mir schon Stichwort
Daniela Holsboer: Longevity.
Daniela Holsboer: Also dein Stiefvater ist drei
Daniela Holsboer: und neunzig geworden, super
Daniela Holsboer: lange.
Daniela Holsboer: Was war jetzt sein Longevity Geheimnis?
Daniela Holsboer: Gute Gene oder einfach nur Glück?
Florian Holsboer: Also er hatte schon eine Rossnatur.
Florian Holsboer: Er war sehr robust und belastbar.
Florian Holsboer: Gesundheitsbewusst wurde er eigentlich erst Unter der
Florian Holsboer: Fürsorge meiner Mutter, die dann immer aus dem Reformhaus alle
Florian Holsboer: möglichen Säfte und Pulver brachte, die da helfen soll.
Florian Holsboer: Man muss man sich vorstellen, wie die aufgewachsen sind.
Florian Holsboer: Er war ja Seekadett und mal so eine Episode, wie sowieso die
Florian Holsboer: Seekadetten rekrutiert wurden.
Florian Holsboer: Also die wollten ja alle
Florian Holsboer: Offizier werden und die mussten
Florian Holsboer: dann eben mit den Offizieren
Florian Holsboer: Alkohol trinken.
Florian Holsboer: Und diejenigen, die relativ früh dann also die Contenance
Florian Holsboer: verloren hatten, sie ausfällig wurden, die wurden dann schon
Florian Holsboer: mal ausgemustert, die konnten nicht Offizier werden.
Florian Holsboer: Also ich vermute mal, dass in
Florian Holsboer: der Bundeswehr heute andere
Florian Holsboer: Eignungstests im Vordergrund
Florian Holsboer: stehen.
Florian Holsboer: Er rauchte zehn Importzigarren auf Lunge pro Tag.
Florian Holsboer: Ob das dann nur die gute
Florian Holsboer: Meeresluft war, die ihn so
Florian Holsboer: robust gemacht hat oder doch
Florian Holsboer: nicht?
Florian Holsboer: Auch sehr vorzügliche genetische
Florian Holsboer: Grundausstattung, das weiß ich
Florian Holsboer: nicht.
Florian Holsboer: Ich glaube, die Veranlagung war schon auch eine sehr günstige.
Florian Holsboer: Er hatte eine schwere Augenerkrankung, eine sogenannte
Florian Holsboer: altersabhängige Makuladegeneration, aufgrund
Florian Holsboer: derer man sehr schlecht sieht, muss man beim Fernsehen ganz nah
Florian Holsboer: am Fernsehapparat sitzen und er konnte nicht mehr lesen, was für
Florian Holsboer: ihn eine große Belastung war.
Florian Holsboer: Und meine liebe Mutter, die ja eine sehr gute Sprache hatte
Florian Holsboer: durch die Schauspielschule, hat ihm dann alles auf Band gelesen.
Florian Holsboer: Man muss sich das mal vorstellen.
Florian Holsboer: Sie hat ihm dieses grandiose
Florian Holsboer: Werk von Golo Mann, Deutsche
Florian Holsboer: Geschichte des neunzehnte und
Florian Holsboer: zwanzigste Jahrhunderts, ein
Florian Holsboer: Standardwerk total auf Band
Florian Holsboer: gesprochen.
Florian Holsboer: Das hat über ein tausend Seiten.
Florian Holsboer: Das war schon eine auch eine ganz liebe, liebe Frau, dass sie
Florian Holsboer: das alles für ihn gemacht hat.
Daniela Holsboer: Und so keck und kess wie sie
Daniela Holsboer: war, ist sie nach seinem Tod
Daniela Holsboer: noch mal eine, sagen wir mal,
Daniela Holsboer: ernsthafte Lebenspartnerschaft
Daniela Holsboer: eingegangen.
Florian Holsboer: Nein, als Als sie starb, war sie sieben und fünfzig Jahre alt.
Florian Holsboer: Sie hatte wechselnde
Florian Holsboer: Beziehungen, mehrere
Florian Holsboer: gleichzeitig.
Florian Holsboer: Ich habe das ja im Zusammenhang
Florian Holsboer: mit der Geburtstagsfeier schon
Florian Holsboer: mal geschildert.
Florian Holsboer: Ich war ein und dreißig, stark beschäftigt.
Florian Holsboer: Ich war als Chemiker an der Kinderklinik eingestellt, habe
Florian Holsboer: nebenher Medizin studiert.
Florian Holsboer: Ich kümmerte mich, so gut ich konnte.
Florian Holsboer: Und sie haderte schon auch mit dem Leben.
Florian Holsboer: Sie hätte gern mehr von mir gehabt, aber mehr ging nicht.
Florian Holsboer: Und das hat sie dann auch am Ende verstanden.
Daniela Holsboer: Lieber Florian, ich könnte dir
Daniela Holsboer: noch Stunden zuhören, aber für
Daniela Holsboer: heute machen wir mal einen
Daniela Holsboer: Punkt.
Daniela Holsboer: Wir haben ja zum Glück die Gelegenheit, die spannende
Daniela Holsboer: Lebensgeschichte von dir noch weiter zu erzählen.
Daniela Holsboer: Wir haben heute jetzt erst mal
Daniela Holsboer: den kleinen Jungen
Daniela Holsboer: kennengelernt.
Daniela Holsboer: Neunzehn Tage nach Kriegsende
Daniela Holsboer: geboren, in den Ruinen Münchens
Daniela Holsboer: gespielt und auf dem Eis
Daniela Holsboer: gelaufen.
Daniela Holsboer: Wir haben über weiche, warme
Daniela Holsboer: Pferdeschnauzen gesprochen und
Daniela Holsboer: über eine liebende Mama und zwei
Daniela Holsboer: Väter, die dich beide geprägt
Daniela Holsboer: haben.
Daniela Holsboer: In der nächsten Folge sprechen wir darüber, wie aus einem.
Daniela Holsboer: Hast du heute schon angedeutet.
Daniela Holsboer: Einem eher mittelmäßigen Schüler
Daniela Holsboer: aber dann doch ein
Daniela Holsboer: Spitzenstudent wurde.
Daniela Holsboer: Warum ausgerechnet die Chemie bei dir alles veränderte und
Daniela Holsboer: weshalb du im entscheidenden Moment immer wieder richtig
Daniela Holsboer: abgebogen bist als Schüler, Mittelmaß, als Student,
Daniela Holsboer: Spitzenklasse der Überflieger.
Daniela Holsboer: So geht's weiter in der nächsten Folge von Alles nur im Kopf.
Daniela Holsboer: Danke dir, lieber Florent, für
Daniela Holsboer: heute und danke, ihr Lieben fürs
Daniela Holsboer: Zuhören.
Daniela Holsboer: Wir hören uns hoffentlich bald wieder.
Daniela Holsboer: Tschüss.
Florian Holsboer: Danke.
Moderator: Mehr Informationen zum Thema
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